Joachim Kuhs

 

Seltsame Unfälle Carl Gustaf Ströhm

Rußland müsse man einfach lieben – auch wenn man es nicht versteht. Diese Maxime der „Russophilen“ im Westen ist noch immer aktuell. Seit dem Zerfall der Sowjetunion wird Rußland in Westeuropa nicht mehr als akute Bedrohung empfunden. Und die Nachrichten aus Moskau sind eher dazu angetan, Mitleid als Schrecken auszulösen: etwa Pannen mit Atom-U-Booten oder die Unfähigkeit der russischen Armee, mit dem kleinen Kaukasusvolk der Tschetschenen fertig zu werden. Und doch erweckt manches, was man zu hören bekommt, Unbehagen. Da ist der Fall des 49jährigen Berliner Botschaftsangehörigen, der letzte Woche aus dem sechsten Stock auf die Straße stürzte. War es Selbstmord – oder doch etwas anderes? Wie ist zu erklären, daß sich zwei weitere „Fensterstürze“ dieser Art während der vergangenen drei Jahre in russischen Auslandsvertretungen abspielten? In der Sowjetära hätte man bei solch mysteriösen Todesfällen den Geheimdienst KGB (bzw. NKWD/GPU) verdächtigt. Jüngst ereignete sich auch in der estnischen Hauptstadt ein seltsamer Fall: Mitten in Reval/Tallinn, unweit des Baltischen Bahnhofs, donnerte ein VW-Bora mit Diplomatenkennzeichen gegen einen Baum. Aus dem ruinierten Fahrzeug stieg ein offensichtlich angetrunkener Mann und lallte: „Ich bin Oberst Schtscherbakow“. Die estnische Polizei war erstaunt: denn Nikolaj Schtscherbakow stand auf der Diplomatenliste nicht als Offizier, sondern als Erster Sekretär der russischen Botschaft. Jetzt stellte sich heraus, daß es sich offenbar um einen diplomatisch getarnten „Kundschafter“ handelte, der sich im Rausch selbst enttarnt hatte. Den Alkoholtest verweigerte der Oberst, der von erschrocken herbeigeeilten Botschaftsangehörigen mühsam aus dem Verkehr gezogen wurde. Daß unter dem aus dem KGB hervorgegangenen russischen Präsidenten Wladimir Putin immer mehr Ex-Geheimdienstler in wichtigen staatlichen Positionen auftauchen, ist ein offenes Geheimnis. In manchen Sparten des Regierungsapparats sollen 40 Prozent der Kader aus Geheimdienstleuten bestehen. Mit dieser Entwicklung hängt zusammen, daß sich – wie der russische Politologe Andrej Piontkowskij jüngst erklärte – Rußland immer weiter von westlichen Vorstellungen entfernt. Unter Putin spreche man von „gelenkter Demokratie“ und auch der Tschetschenien-Krieg sei demokratischem Denken nicht gerade förderlich. Bis heute ist die in Rußland bis in höchste Regierungskreise virulente Verflechtung von Politik, Geheimdienst und Mafia kaum durchleuchtet worden. Unter den fünfzig reichsten „Kapitalisten“ des früheren Ostblocks, die bei der Privatisierung von Staatseigentum durch „Herrschaftswissen“ profitiert haben und insgesamt ein Vermögen von 73 Milliarden Dollar erwarben, befinden sich 31 Russen. Mit geschätzten 8,3 Milliarden Dollar ist der Russe Michail Chodorkowskij der reichste Osteuropäer, gefolgt von seinem Landsmann Roman Abramowitsch mit 7,5 Milliarden. Neben diesem märchenhaften Reichtum lebt in der weiten russischen Provinz eine armselige Bevölkerung oft unterhalb des Existenzminimums. Das allein wird früher oder später für Rußland zur Zerreißprobe – und manche Beobachter meinen, daß nach Putin nichts Besseres nachkommen wird. Das ist wohl der Grund, weshalb Piontkowskij westliche Hoffnungen auf eine Achse Paris – Berlin – Moskau schlichtweg als „Schwachsinn“ ansieht.

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