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Dem Mahnmal fehlen die Worte

Wer vom Brandenburger Tor durch den Tiergarten zum Reichstag geht, trifft etwas unvermittelt auf ein großes Schild mit der Aufschrift: „Hier entsteht das nationale Holocaust-Denkmal für die im nationalsozialistisch besetzten Europa ermordeten Sinti und Roma.“ Neben dem fast vollendeten Holocaustmahnmal für die ermordeten Juden Europas wird hier wohl in absehbarer Zeit ein kleinerer Versuch, Schuld zu zementieren, entstehen. Der Bildhauer Dani Karavan, bekannt für seine begehbaren Großkunstwerke, hat bereits einen vorläufigen Entwurf vorgestellt. Nach den Plänen des 1930 in Tel Aviv geborenen Künstlers soll eine in einem künstlichen See versenkbare Stele an die Ermordung und Verfolgung der Zigeuner durch die Nationalsozialisten erinnern. Doch obwohl das Land Berlin das Grundstück in Sichtweite des Reichstages schon zur Verfügung gestellt hat und auch der Bund die rund zwei Millionen Euro für den Bau des Denkmales bewilligte, wird der Baubeginn des geplanten Mahnmales immer wieder verschoben. Ursprünglich sollte bereits Anfang 2004 der erste Spatenstich erfolgen. Romani Rose, der Vorsitzende des Zentalrates deutscher Sinti und Roma, wirft der Bundesregierung daher Verzögerungstaktik vor. Doch scheint Rose eher an den Schlagzeilen interessiert zu sein, anstatt den Grund der Bauverzögerung anzugehen: Dies liegt nämlich nicht etwa daran, daß die Bundesregierung ein weiteres Denkmal verhindern will, sondern ist der Zerstrittenheit derer geschuldet, denen das Denkmal gewidmet werden soll. Und genau diese Widmung ist das Problem: Der Zentralrat der Sinti und Roma spricht sich für ein Zitat des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog aus dem Jahr 1997 aus: „Der Völkermord an den Sinti und Roma ist aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns, mit dem gleichen Vorsatz, mit dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung durchgeführt worden wie der an den Juden. Sie wurden im gesamten Einflußbereich der Nationalsozialisten systematisch und familienweise vom Kleinkind bis zum Greis ermordet.“ Um die Forderung zu unterstreichen, dieses Zitat als Mahnmal-Inschrift durchzusetzen, hat der Zentralrat Herzogs Worte auf das Ankündigungsschild in Sichtweise des Reichstags schreiben lassen. Dem Ansinnen leistet jedoch die Sinti-Allianz Deutschland e.V. Widerstand, da nicht nur Sinti und Roma, sondern alle Volksstämme wie unter anderem auch die Lalleri, Manusch oder Kale betroffen gewesen seien. Die letztgenannten wären dann aber durch Nichtnennung diskriminiert. Daher hat Kulturstaatsministerin Christina Weiss nun folgende Widmung vorgeschlagen: „Wir gedenken aller Sinti und Roma, die von den Nationalsozialisten in ihrem Rassenwahn menschenverachtend als Zigeuner diffamiert und in Deutschland und Europa systematisch verfolgt wurden, und wir trauern um alle Kinder, Frauen und Männer, die Opfer dieses vorsätzlichen und planmäßigen Völkermordes wurden.“ Der Zentralratsvorsitzende Rose erachtete diesen und zwei weitere Entwürfe jedoch für unhaltbar. Das Wort „Zigeuner“ sei diskriminierend. „Das ist eine Terminologie, die die Nazis geprägt haben“, sagte Rose. Das scheinen jedoch bei weitem nicht alle Zigeuner so zu sehen: Natascha Winter, die Vorsitzende der Sinti-Allianz, begrüßt das Wort Zigeuner, um alle Stämme mit einzuschließen. Auch scheint die Auffassung, daß Zigeuner ein diskriminierender Begriff sei, nur begrenzt Zustimmung zu finden – viele Zigeuner nennen sich selber so. Ausdrücklich wird Staatsministerin Weiss von seiten der Sinti-Allianz für ihre Einbeziehung aller von den Opferverbänden auf eine halbe Million bezifferten ermordeten Zigeuner gedankt. Weiter heißt es auf deren Netzseite: „Die Reduzierung der Zigeuner-Opfer der Nazidiktatur auf Sinti und Roma wäre jedoch eine unverzeihliche Mißachtung und Ausgrenzung der übrigen Zigeuner-Opfer und eine Leugnung ihrer Identität.“ Das Wort Zigeuner scheinen die Mitglieder der Sinti-Allianz also nicht als Beleidigung zu verstehen. Die Sinti-Allianz erhebt ausdrücklich den Anspruch, Vertreter aller Zigeuner zu sein. Der Zentralratsvorsitzende Rose wiederum beharrt auf seinem Alleinvertretungsanspruch und lehnt ein klärendes Gespräch mit der Kulturstaatsministerin ab. Die Ausgrenzung von Opfern fand schon viel früher statt Schließlich schaltete sich Ende November der Bundestag ein. Die kulturpolitischen Sprecher von SPD, CDU, Grünen und FDP unterbreiteten folgenden Widmungsvorschlag: „Wir gedenken aller Kinder, Frauen und Männer, die von den Nationalsozialisten in ihrem menschenverachtenden Rassenwahn als Zigeuner in Deutschland und Europa verfolgt und ermordet wurden. Wir trauern um alle Opfer dieses systematisch geplanten Völkermordes. Ihre Leidensgeschichte soll den nachfolgenden Generationen als Mahnung dienen.“ Doch auch diesmal blieb Rose stur, offiziell war wieder das Wort „Zigeuner“ Stein des Anstoßes. Der kulturpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Eckhardt Barthel, kam daher zu dem Ergebnis, daß nicht Weiss, sondern einzig Rose den Baubeginn des Mahnmals verzögere. Anstatt tatsächlicher Diskriminierung oder Ausgrenzung von Opfern scheint hier also doch eher ein Machtkampf unter den verschiedenen Verbänden der Opfervertreter ausgetragen zu werden. Die Ausgrenzung fand übrigens schon bei einer anderen Denkmalsdiskussion statt: Als nämlich der Förderkreis der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ um Lea Rosh entschieden ablehnte, eine Gedenkstätte unter Einbeziehung der Zigeuner zu schaffen. Foto: Hinweistafel in Sichtweite des Reichstages: Der erste Spatenstich für das lange geplante Denkmal war bereits für Anfang 2004 geplant

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