An den Rand gedrängt

Welchen Einfluß haben Studentenverbindungen noch auf die Hochschulpolitik?“, „Sind die Korporationen nur noch ein Refugium für Dünkel, Selbstzufriedenheit oder ‚Ewiggestrige‘?“ Die Antworten auf diese Fragen fallen ernüchternd aus, wenn man eine Analyse der Wirkung von Korporationen auf die Universitäten, geschweige denn auf die Hochschulpolitik, anstrengt. Egal, welchen Hochschulstandort man aufsucht, so haben selbst groteske linksradikale Studenteninitiativen, die teilweise spontanen Ursprungs sind, mehr Einfluß in den jeweiligen AStA, als die oftmals seit mehr als 150 Jahren ansässigen Verbindungen, obwohl diese eine ungleich höhere Organisations- und Mobilisierungskompetenz haben dürften. Selbst der politische Gegenwind mancher Universitätsleitung, die sich sogar den Zielen der autonomen Antifa gemein macht, kann dafür keine Begründung liefern. In seiner Dissertation nähert sich Helge Kleifeld diesem Phänomen, in dem er schwerpunktmäßig die Zeit von 1945 bis 1961 betrachtet. Den durch den Zweiten Weltkrieg und Nationalsozialismus stark tangierten Verbindungen konnte keine Restauration ihres dominierenden Einflusses der zwanziger Jahre an den Universitäten gelingen. In- dem Kleifeld die wichtigsten Dachverbände, egal ob schlagend oder religiös ausgerichtet, und ihre hochschulpolitischen Bestrebungen durchdekliniert, schafft er eine analytische Übersicht über ihr Scheitern, welches durch die Verfolgung egoistischer Verbandsinteressen beschleunigt wurde. Wenn überhaupt, richtete sich das Engagement auf die Postulierung der deutschen Einheit, das dann spätestens nach 1990 obsolet wurde. Obwohl die Studentenverbindungen in den Fünfzigern letztmalig eine quantitativ erwähnenswerte Größe an den Universitäten darstellten, konnten keine signifikanten Punkte gesetzt werden. So waren die Weichen schon vor der 68er-Bewegung an den Universitäten auf eine weitestgehende Amerikanisierung des deutschen Korporationswesens gestellt -in Richtung der unpolitischen, auf die Studienzeit begrenzten Partygemeinschaft einer „Fraternaty“. Helge Kleifeld: „Wende zum Geist?“ Abhandlungen zum Studenten- und Hochschulwesen der GDS. Bd. 12. SH-Verlag, Köln 2002, gebunden, 537 Seiten, 49,80 Euro

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