Joachim Kuhs

 

Mut zu Kindern

Meine beiden Großelternpaare haben insgesamt sieben Kinder großgezogen. Die wiederum zeugten neun Kinder – in der Summe, versteht sich, aber: immerhin. Von diesen neun mittlerweile Erwachsenen, derzeitiger Altersdurchschnitt 34 Jahre, sämtlich verheiratet oder wenigstens fest gebunden, daneben samt Lebenspartner voll berufstätig und heterosexuell, haben sich acht bislang nicht fortgepflanzt. Die regelmäßig stattfindenden familiären Geburtstage und die Einweihungsfeiern der stolz vorgeführten Reihenhäuser am grünen Stadtrand verlaufen seltsam ruhig, die Jungen zählen längst mit zu den Älteren, und wenig Kinderlachen stört die Runden um den gedeckten Tisch.

Zuletzt galt es, einen runden Geburtstag ganz groß zu feiern. Rundum wurde nach geeigneten Räumlichkeiten gesucht, Gaststätten waren ausgebucht, und schließlich bot sich das städtische Altersheim mit großzügigem Speisesaal an. Dort feierte man dann das noch beinahe junge Geburtstagskind zwischen rollstuhlgerechtem Eingang und stillen Besinnungsbildern an den Wänden und bemühte sich bei Bier und Cola, das Symbolhafte der Örtlichkeit zu übersehen. So zeigt sich im Privaten ein Abbild des gesamtgesellschaftlichen Trends, den im öffentlichen Leben längst niemand mehr übersehen will.

Es gibt viele Gründe, über Familienpolitik zu reden. Natürlich wird mit diesem Thema ein Drittel der Wählerschaft angesprochen. Über 30 Prozent aller Wahlberechtigten leben in Familien mit Kindern und sind naturgemäß an einer Verbesserung ihrer finanziellen Lage und des Lebensstandards generell interessiert. Der wohl gewichtigste Grund, daß das Thema Kinder nicht versiegt, ist der Mangel daran. Vereine, Arbeitgeber, Rentenexperten, Bevölkerungswissenschaftler, Schulen und Kindergärten – allen fehlt der Nachwuchs. Zwei Maßnahmen zur Stärkung der Gebärfreudigkeit werden politisch angeboten und variieren allein anteilsmäßig von Rot nach Schwarz: einmal die Erhöhung der finanziellen Grundleistungen für Familien, zum anderen die allseits geforderte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Natürlich wäre beides schön, jedoch: Nie gab es derartige geldwerte Zugaben für Familien, die Summe aus Kinder- und Erziehungsgeld, Eigenheimprämien und Steuerfreibeträgen und das gleichzeitige beliebte Klagen über eklatante finanzielle Benachteiligung gerät zum Hohn gegenüber sämtlichen vorangegangenen Generationen, die einen derart spendablen Vater Staat entbehren mußten. Kinder sind kein Luxus. Unser Lebensstandard ist es. Was das Bedürfnis nach Doppelverdienst angeht: Man muß nicht nach Skandinavien schauen, wo die geringfügig höhere Geburtenrate mit einer deutlich höheren Scheidungsziffer korreliert, ein Blick in den Osten unserer Republik reicht aus: Krippenplätze gibt es hier, doch Kinder – weniger als im Westen, wo Fremdbetreuungsmöglichkeiten für Kleinstkinder Mangelware sind.

Der Angelpunkt sitzt woanders: Familien sind out, Kinder ein gesellschaftliches Minus, da mögen Progressive den Familienbegriff nach Belieben erweitern und vergröbern. Familie steht, wenn auch meist unausgesprochen, für Beschränkung, für Stagnation, für ein Angekommensein, das kaum einer für sich behaupten möchte in einer Gesellschaft, der Selbstfindung und individualistische Selbstverwirklichung ein Dauerprogramm geworden ist. Die realistisch kaum bestreitbare Tatsache, daß Mehrfacheltern und dabei gerade die Mütter einen weitaus höheren gesellschaftlich relevanten Wirkungskreis umfassen, als es innerhalb eines subalternen Angestelltenverhältnisses möglich ist, gerät dabei freilich aus dem Blick.

