„Die Muslime müssen sich nicht verstecken!“

Herr Herzog, anläßlich des Kirchentags unternahmen Sie einen Versuch der „christlich-islamischen Ökumene“. Nach Darstellungen der Presse fand Ihre Veranstaltung unter den Muslimen kaum Anklang. Weshalb gestaltet sich der christlich-islamische Dialog so schwierig? Herzog: Wir beteiligen uns schon seit vielen Jahren mit der Gruppe „Christen und Muslime“ an den Kirchentagen. Allerdings wird über solche Aktivitäten sehr wenig in der Presse berichtet. Weshalb das so ist, kann ich mir ehrlich gesagt nicht erklären. Es könnte eventuell daran liegen, daß von den Kirchentagsveranstaltern zu wenig Reklame dafür gemacht wurde. Aber wir hatten beispielsweise während unseres christlich-muslimischen Gottesdienstes, der am Himmelfahrtstag stattfand, sehr viele Medienvertreter als Besucher – allerdings habe ich den Tagen darauf so gut wie nichts in der Presse darüber gelesen. Aber ein christlich-muslimischer Dialog ist ja nicht nur während des Kirchentages aktuell, sondern wird beispielsweise hier in Berlin schon seit vielen Jahren engagiert geführt. Allerdings ist dieser Dialog weniger eine Angelegenheit der Spitze der Glaubensrichtungen, sondern eher von den Gemeindemitgliedern. Wir haben hier seit 1991 einen Kreis „Interreligiöse Gespräche“ mit Juden, Christen und Muslimen. Wir kommen einmal im Monat zusammen. Zur Zeit ist das Thema: Religion unterrichten in einer multireligiösen Gesellschaft. In diesen Gesprächen sind wir mittlerweile soweit, daß wir nicht nur über die Gemeinsamkeiten in Judentum, Christentum und Islam sprechen, sondern auch über die Unterschiede zwischen den Religionen. Wo sind die Grenzen der Verständigung? Herzog: Gemeinsamkeiten gibt es sehr viele, wir sehen und können es auch nachlesen in Thora, Bibel und Koran. Es gibt aber auch Grenzen, wo wir sagen: Hier hört’s auf! So ein Fall ist zum Beispiel die christliche Trinität, mit der ich als Muslim nicht einverstanden bin. Wir Muslime glauben nicht an die Kreuzigung Jesu, wir glauben, daß ein anderer gekreuzigt wurde. Darüber hinaus glauben wir nicht, daß Jesus gleichzeitig Gott ist. Aber die Unterschiede zwischen den Religionen sind nun mal da, sonst hätten wir ja die verschiedenen Glaubensrichtungen nicht. Die Dreifaltigkeit ist doch kein Rand-, sondern ein Kernbereich des christlichen Bekenntnisses … Herzog: Nun, die Trinität wurde meines Wissens nach erst viele Jahre später ins Christentum „eingeführt“. Wir glauben nicht daran, da dies für uns mindestens drei Personen sind, Gott, Sohn, und Geist, was somit mehreren Göttern entspräche. Aber das hindert uns nicht an einem gemeinschaftlich geführten Dialog. Ich glaube aber, daß nicht nur das Christentum und das Judentum zu diesem Dialog gehören, sondern auch der Buddhismus, Hinduismus und die Naturreligionen. Ich würde nie behaupten, daß der Christ oder der Jude kein „richtiger Gläubiger“ sei. Mit wem ist der Dialog Ihrer Meinung nach einfacher, mit der katholischen oder der evangelischen Seite? Herzog: Das kann man schwer sagen. Mit beiden christlichen Konfessionen klappt es gut, es ist allerdings bei beiden nicht die „Spitze“, die daran teilnimmt, sondern lediglich engagierte Gemeindemitglieder. Allerdings funktioniert der Dialog, wenn es um einige Ansichten des Glaubens geht, mit der katholischen Seite besser. Dient der Dialog nicht eigentlich der islamischen Mission? Herzog: Die Art, wie das Christentum missioniert, kennen