Orakel vom Tegernsee

Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. Das einzige, was er am Älterwerden bedauere, sagt Franz Schönhuber im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT, ist, daß er sich nicht mehr „am Kampf gegen die amerikanische Weltherrschaft“ beteiligen könne. Dazu fehle ihm heute das politische Umfeld, erklärt der Publizist und frühere Republikaner-Vorsitzende, der an diesem Freitag seinen 80. Geburtstag feiern kann. Von einer großen Feier will der Jubilar allerdings nichts wissen. Statt dessen gönnt Schönhuber sich mit seiner Frau Ingrid eine Auslandsreise. Wohin die Reise geht, mag er nicht verraten, dafür läßt er durchblicken, daß sie auch eine Flucht ist. Eine Flucht vor den immer gleichen Fragen: Was sagt er zum Zustand seiner ehemaligen Partei, den Republikanern? Wie hält er es mit einer Zusammenarbeit der bestehenden Rechtsparteien? Was denkt er über eine neue Parteigründung? Welche Chancen und Perspektiven hat die deutsche Rechte überhaupt noch angesichts ihres desolaten Zustands? Die Rolle als Orakel vom Tegernsee ist Franz Schönhuber nicht in die Wiege gelegt worden. Geboren am 10. Januar 1923 im oberbayerischen Trostberg als Sohn eines Metzgermeisters und Viehhändlers, meldet Schönhuber sich nach dem Abitur in München 1942 als Freiwilliger zur Waffen-SS. Vier Jahrzehnte später wird er dazu in seinem Bestseller „Ich war dabei“ schreiben: „Schon damals machte sich bei mir eine Eigenschaft bemerkbar, die mir auch später noch oft genug zu schaffen machte: eine ausgesprochene Ruhmsucht, etwas Besonderes, mit gewöhnlichen Sterblichen nicht Vergleichbares zu sein, den Viehhändlersohn zu verdrängen und die Herkunft durch besondere Leistungen zu kompensieren.“ Schönhuber kommt zur Leibstan-darte Adolf Hitler, ist im Kriegseinsatz auf Korsika und wird Ausbilder bei der Division Charlemagne. Gegen Kriegsende gerät er in englische Gefangenschaft, aus der er im Juli 1946 nach Bayern zurückkehrt. Im Spruchkammerverfahren wird er als Mitläufer eingestuft; als Sühnebetrag muß er 500 Reichsmark zahlen. Schönhuber will jetzt Geschichte studieren; das Vorhaben scheitert am Geld und den Zulassungsverordnungen. Daraufhin volontiert er zunächst in der Setzerei eines Münchner Verlages. Seine journalistische Laufbahn beginnt er als Sportreporter der – wie sich später herausstellt – von der Kommunistischen Partei finanzierten Deutschen Woche, danach wird er für kurze Zeit Chefredakteur der Münchner Boulevardzeitung tz und arbeitet als Kolumnist der Münchner Abendzeitung und der Illustrierten Quick. Anfang der siebziger Jahre wechselt er von den Printmedien zum Bayerischen Rundfunk. Dort steigt er vom freien Mitarbeiter bis zum Leiter der Hauptabteilung „Bayern-Information“ und stellvertretenden Chefredakteur auf. Popularität erlangt er durch die Moderation der Sendung „Jetzt red i“. Von 1970 bis 1977 ist er Vorsitzender des Bayerischen Journalistenverbandes, danach bis zu seiner Abwahl 1982 Ehrenvorsitzender. Der Karriereknick folgt 1981, als sein Buch „Ich war dabei“ erscheint, das einen Sturm der Entrüstung auslöst. Schönhubers ungeschminktes Bekenntnis zu seiner Waffen-SS-Vergangenheit kostet ihn nicht nur seinen Posten im Bayerischen Rundfunk, sondern vor allem auch seine Reputation. Langjährige Kollegen wenden sich von ihm ab, Politiker, die bis dahin die Nähe des populären Journalisten gesucht hatten, wollen plötzlich nichts mehr mit ihm zu tun haben. Schönhuber, einst Mitglied des einflußreichen Franzens-Club um Franz Josef Strauß, wird innerhalb kürzester Zeit zu einem Ausgestoßenen, einem Unberührbaren. Dieser Umbruch seiner persönlichen Lebenssituation ereignet sich vor dem Hintergrund der Enttäuchung vieler Unionsanhänger über das Ausbleiben der „geistig-moralischen Wende“ nach dem Regierungswechsel zu Helmut Kohl und des Unmuts über den von Franz Josef Strauß eingefädelten Milliardenkredit an die DDR. Die CSU-Bundestagsabgeordneten Franz Handlos und Ekkehard Voigt verlassen ihre Partei und suchen nach Alternativen. So kommt es im November 1983 zur Gründung der Republikaner, Franz Handlos