Modisch altmodisch

Nachdem er 1969 seinen „pistolesken“ Prosatext „Früher begann der Tag mit einer Schußwunde“ vorgelegt hatte, nannte der Spiegel den mit der Frankfurter APO-Szene verquickten Wolf Wondratschek den „ersten SDS-Genossen, der diskutable Belletristik präsentiert“. Bei anderen Kritikern avancierte er gar zum „einzigen deutschsprachigen Rock-Poeten mit Breitenwirkung“, und Reich-Ranicki lobte ihn als „beinahe schon einen Klassiker der jungen deutschen Lyrik“. Im Gegensatz zu Rolf Dieter Brinkmann, der den Literaturbetrieb der Bundesrepublik zeit seines Lebens mit unbändigem Haß verfolgte, hat Wondratschek die radikale antibürgerliche Stimmung, die seine Frühwerke auszeichnet, und die gesellschaftskritische Haltung, die dabei immer mitschwang, in subtiler Weise kultiviert. Das Scheitern der Studentenrevolte und die zunehmende Vermarktung der Subkultur trieb ihn nicht in die wütende Isolation, sondern ließ ihn zu einem melancholischen Bohemien reifen. Orientierten sich seine Werke der 1970er Jahre, die Gedichtbände „Chucks Zimmer“, „Das leise Lachen am Ohr eines anderen“ und „Männer und Frauen“ vornehmlich an der Lyrik amerikanischer „Untergrund“-Schriftsteller wie Charles Bukowski und Allen Ginsberg, begann Wondratschek sich in den Achtzigern mit den Rollen von Mann und Frau auseinanderzusetzen. Zwar tat dies seiner Popularität beim Publikum keinen Abbruch, brachte ihm jedoch von Seiten der Kritik herbe Schelte ein, da er sich zunehmend als konservativer Verfechter eines traditionellen Rollenverständnisses zeigte. Recht deutlich wurde dies in dem großen epischen Poem „Carmen oder ich bin das Arschloch der achtziger Jahre“, aber auch in „Letzte Gedichte“, die eine Liebeserklärung an die Hamburger Hure Domenica enthalten: „Sie ist keine tragische Nummer und kein gefallener Engel. Und wenn sie mit ihrem Hintern wackelt, fließen die Flüsse bergauf.“ 1943 in Rudolstadt/Thüringen geboren und in Karlsruhe aufgewachsen, studierte Wondratschek in Heidelberg, Göttingen und Frankfurt am Main Literaturwissenschaften, Philosophie und Soziologie. 1967 brach er jedoch sein Studium ab, um als freier Schriftsteller zu arbeiten. Nach einer Gast-Dozentur an der Universität von Warwick in England ließ er sich in München nieder. Seit 1990 lebt er vorwiegend in Wien. Er ist ein begeisterter Anhänger des Boxsports, wovon unter anderem „Menschen Orte Fäuste. Reportagen und Stories“, eine literarische Huldigung seines großen Idols Max Schmeling, Zeugnis ablegt. 1992 wurde sein Roman „Einer von der Straße“ veröffentlicht, die authentische Schilderung des Lebens eines Unterweltbosses, der nach dem Krieg durch Schieber-Geschäfte reich wurde, zum Paten des Rotlicht-Milieus aufstieg und von der Kultur-Schickeria bewundert wird. Im letzten Jahr entstand die Erzählung „Mozarts Friseur“. Wie schon in seinem ein Jahr zuvor erschienenen Werk „Eine große Beleidigung“ ist auch diesem Text ein sympathischer Ruck ins Altmodische anzumerken, eine Rolle, die Wondratschek sichtlich genießt. Nicht nur sein Wien ist heute eine „Versuchsanstalt für Vergangenheit“, wie er einmal launisch bemerkt, er selbst ist es auch. Am 14. August feiert Wolf Wondratschek seinen 60. Geburtstag.

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