Der Schritt zur Elternschaft ist heute ein wohlüberlegtes, sorgfältig zu planendes Individualereignis geworden, gleichsam ein privates event, in der Regel singulär bleibend, seltenst über die einmalige Wiederholung hinausgehend. Gerade den potentiellen Müttern wird eine Unzahl von Sorgen suggeriert, denen Rechnung zu tragen sei: Das beginnt bei der zu berücksichtigenden, angeblich klassischen Lebensabschnittsfolge vom wohlbedachten Ausleben der "Freiheit" über die Schritte Ausbildung und Berufserfahrung hin zum Hausbau und endet längst nicht beim angeblichen Abschied von der "guten Figur".

Wie wird der Alltag einer Großfamilie organisiert?

Der Anteil derjeniger, die in Familienhaushalten leben, ist in den letzten 25 Jahren von 72 Prozent auf etwa 55 Prozent gesunken. Weniger als die Hälfte aller Paare, die nichtehelichen Lebensgemeinschaften eingeschlossen, haben Kinder. Kinderreichtum ist ein dehnbarer Begriff: War vor fünfzig Jahren ein Haushalt mit sieben Personen noch relativ üblich, sind heute, wenn etwa ein Neubauviertel speziell für kinderreiche Familien ausgewiesen wird, Familien mit mehr als einem Kind gemeint. Weniger als vier Prozent der Ehepaare in der Bundesrepublik und unter zwei Prozent der Alleinerziehenden (unverheiratete Bindungen eingeschlossen) haben heute vier oder mehr Kinder, und selbst diese Zahlen sind in überdurchschnittlichem Maße Zuwandererfamilien zu danken.

Zuletzt hat Familienministerin Renate Schmidt (SPD, Mutter von drei Kindern und Mitinitiatorin der Forderung nach einem Familienwahlrecht) darauf hingewiesen, daß knapp die Hälfte aller Akademikerinnen bis zum Alter von 39 Jahren heute kinderlos sind. Intelligente, gebildete Frauen – das ist zumindest eine Schnittmenge derjenigen, die sich ganz bewußt – und nicht, weil es irgendwann dazugehört – für Kinder entscheiden würden: und es im Zweifelsfall eben nicht tun. Auch, weil keine Vorbilder, Leitbilder transportiert werden, weil das Klagen und die Einschränkung im Vordergrund stehen oder dorthin gestellt werden.

Der Volksmund, der geschwätzige, gibt vor zu wissen, wer allein heute und hierzulande noch viele Kinder hat: das sind die drei A – Ausländer, Asoziale und Adelige. Das dem nicht so ist, soll hier in einer Reportage-Serie über kinderreiche Familien dokumentiert werden. Berichtet wird über Familien, die sich bewußt für Kinder entschieden haben, die ein lautes, frohes Ja zu Kindern gesprochen haben, und zwar deutlich über den landesweiten 1,3-Kinder-Durchschnitt hinaus. Ein Ja aus Lust, aus Freude am Leben, aus einer Freiheit heraus, wie es sie in der Vor-Pille-Ära so niemals gegeben hat. Stadtfamilien, Landfamilien, ganz junge und ältere, solche aus dem Westen und solche aus dem Osten.

Wie lebt es sich in solchen Großfamilien? Wie wird der Alltag organisiert, wie das Besondere gestaltet? Welchen Stellenwert hat Erziehung, haben Werte? Gibt es eine Rollenteilung, ist sie normativ oder pragmatisch? Arbeiten beide Eltern außerhäuslich, oder wird eine Erwerbstätigkeit vermißt? Welche Rolle spielen Großeltern, spielen Vorbilder? Gibt es Vorurteile oder klare Benachteiligungen, und wie wird dem begegnet?

Es soll nicht gehen um die Wiedergeburt eines vielleicht abgeschmackten Bildes der Mutter mit Zopf und Schürze, die mit einem Lied auf den Lippen die artige Kinderschar versorgt und bespielt. Es sollen auch keine Reportagen sein, wie sie sich über große Familien gelegentlich in Frauen- und Elternzeitschriften lesen lassen, getragen von Sensationsheische, bedingt durch Befremdung: Wie viele Waschmaschinen rotieren pro Tag, wie voll ist der Wagen beim Wocheneinkauf? Gezeigt werden sollen statt dessen realistische Bilder von Familien, die ihr Glück gefunden haben im Mut zu Kindern. Dem Trend, der wirtschaftlichen Lage und dem Volksmund zum Trotz.

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