Überfallen, entführt und ermordet

Es geschah am 8. Juli 1952. Walter Linse wurde im Westteil Berlins von bezahlten Kriminellen im Auftrag des Staatssicherheitsdienstes auf offener Straße überfallen und in den Ostsektor entführt. Von dort aus wurde er nach Moskau überstellt, am 23. September von einem sowjetischen Militärtribunal wegen angeblicher Spionage zum Tode verurteilt. Linse war ein führender Mitarbeiter des Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen (UfJ), der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Öffentlichkeit in Westdeutschland und innerhalb der gesamten westlichen Staatengemeinschaft über Menschenrechtsverletzungen und politische Willkürurteile in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR aufzuklären. Weiter ermöglichte er der mitteldeutschen Bevölkerung Rechtshilfe. Kurz vor seiner Entführung bereitete er unter anderem den Internationalen Juristen-Kongreß vor, auf dem sich vom 25. bis 28. Juli 1952 in (West-)Berlin führende Gelehrte aus 42 Ländern mit den Rechtsbrüchen in der DDR beschäftigten. Schon allein aufgrund dieser Tätigkeit geriet er in das Visier der kommunistischen Machthaber – was ihn schnell das Leben kosten sollte. An ihn und sein Schicksal sollte am 15. Dezember im Schöneberger Rathaus erinnert werden. An der Veranstaltung, die vom Bund der Stalinistisch Verfolgten (BSV) Berlin-Brandenburg und der Gedenkstätte Hohenschönhausen organisiert wurde, nahmen etwa 130 Personen teil, unter ihnen Edzard Reuter, der Sohn des berühmten Berliner Bürgermeisters Ernst Reuter. Kurze Ansprachen hielten der Berliner Bildungssenator Klaus Böger, der eigens zur Gedenkfeier aus den USA angereiste Neffe Linses, Peter Seifert, der Sprecher des Kurt-Schumacher-Kreises, Hermann Kreutzer, und der Vorsitzende des BSV Berlin-Brandenburg, Harald Strunz. Alle Redner betonten, daß im Denken und Handeln Linses das Ringen um politische Freiheit und der unermüdliche Kampf gegen die Diktatoren in Mitteldeutschland und in Osteuropa die entscheidenden Ansatzpunkte waren. Ferner wurde herausgehoben, daß seine diesbezüglichen unermüdlichen Aktivitäten und sein idealistisches Streben, welches er schließlich sogar mit einer Hinrichtung bezahlte, heute ebenso wie früher gerade für die jüngere Generation als Vorbild dienen können. Gleichfalls sei sein Schicksal eine Mahnung, sich gegen alle Versuche, einer Verharmlosung der kommunistischen Gewaltherrschaft in der DDR das Wort zu reden, zu wehren. Zur Illustration des damaligen Geschehens wurde während der Veranstaltung eine Rede Ernst Reuters abgespielt, die dieser unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Entführung im Westen vor dem Schöneberger Rathaus hielt.

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