wir im Islam nicht. Wenn ich aber all das sehe, was wir tun, wie beispielsweise die Internetarbeit und das Engagement mit den neuen Medien, dann ist das schon eine bestimmte Art des Missionierens. Hier würde ich aber sagen, wir tun es, um unsere Religion bekannt zu machen, ja aufzuklären, damit wir alle sie besser verstehen. Allerdings ist es beim Dialog nicht meine Aufgabe, den Christen von meiner Seite zu überzeugen. Ein Dialog kann nur funktionieren, wenn alle Seiten auf das Missionieren verzichten. Wir haben hier im Haus beispielsweise ein Jugendprojekt (Wildstyle the Project, Geßlerstraße), das zur Islamischen Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime gehört. Hier treffen sich vor allem Jugendliche, die sich für Hip Hop interessieren. Dieses Projekt ist unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht und sozialem Erscheinungsbild. In vier selbständigen Projekten, also die vier Bestandteile von Hip Hop, soll den Jugendlichen deutlich gemacht werden, daß es sich für sie und ihre Zukunft lohnt, ihre Kraft und ihre Gefühle, ihre Angst und ihre Trauer, ihre Wut und ihre Enttäuschung kreativ zu nutzen und umzuwandeln. Das heißt: Hier im Hause ist es verboten, Drogen und Alkohol zu sich zu nehmen. Diese Jugendlichen sind weder Christen noch Juden und auch keine Muslime, die meisten interessieren sich nicht für Religion. Allerdings – und das ist eine Erfahrung unserer Jugendarbeit hier – sind es vor allem die Jugendlichen, die Religion am Anfang ablehnen, die aber die meisten Fragen haben – über Religion und vor allen darüber, was denn der Islam eigentlich genau sei. Aber ist diese Arbeit nicht doch eine Variante der islamischen Jugendmission? Herzog: Nein. Diese Jugendarbeit findet ja nicht in einem islamischen oder religiösen Rahmen statt. Wir führen einmal im Monat mit den Jugendlichen ein Treffen durch, wo wir über alles sprechen und wo sie auch Fragen stellen können. Es gibt auch religiöse Gespräche, wobei „religiös“ hierbei auch christliche und jüdische Inhalte hat. Weshalb haben es viele Muslime so schwer, sich in Deutschland zu integrieren? Herzog: Das ist schwierig zu sagen. Hier in Berlin ist alles etwas enger, da viele Muslime innerhalb verschiedener islamischer Gruppen und Vereine Mitglied sind. In dieser Stadt leben über 230.000 Muslime, wir haben drei große Moscheen und über 75 Gebetsräume. Die Sprachbarriere mag hierbei eine große Rolle spielen. Allerdings – und das ist eine neuere Entwicklung – besuchen mittlerweile sehr viele Muslime den Deutschunterricht – das Angebot der Schulen sowie auch von der VHS. Auch hier bei uns im Hause. Wie beurteilen Sie die zur Zeit vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelte Kopftuch-Klage einer muslimischen Lehrerin? Herzog: Ich denke, daß die Kopftuchfrage dadurch zur politischen Kampagne mißbraucht wird. Ich halte es für falsch, damit so in die Offensive zu gehen. Wer hat denn Interesse an einer solchen Kampagne? Herzog: Es reicht ein Blick ins Fernsehen und in die Zeitungen. Sie sehen an der Seite fast immer den Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). Besitzt ihre „Islamische Gemeinschaft“ eine Moschee in Berlin? Herzog: Berlin ist sozusagen eine Hochburg des Islam. Der Türke geht in die türkische Moschee und der Araber in die arabische Moschee. So ist das nun einmal in Berlin. Wir haben von Beginn an auf eine Moschee verzichtet. Verstehen Sie die Skepsis vieler