Sieg statt Versöhnung

Im kleinen Taunusdorf Marienfels wächst der Druck gegen das dortige Denkmal, das an 20.000 im Zweiten Weltkrieg gefallene Soldaten des 1. Panzerkorps erinnert (JF berichtete mehrfach). Inzwischen hat eine Teildemontage stattgefunden. Die zwei etwa 60 mal 40 Zentimeter großen Wappen am Sockel der Anlage, die die Abzeichen der 1. und der 12. Panzerdivisionen des Korps zeigen, sind auf Anordnung der Verbandsgemeinde Nastätten, zu der das 370-Seelen-Dorf Marienfels gehört, entfernt worden. Kaum war der letzte Ton der nur noch provisorisch durchgeführten Volkstrauertagsfeier der Veteranen – die wider Erwarten ohne Eklat verlaufen war – verklungen, drückte Verbandsgemeindebürgermeister Raimund Friesenhahn dem verdutzten Vorsitzenden des Veteranenverbandes, Claus Cordsen, eine Verfügung über die Entfernung der Divisionsabzeichen auf Kosten der Veteranen in die Hand. Die Verbandsgemeinde stellt in ihrem Bescheid fest, daß die Divisionsabzeichen eine „Störung der öffentlichen Sicherheit“ und zudem nach Paragraph 86 des Strafgesetzbuches „strafrechtlich verboten“ seien. „Das ist mir nicht nur deshalb ein Rätsel“, so Claus Cordsen gegenüber der JF, „weil die Wappen 32 Jahre lang unbeanstandet geblieben und als Bestandteil des Denkmals 1971 sogar in Anwesenheit der damaligen Ortsprominenz feierlich miteingeweiht worden sind, sondern weil ich mir auch nicht erklären kann, daß zum Beispiel das Darstellen eines Dietrichs in Deutschland einen Straftatbestand erfüllen soll.“ Eines der Wappen zeigt tatsächlich lediglich einen Dietrich, ein Instrument zum Öffnen von Türen ohne Schlüssel. Das andere präsentiert eine sogenannte Sig-Rune, wie sie auch im Schriftzug der SS verwendet worden war, allerdings verfremdet, „damit eine Übereinstimmung nicht mehr gegeben ist“, so Cordsen. Doch, so Friesenhahn, da laut Kontrollratsgesetz vom Oktober 1945, die NSDAP und ihre Gliederungen, also auch die Waffen-SS, verboten sei, handle es sich bei Rune und Dietrich um „faschistische Symbole“, wie es eine Presseinformation der zuständigen evangelischen Kirche Süd-Nassau nennt. Cordsen ist empört: „Ich habe mich 1940 zu einer militärischen Elitetruppe, nicht in die Partei gemeldet! Dann wären unsere 400.000 Kameraden nicht als Soldaten, sondern als Parteimitglieder gefallen. Eine groteske Konstruktion, die eher der politischen Korrektheit als den geschichtlichen Tatsachen entspringt“. Sollte Friesenhahn den Bescheid nicht zurücknehmen, will Cordsen klagen. Eine schriftliche Anfrage der JUNGEN FREIHEIT, den Sachverhalt aus seiner Perspektive darzustellen, ließ der Verbandsbürgermeister bis Redaktionsschluß unbeantwortet. Rufmordkampagne gegen Bürgermeister Harlos? Unterdessen sieht sich der Marienfelser Ortsbürgermeister Axel Harlos nach eigenem Bekunden einer „Rufmordkampagne“ ausgesetzt. Auf einer Internetseite war der Fall Marienfels in empörtem Duktus dokumentiert und Fotos von Bürgermeister Harlos und – unter der Überschrift „Denkmalschändung im Auftrag Gottes?“ – von Ortspfarrer Mathias Moos veröffentlicht worden. Der Betreiber der Seite, die sich allgemein der Pflege und dem Erhalt von Grabanlagen widmet, der Steinmetz Norbert Heyeckhaus aus dem 20 Kilometer entfernten Altendietz, bekennt sich gegenüber der JF zu einer „Provokation aus Empörung“. Den Rufmordvorwurf könne er nicht nachvollziehen, denn er betrachte die Sache „nicht juristisch, sondern moralisch“: „Ich bin ein großer Freund von Polemik, und wie ich inzwischen festegestellt habe, der Herr Pfarrer und der Herr Bürgermeister ebenfalls.