Heiliger Krieg am Hindukusch geht weiter

Obwohl das US-Protektorat Afghanistan alles andere als befriedet ist, schickt sich die „einzige Weltmacht“ USA an, mit dem Irak gleich ein neues zu schaffen. Wie fragwürdig die Demokratisierungskriege der USA sind, zeigt sich dieser Tage – weitgehend unbeachtet von der „Weltöffentlichkeit“ – im angeblich „befreiten“ Afghanistan. Da lieferten sich am Dienstag letzter Woche US-Soldaten und deren Verbündete einen heftigen Kampf mit etwa 80 mutmaßlichen Anhängern des ehemaligen afghanischen Ministerpräsidenten Gulbuddin Hekmatyar. Es sollen, so Armeeangaben, die schwersten Kämpfe seit neun Monaten gewesen sein. Mindestens 18 Rebellen seien getötet worden, auf seiten der USA und ihrer Verbündeten soll es keine Opfer gegeben haben. Die Kämpfe im Südosten Afghanistans an der Grenze zu Pakistan seien von einer kleineren Schießerei ausgelöst worden. Dabei sei ein Mann gefangengenommen worden, der bei seiner Befragung von einer großen Ansammlung von Männern in den Bergen berichtet habe. Daraufhin sandten die Amerikaner Apache-Kampfhubschrauber aus, die unter Beschuß genommen wurden. Die US-Armee habe darauf mit der Entsendung von Kampfflugzeugen reagiert. Dieses Gefecht reiht sich ein in eine ganze Reihe von blutigen Zwischenfällen. Ende Januar kamen auf der Fahrt zu ihren Wochenendeinkäufen bei der Explosion einer Landmine nahe der südafghanischen Stadt Kandahar 18 Afghanen ums Leben. Ein Sprecher des zuständigen Gouverneurs mutmaßte, daß es sich möglicherweise um einen Anschlag der Taliban oder des paschtunischen Milizenführers Hekmatyar handeln könnte. In der Nacht zum 1. Februar gab es drei größere Explosionen in der Nähe der Unterkunft der deutschen Einheiten der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe (ISAF), bei denen aber niemand zu Schaden kam. Immer wieder fällt im Zusammenhang mit den Anschlägen neuerdings der Name Hekmatyar, der zum „Heiligen Krieg“ gegen die USA und „ihre Marionetten“ aufgerufen hat, die er als „Mutter des Terrorismus“ bezeichnet. Für den 55jährigen Hekmatyar gilt, was auch für viele andere Mudschaheddin aus der Zeit des Krieges gegen die sowjetischen Besatzer (1979 – 89) gilt: der Paschtunenführer war zunächst ein enger Verbündeter der USA und Pakistans. Im Bürgerkrieg von 1992 bis 1996 war Hekmatyar maßgeblich an der Zerstörung Kabuls beteiligt. Bei dem damaligen Präsidenten Burhanuddin Rabbani konnte er schließlich seine Ernennung zum Premier (1993/94 und 1996) durchsetzen. Nach der Machtübernahme durch die Taliban setzte sich Hekmatyar 1996 in den Iran ab. Mehr und mehr übernimmt Hekmatyar und seine Hizbi Islami (Partei des Islam) nach der Vertreibung der Taliban die Rolle des Herausforderers des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, den er als „Statthalter Washingtons“ verhöhnt und ihm ein Ende wie Babrak Karmal prophezeit. Hekmatyar will mit dieser Äußerung nahelegen, daß die USA irgendwann einmal zu einem Ausgleich mit den militanten Islamisten in Afghanistan kommen müssen und Karzai dann opfern werden. So geschehen mit Karmal in der Ära Gorbatschow. Der damalige Sowjetführer strebte nach einer Verständigung mit den Mudschaheddin. Babrak Karmal, der mit dem Eintreffen der Sowjettruppen im Jahre 1979 und der Beseitigung des Regimes von Hafizullah Amin als Garant für „die Einheit der Partei und des Volkes“ an die Spitze von Partei und Staat gesetzt worden war, galt unter Gorbatschow als Hemmfaktor. Amin war zum Verhängnis geworden, daß er sich als „afghanischer Tito“ von Moskau zu lösen versuchte. Die Sowjets trauten dem politisch belasteten und wenig energischen Kommunisten Karmal die Umsetzung einer neuen politischen Linie nicht zu. Am 4. Mai 1986 wurde Karmal als Generalsekretär der Demokratischen Volkspartei Afghanistans schließlich durch den Chef der Geheimpolizei KhAD, Muhammad Najibullah, ersetzt und am 21. November 1986 von allen seinen Ämtern entbunden. Karmal ging in der Folge nach Moskau, wo er am 3. Dezember 1996 an einem Leberleiden starb. Najibullah wurde nach dem Einmarsch der Taliban am 27. September 1996 an einem Turm im Zentrum Kabuls aufgehängt. Das Selbstbewußtsein Hekmatyars dürfte sich wohl auch aus der Tatsache ableiten, daß es bisher keiner ausländischen Macht gelungen ist, die Bergstämme am Hindukusch dauerhaft in Schach zu halten. Vor den sowjetischen Truppen mußten schon die englischen Kolonialtruppen, Dschingis Khans Mongolen und selbst das militärische Genie Alexander der Große diese Erfahrung machen. Seine Machtbasis hat Hekmatyar in den paschtunischen Ostprovinzen Afghanistans und in den angrenzenden Gebieten Pakistans, wo die pakistanischen Sicherheitskräfte kaum Kontrollmöglichkeiten haben. Es wird vermutet, daß Hekmatyar „operative Absprachen“ mit den Resten von al-Quaida und Taliban eingegangen ist. Daß es gegen die USA geht, ist als gemeinsamer Nenner offenbar hinreichend. Diese explosive Gemengelage, die sich seit dem Attentat auf Präsident Hamid Karzai im letzten Jahr nicht mehr vertuschen läßt, verheißt keinen guten Auftakt für die Übernahme des Kommandos über die internationale Schutztruppe von der Türkei durch Deutschland und die Niederlande am 10. Februar. Rund 5.000 Soldaten aus 22 Nationen sollen zunächst sechs Monate lang für die Sicherheit in Kabul und Umgebung sorgen. Ihr Auftrag ist auch die Unterstützung der Regierung von Präsident Karsai beim Wiederaufbau des Landes. Die Zahl der Bundeswehrsoldaten am Hindukusch soll bis zum März auf etwa 2.500 steigen, wo sie, wie es Bundesverteidigungsminister Peter Struck jüngst ausdrückte, angeblich die „deutsche Sicherheit“ zu verteidigen haben.

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