Deutscher gegenüber den Moscheebauprojekten? Herzog: Ja. Es müssen von der islamischen Seite Gespräche mit den Bürgern und auch mit den Glaubensgemeinschaften stattfinden, um einen Dialog zu ermöglichen und Spannungen erst gar nicht aufkommen zu lassen. Ein solcher Austausch findet zur Zeit leider noch nicht in der geforderten Ausführlichkeit statt. Denn es gibt viele Verständigungsprobleme, zum Beispiel beim Thema Muezzin-Ruf. Natürlich ruft der Muezzin fünfmal täglich zum Gebet – egal, wo die Moschee steht oder wo ein Gebetsraum ist. Allerdings heißt das doch nicht automatisch, daß dieser Ruf jedesmal mit voller Lautstärke nach außen übertragen werden muß. Aber die Schwierigkeiten beim Moscheebau liegen eigentlich weniger an der nicht-muslimischen Bevölkerung, sondern bei uns Muslimen selber: Wir sagen der Öffentlichkeit viel zu wenig, was wir eigentlich machen wollen. Die Muslime mieten sich oftmals in Räumlichkeiten ein, ohne den wahren Zweck zu nennen, sagen beispielsweise, daß dort ein Jugendclub entstehen soll. Dies halte ich für einen falschen Weg. Wird der Moscheebau mit öffentlichen Geldern gefördert? Herzog: Nein, leider nicht. Meine persönliche Meinung ist, daß der Staat dies allerdings tun müßte. Da unsere Muslime ja in dieser Stadt leben und arbeiten – das heißt, sie zahlen hier auch ihre Steuern. Die christlichen Kirchen und auch das organisierte Judentum werden durch öffentliche Mitteln gefördert. Auch müßte der Staat uns Plätze zur Verfügung stellen oder anbieten, wo wir eine Moschee bauen könnten. So ist es auch mit islamischen Friedhöfen. Wieso auch Bauplätze? Herzog: Die sogenannten Hinterhof-Moscheen müssen endlich weg. Wir Muslime müssen uns doch vor niemandem verstecken. Transparente, der Öffentlichkeit gut zugängliche Moscheen würden das Klima entscheidend verbessern. Viele Bürger hierzulande sehen das allerdings anders … Herzog: Ich verstehe ja ihre Angst vor dem Islam. Diese ist vor allem von dem geprägt, was wir täglich aus der muslimischen Welt im Fernsehen sehen. Daher ist es unsere Pflicht als Muslime, den Bürgern hier in dieser Stadt die Angst zu nehmen. Wir müssen viel mehr für die Öffentlichkeitsarbeit tun, sagen, was Islam ist, sie müssen unsere Moscheen kennenlernen und vor allem auch miteinbeziehen, was wir hier tun. Aber das gleiche müßte auch bei uns Muslimen sein – daß wir die anderen Religionen kennenlernen und besuchen. Nicht nur, daß sie zu uns kommen, sondern wir auch zu ihnen. Könnte der Islam in Deutschland eine spezifisch deutsche Ausprägung entwickeln? Herzog: Die Voraussetzungen sind nicht schlecht. Die deutsch-muslimische Beziehung ist durch die deutsche Vergangenheit so gut wie überhaupt nicht belastet, anders als zum Beispiel die Beziehung zum Judentum. Auch gibt es mittlerweile sehr viele Muslime in dieser Stadt. Es gibt muslimische Regierungsbeamte im diplomatischen Dienst der Bundesrepublik. Doch dazu gehört auch, daß die Deutschen sehen, daß der Islam als Religion nicht gefährlich ist. Gefährlich sind höchstens die Menschen, die diese Religion ausüben. Die schrecklichen Bilder, die uns täglich aus der arabischen Welt erreichen, haben nichts mit der Religion Islam zu tun. Es fehlt uns Muslimen momentan noch die „richtige“ Öffentlichkeitsarbeit sowie das geschulte Personal, welches eine solche Öffentlichkeitsarbeit durchführen kann. Ein Teil dieser Öffentlichkeitsarbeit ist der „Tag der offenen Moschee“, der jährlich