Joachim Kuhs

 

Versteppung der Gehirne

Als ich neulich einen alten Auslandskorrespondeten-Kollegen wiedertraf, diskutierten wir auch vermeintlich neue Konflikte in unseren alten Wirkungsstätten: über aufflammende Spannungen zwischen Rumänien und Ungarn, über ungelöste Nationalitätenkonflikte, über die angespannte Situation im Kosovo und in Bosnien, wo westliche Interventionen zwar eine Fassade von Normalität hergestellt haben, der Zündstoff aber unter der Decke weiterschwelt.

Wir streiften das Baltikum, dessen Beziehungen zu Rußland nicht bereinigt sind, und waren uns darüber einig, daß auch in den scheinbar vorbildlichen EU-Kandidatenländern wie Ungarn und Polen gewaltige soziale Probleme virulent sind. Seltsam sei nur, meinte der alte Kollege, daß dies alles in den deutschen Medien kaum in Erscheinung trete. Einst sei die bundesdeutsche Auslandsberichterstattung aus den osteuropäischen Ländern – trotz der Schwierigkeiten journalistischer Arbeit aus kommunistisch regierten Staaten – "Weltklasse" gewesen.

Jetzt hingegen sei davon nichts übriggeblieben. Allein im damaligen Tito-Jugoslawien war eine Reihe von Korrespondenten tätig. Unter ihnen gab es nicht wenige, welche nicht nur die Landessprache beherrschten, sondern auch die geschichtlichen Hintergründe gut kannten, ohne die man – vor allem auf dem Balkan – aufgeschmissen ist: Johann Georg Reissmüller und Andreas Graf Razumovsky (FAZ), Viktor Meier (NZZ/FAZ) oder Gustav Chalupa (Rias Berlin, ARD, ORF, Salzburger Nachrichten); dann die Korrespondenten mittlerer Tageszeitungen, wie etwa Raymund Hörhager oder Johann Balvany. Aus dem angelsächsischen Raum sollte man – auch hier pars pro toto – Eric Bourne (Christian Science Monitor) und Desa Trevisan (The Times) nicht vergessen. Enzo Bettizza – ein in Dalmatien geborener Italiener, der Kroatisch sprach – berichtete für die Turiner La Stampa.

Sie waren ideologisch ganz unterschiedlich gestrickt: Einige kamen von links und hatten als (bald ernüchterte) Tito-Anhänger begonnen. Manche kamen aus dem klassischen bürgerlichen, analytischen Journalismus, waren konservativ, teils auch prononciert katholisch, was ihnen erleichterte, die Dinge zu durchschauen. Andere waren Sudetendeutsche oder Deutschbalten und kannten Nationalitätenprobleme – um die es schlußendlich im Südosten ging. So kam es, daß die FAZ oder Die Welt in der Beurteilung der Balkan-Entwicklung richtig lagen: den gestandenen Korrespondenten konnte man nichts vormachen, sie blickten hinter die kommunistische Fassade.

Heute, so meinte mein alter Kollege, sei das alles verschwunden. Die Verlage hätten das Interesse an einer konsistenten und analytischen Berichterstattung verloren. Auf journalistische Spitzenleute lege man keinen Wert: Sie seien zu "teuer". Folglich entsende man meist sprachunkundige Amateure, die dann mehr oder weniger die offizielle EU- und Nato-Linie nachbeten.

Das aber habe zur Folge, daß auch die "Rückkopplung" zwischen Auslandskorrespondenten einerseits sowie Politikern und Diplomaten andererseits nicht mehr funktioniere. Deshalb wisse die deutsche Öffentlichkeit heute weniger über den Balkan und den Südosten als zu Zeiten kommunistischer Diktatur. Hier werde sichtbar, was das Ende des bürgerlich-analytischen Journalismus für das gesamte öffentliche Klima bedeute: eine "Versteppung der Gehirne". Ich konnte ihm da leider nicht widersprechen.

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