“ Er habe „streiten, nicht hetzen“ wollen, „sonst hätte ich parallel nicht beide angeschrieben“. Den Schriftverkehr haben Pfarrer und Bürgermeister freilich eingestellt, nachdem sie ihre Fotos im Netz entdeckt haben. Als Heyeckhaus eine Unterlassungserklärung ins Haus flatterte, nahm er die beanstandeten Bilder aus dem Netz. Harlos will den „Denkmalschänder“ verständlicherweise nicht auf sich sitzen lassen und greift nun seinerseits zu drastischen Worten: Heyeckhaus gilt ihm gegenüber der JF als „Einzelperson der rechten Szene“. Damit sieht sich wiederum der Steinmetz verunglimpft, zumal die Verleumdung gegen ihn inzwischen auch von der evangelischen Kirche Süd-Nassau per Internet kolportiert wird. Gemeindepfarrer Moos verzichtete derweil darauf, den Sachverhalt aus seiner Sicht zu schildern, „für Sie ist er nicht zu sprechen“, wie er der JF mitteilen ließ. Doch auch im Umfeld des Kameradschaftsverbandes kriselt es. Einige wenige Ehemalige und Mitglieder des noch etwa 800 Mann starken Veteranenvereins murren über den Nachwuchs im Verband: Der Kameradschaftsverband sei schließlich ein Soldatenverein, die Jungen seien „nicht dabei“, ja „zum Teil nicht einmal bei der Bundeswehr“ gewesen. Bezieht sich die Kritik auch auf eventuelle politische Aktivitäten des Nachwuchses, wie Bürgermeister Harlos stets vermutet hat? So weit wollen die Kritiker, die ungenannt bleiben wollen, auf Nachfrage der JUNGEN FREIHEIT nicht gehen, warnten allerdings vor „Blauäugigkeit“, der Verband habe schließlich „keine Kontrolle“ darüber, was einige Junge so machen. Cordsen sieht darin jedoch nichts weiter als üble Nachrede, ausgehend von einem ehemaligen Mitglied, das sich dafür rächen will, daß man im Streit auseinander gegangen ist – und zumindest ein Kritiker gab gegenüber der JF zu, daß dieser Faktor „auch“ eine Rolle spiele. Der „Kompromiß“: Das Denkmal kommt weg Unterdessen ist nach der Großdemonstration von 750 Personen Ende November aus dem Umkreis sogenannter „rechtsgerichteter“ Freier Kameradschaften, Bürger, Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und, nach Angaben des Ortsbürgermeisters, auch zahlreicher Einwohner von Marienfels, offenbar wieder Ruhe ins Dorf eingekehrt. Die Freien Kameradschaften kündigten jedoch nach Presseberichten inzwischen an, sollte das Denkmal abgerissen werden, würde man sich künftig jedes Jahr in Marienfels zum Protestmarsch versammeln. Eine prekäre Drohung, wünschen Bürgermeister und Gemeinderat nach eigenem Bekunden den Abriß des Gedenksteins doch auch deshalb, weil sie fürchten, er könne sich in Zukunft zu einem Anziehungspunkt für Rechtsextremisten entwickeln. Daß sie den Schutz des Gefallenendenkmals nicht übernommen, sondern den „Freien Kameraden“ überlassen haben, rächt sich nun vielleicht künftig an der Gemeinde. Schon vor der Drohung der Freien Kameradschaften jedoch überraschte Harlos mit einem Anruf bei Cordsen. Nachdem er Cordsen über ein Jahr ein Gespräch verweigert hatte, schlägt er ihm nun vor, das Denkmal noch „zwei bis drei Jahre“ in Marienfels zu dulden, wenn die Veteranen versprechen, danach die Anlage zu demontieren. Das gäbe den alten Soldaten immerhin Zeit, einen neuen Standort zu suchen. Damit hätten sich freilich Bürgermeister und Gemeinderat durchgesetzt: Das Denkmal verschwindet aus dem Dorf, der Anspruch von 20.000 gefallenen Soldaten auf ein würdiges Angedenken wird nicht respektiert, Geschichte wird entsorgt. Das Angebot, unter anderem zum moralischen Gehalt seines „Kompromißvorschlages“ in einem Interview mit der JF Stellung zu nehmen, schlug Harlos aus. Erstaunlicherweise spricht auch Cordsen von einem „Erfolg“, doch es klingt müde. Im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT wird bald klar, daß der Achtzigjährige vor allem froh darüber ist, einen Weg gefunden zu haben, die Niederlage wenigstens unter Gesichtswahrung zu erleiden. Der lange Kampf gegen die Vorurteile der Gegenwart haben Cordsen zermürbt, er sucht nach Rechtfertigungen: „Man muß versuchen zu verstehen, nachdem die jungen Leute von damals in der Waffen-SS – trotz Ehrenerklärung nicht nur Konrad Adenauers und Kurt Schumachers – über Jahrzehnte mit Hilfe aller Medien schlechtgemacht worden sind, können wir den jungen Leuten von heute ihre Intoleranz uns Alten gegenüber kaum persönlich übelnehmen. Sie glauben an das, was man ihnen beigebracht hat, so wie damals wir. Die Ironie ist nur, daß sie uns ausgerechnet das heute unterschwellig immer vorwerfen.“ So geht der Generationenkonflikt von Marienfels nun offenbar zu Ende. Allerdings nicht mit einem Akt der Versöhnung zwischen den Generationen, sondern mit dem Sieg der einen über die andere.

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