wird zum Vorsitzenden gewählt, Voigt und Schönhuber zu seinen Stellvertretern. Während Handlos die ersten Häutungsprozesse der jungen Partei politisch nicht überlebt und 1985 das Handtuch wirft, setzt sich der eloquente Bierzelt- und Wirtshausredner Schönhuber an ihre Spitze. Es folgt ein erster Achtungserfolg bei der bayerischen Landtagswahl im Oktober 1986, als die Republikaner auf Anhieb drei Prozent erreichen und in zwei von sieben Bezirkstage einziehen. Im Januar 1989 gelingt der Partei bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin der parlamentarische Durchbruch. Sie erhält 7,5 Prozent und stellt elf Abgeordnete im Landesparlament. Fünf Monate später ziehen die Republikaner mit 7,1 Prozent und sechs Abgeordneten, darunter Schönhuber, ins Europaparlament ein. 1990 kommt es zu einer folgenschweren Krise innerhalb der Partei, an der – je nach Lesart – Schönhuber ein gewichtiges Maß an Mitschuld trägt. „Ich wollte in dem Bestreben, die zahlreichen Beamten in der Partei, darunter vor allem Polizisten, vor dem Zugriff des Verfassungsschutzes zu schützen und ihre Existenz zu sichern, einige hochrangige Funktionäre opfern, die aus der NPD stammten“, erklärt Schönhuber in seinem 2002 erschienenen Buch „Welche Chancen hat die Rechte?“ (JF 37/02) die damalige Situation. Doch die Rechnung geht nicht auf. Statt dessen eskaliert der innerparteiliche Krach im Juni 1990 auf dem Parteitag im niederbayerischen Ruhstorf, bei dem sich die Schönhuber-Getreuen zwar durchsetzen. In der Folge jedoch kommt es zu einem personellen Aderlaß, von dem sich die Republikaner nie mehr erholen. Fortan bestimmen innerparteiliche Machtkämpfe das Bild der Partei, nur in Baden-Württemberg gelingt 1992 und 1996 unter dem Landeschef Rolf Schlierer der Einzug in den Landtag. Schönhuber selbst wird Ende 1994 zur Aufgabe des Parteivorsitzes gezwungen und erklärt kurz darauf seinen Austritt aus den Republikanern. Seit seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik ist Schönhuber als Redner auf politischen Veranstaltungen, Buchautor und Publizist tätig. Er schreibt Kolumnen für die von dem Münchner Verleger Gerhard Frey herausgegebenen National-Zeitung und die Coburger Monatszeitschrift Nation & Europa. Zu den immer wiederkehrenden Themen seiner streitbaren Texte gehören die Entwicklung der deutschen und europäischen Rechten, das Weltmachtstreben der Amerikaner und die Notwendigkeit einer Selbstbehauptung Europas. „Deutschland befindet sich in einem kolonialen Status. Wir sind der 52. Bundesstaat der USA“, läßt Schönhuber im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT keinen Zweifel an seiner Überzeugung aufkommen. „Wenn den Amerikanern nicht Einhalt geboten wird, befürchte ich einen Weltkrieg gewaltigen Ausmaßes“, sagt Schönhuber, der totz seines hohen Alters regen Anteil am politischen Zeitgeschehen nimmt. Bis heute hat er ein dutzend Bücher verfaßt, darunter „Freunde in der Not“ (1983), „Macht“ (1984), „Trotz allem Deutschland“ (1987), „Die Türken“ (1989), „In Acht und Bann“ (1995) und „Die verbogene Gesellschaft“ (1996). Zur Zeit schreibt der Unruhe-ständler an einem autobiographisch gefärbten Erinnerungsbuch mit dem Arbeitstitel „Das Ende der Selbsttäuschungen“, das spätestens im Herbst dieses Jahres erscheinen soll. Darin will Schönhuber seine Begegnungen mit Zeitgenossen aus Politik, Medien, Wirtschaft und Kultur schildern. Breiten Raum werde auch eine kritische Auseinandersetzung mit Irrtümern der deutschen Rechten einnehmen. „Dabei wird meine heutige Distanz zu allen bestehenden Rechtsparteien deutlich werden“, sagt Schönhuber. Und was wünscht er sich für das nun anbrechende neunte Lebensjahrzehnt? Franz Schönhuber zögert mit der Antwort. „Daß ich in meinem Denken rehabilitiert werde“, sagt er schließlich. Über zwei Jahrzehnte sei bewußt ein falsches Bild von ihm gezeichnet worden, so Schönhuber. Deswegen sei es ihm wichtig, daß die Nachwelt ihn in Erinnerung behält als „einen mutigen Menschen, der in dem Bestreben Gutes zu tun, auch gravierende Fehler gemacht hat“.

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