am 3. Oktober, also dem deutschen Nationalfeiertag stattfindet. Können Sie es nachvollziehen, daß dies viele Deutsche als Provokation empfinden müssen? Herzog: Wir dachten uns: An dem Tag haben die Leute Zeit, da können sie kommen. Nicht mehr und nicht weniger. Wer war denn der Initiator dieser Aktion? Herzog: Der Tag der offenen Moschee wurde vom ZMD ausgerufen. Moscheebesuche organisiere ich seit vielen Jahren. Eigentlich sollte jeder Tag ein Tag der offenen Moschee sein! Die Frage ist oftmals leider nur, ob die Muslime auch jeden reinlassen. Es gibt in Berlin Moscheen und islamische Glaubensgemeinschaften, die das ungern tun. Sie sparen gegenüber den Muslimen nicht mit Kritik. Herzog: Auf jeden Fall, das muß ich auch, denn der Islam ist nicht immer das, was Sie bei uns Muslimen sehen und auch hören, denn vieles ist Tradition. Für mich ist die Religion des Islam die toleranteste, sonst wäre ich kein Muslim geworden. Funktioniert der Dialog mit den Christen dann besser als der Dialog mit den strengen Muslimen? Herzog: Ja, der von mir geführte muslimisch-christliche Dialog läuft besser. Arbeiten Sie als Amir auch mit anderen muslimischen Organisationen zusammen? Herzog: Ja, ich stehe in gutem Kontakt zu vielen muslimischen Organisation und Moscheen. Wir arbeiten sehr oft zusammen. Eine weitere türkisch-islamische Organisation, die als Trägerverein für viele Moscheebauprojekte und Gemeinden in Deutschland auftritt, ist die halbstaatliche DITIB. Herzog: Ja, ich habe fast nur gute Erfahrungen mit DITIB. Allerdings finde ich es nicht gut, daß die Imame von DITIB nur für drei Jahre aus der Türkei nach Deutschland zur Gemeindearbeit kommen. Sie sprechen meist kein Wort Deutsch und sind folglich schon allein aufgrund der Sprachbarriere zum Austausch und Dialog nicht fähig. Wie stehen Sie zum in Berlin stattfindenden Islamunterricht? Herzog: Prinzipiell begrüße ich natürlich Religionsunterricht, und zwar von allen Religionen. Was den Islamunterricht angeht, für den hier in Berlin die „Islamische Föderation Berlin“ verantwortlich ist, bin ich allerdings etwas skeptisch. Aus welchem Grund? Herzog: Die „Islamische Föderation Berlin“ ist eine Dachorganisation, die der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs sehr nahesteht, allein schon durch die Person des Imam der Islamischen Föderation Berlin, Nail Dural. Dural, und das ist bekannt, ist Vorsitzender von der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs in Berlin. Ich denke, hier muß der Staat die Kontrolle des Unterrichtes übernehmen und prüfen. Foto: Amir Mohammed Herzog beim JF-Gespräch im „Café Interkulturell“: „Berlin ist sozusagen eine Hoch-burg des Islam. Der Türke geht in die türkische Moschee und der Araber in die arabische Moschee.“ Mohammed Herzog , 57, aufgewachsen in einer protestantischen Familie in Berlin, arbeitete nach einer Landwirtschaftslehre in Duisburg unter anderem als Steinmetz und Krankenpfleger. Bei den freikirchlichen Baptisten wurde Herzog Jugendmissionar und Gemeindepfarrer in Berlin. In Jordanien konvertierte er 1979 zum Islam und gründete danach die „Islamische Gemeinschaft Berlin“, die er seitdem auch leitet. Kontakt: Islamische Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime e. V., Geßlerstraße 11, 10829 Berlin, Tel./Fax: 030 / 7 88 48 83, Internet: www.igdmb.de , E-Post: info@igdmb.de weitere Interview-Partner der JF

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