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Die Rückkehr der naiven Unschuld

Als Ernst von Brenken auf seinem alten, in Stahlgewittern bewährten Gaul Harro in Genf in den Parcours einreitet, sieht er sich einem feindseligen Publikum gegenüber. Wider Erwarten setzt sich der durch den Weltkrieg gezeichnete Rittmeister im Stechen durch und gewinnt das Turnier. Der erste Sieg für Deutschland nach der Niederlage auf den Schlachtfeldern. Die Zuschauer entdecken ihre Sympathie für den erfolgreichen Außenseiter. Das Deutschlandlied wird angestimmt.

Arthur Maria Rabenalt ist es gewesen, der in seinem Film "… reitet für Deutschland" 1941 den Sport solcherart als Terrain inszenierte, auf dem eine sich am Boden fühlende Nation ihr Selbstwertgefühl unverhofft wiederfindet. Sechs Jahrzehnte später hat Sönke Wortmann ein ähnliches Thema gestaltet und den umstrittenen und in manchem tatsächlich problematischen Vorgänger bei weitem in den Schatten gestellt. Möglich war diese Ausnahmeleistung natürlich nicht zuletzt, weil der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 einen ungleich höheren Stellenwert besaß als die respektablen sportlichen Erfolge des Freiherrn von Langen zu seiner Zeit. Aus letzteren mußte Rabenalt erst mühsam einen Mythos konstruieren.

Das "Wunder von Bern" ist bereits von sehr vielen Zeitgenossen als ein solcher empfunden worden und hat an Lebendigkeit für die fußballbegeisterten Generationen, die folgten, nichts eingebüßt – bis auf den heutigen Tag, wie man an der öffentlichen Anteilnahme am Tod erst von Fritz Walter und unlängst von Helmut Rahn feststellen konnte. Die Tränen der Ergriffenheit, die auf der Premiere der versammelten Prominenz aus Politik und Fußball – von Gerhard Schröder bis Rainer Callmund – entlockt wurden, deuten an, daß Sönke Wortmann sich an diesem gewichtigen Stoff aus der bundesrepublikanischen Mentalitätsgeschichte nicht verhoben hat.

Leicht war die Aufgabe keineswegs. In der lexikalischen Verkürzung der Nachkriegszeit neigt man gerne dazu, den Triumph von Sepp Herbergers elf Freunden als Auslöser einer "Wir-sind-wieder-wer"-Stimmung zu betrachten. Sönke Wortmann rückt diese Legende, sonst um andere nicht verlegen, zurecht. Bei der Fernsehübertragung des Endspiels in der Kneipe der Familie Lubanski macht ein Veteran seiner fatalistischen Verzweiflung Luft: So wie man den Krieg nicht gewonnen habe, werde man auch aus dieser Weltmeisterschaft nicht als Sieger hervorgehen. Daß es anders kommt, bewirkt zwar eine Aufhellung der kollektiven Gemütsverfassung. Man hat den Krieg aber nicht nachträglich für sich entschieden und dies eigentlich auch gar nicht vorgehabt. Man darf bloß feststellen, daß die Sache, an die man (als Deutscher) sein Herz hängt, dadurch nicht automatisch zum Scheitern verurteilt ist. Sedantagsgefühle oder der unverfrorene Wohlstandschauvinismus eines damals sowieso in der Breite kaum zu spürenden Wirtschaftswunders äußern sich anders. Wer 1954 noch 1945 gescheiterten Hoffnungen auf deutsche Weltgeltung nachgetrauert haben sollte, war durch einen so harmlosen Erfolg wie jenen bei einem Fußballturnier per se nicht zufriedenzustellen.

Sönke Wortmann scheut das Pathos, auch das nationale, dabei durchaus nicht. Er schützt aber die Zeitgenossen von 1954 vor Bloßstellung, indem er seinen Akteuren keine Bekundungen in den Mund legt, die damals vielleicht so typisch wie unbedarft waren, heute aber nur Reflexe aufgeregter Empörung auslösen könnten. In seinem digitalen Wankdorfstadion wird, anders als seinerzeit im realen, daher auch nicht die erste Strophe des Deutschlandliedes gesungen. Der Zuschauer bleibt vor einer falschen, durch liebgewonnene Voreingenommenheit verschuldeten Rezeption bewahrt.

Man verharmlost "Das Wunder von Bern", wenn man meint, es hier allein mit dem ersten wirklich gelungenen Fußballfilm zu tun zu haben, der zudem durch digitale Tricktechnik besticht, welche den bisher eher läppischen Bemühungen um das Sujet schlichtweg nicht zur Verfügung stand. Sönke Wortmann verklärt vielmehr zwar weniger die Adenauerzeit, wohl aber die in ihr lebenden, noch vom Krieg geprägten Menschen in einer Weise, die man seit dem aus Generationenkonflikten schöpfenden Intermezzo des Neuen Deutschen Films so nicht mehr für möglich halten konnte. Es gibt keinen seiner Charaktere, dem der Film nicht Sympathie abgewinnen ließe. Die anfangs blasierte, aus besseren Kreisen stammende Ehefrau des aufstrebenden Sportreporters wandelt sich zur bodenständigen Fußballenthusiastin. Der seine Familie durch Strenge peinigende Kriegsheimkehrer findet den Mut, den weichen Kern unter der harten Schale zu offenbaren, und erschließt sich durch den Fußball den Zugang zu seinem Jüngsten. Der seinen Flausen nachgebende Jungkommunist, eher James Dean als Rotfrontkämpfer, fiebert im FDJ-Hemd in Ost-Berlin am Bildschirm beim Endspiel mit. Von den eigentlichen "Helden von Bern" ganz zu schweigen. Die naive Unschuld, die so viele Kassenschlager der fünfziger Jahre prägte, ist auf die Leinwand zurückgekehrt, ohne an die modischen Überspanntheiten dieser Zeit anzuknüpfen. Der Schluß des Films zeigt den Zug des Weltmeisters durch das flache, sonnendurchflutete Land entschwinden. Mit an Bord sind der Taschenträger und Glücksbringer von Helmut Rahn und sein Vater. "Die Elf von Bern spielte nie wieder zusammen." Nur dieser Hinweis deutet an, daß es auch damals so etwas wie eine Zukunft gegeben haben mag. Jenseits der Legende begann wieder die Wirklichkeit, die so war, wie wir die Bundesrepublik kennen. Viele Heimkehrer vermochten sich eher schlecht als recht in der neuen Normalität zurechtzufinden und haben ihr fortan ereignisloses Leben brav zu Ende gelebt. Viele ihrer Söhne wiederum profitierten vom Umbruch der sechziger Jahre und setzten sich als Rebellen in Szene oder wurden, was nicht unbedingt sympathischer ist, zufriedene Bundesbürger. Die deutsche Nationalmannschaft verlor nach dem "Wunder von Bern" dreimal in Folge sang- und klanglos – gegen Belgien, Frankreich und England.

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