Der Ölschatz liegt unterm Operettenthron

Heißt das Land noch Turkmenistan oder schon Turkmenbashi? Der größte Hafen der Republik am Kaspischen Meer trägt diesen Namen, Flughäfen, Wodka und ein Meteorit, seit neuestem gar der erste Monat des Jahres, und der erste Mann im Staat sowieso: Saparmurat Nijasov, einst KP-Chef der Turkmenischen Sozialistischen Sowjetrepublik, heute Turkmenbashi – der „Führer aller Turkmenen“. Der bizarre Despot, der letztes Jahr durch ein wahrscheinlich fingiertes Attentat auf seine Person von sich reden machte, ist eine Schlüsselfigur im „Großen Spiel“ um die letzten Ölreserven der Welt. Wenn die Sonne sich dreht, bleibt Turkmenbashi ihr zugewandt: Vierzig Meter hoch ragt die größte der zahllosen Nijasow-Statuen über dem Zentrum der Hauptstadt Aschchabad auf. Der goldene Koloß thront auf einem Triumphbogen und ist motorisiert, damit das Antlitz des Diktators dem Lauf der Sonne folgen kann. Ihm zu Füßen, wo sich einmal ganze Wohngebiete ausbreiteten, türmen sich jetzt klotzige Marmorpaläste mit kitschigen Kuppeln und exzentrischen Wasserspielen. Im „Disneyland für Diktatoren“ läßt sich Personenkult wie zu Stalins Zeiten studieren. An skurrilen Anekdoten über Nijasow herrscht kein Mangel: Turkmenbashi, der in einer vom Fernsehen übertragenen Kabinettssitzung Minister wie Schulbuben abkanzelt und zur Feldarbeit verdonnert, um „mit ihrem Schweiß ihre Verbrechen am Volk abzuwaschen“; Turkmenbashi, der mit angeklebtem Bart im Panzer-Mercedes auf den Basar fährt, um wie Harun al Raschid verkleidet dem Volk aufs Maul zu schauen. In Turkmenistan würden „neue und alte Formen der massiven Diktatur entwickelt“. Vor allem das Fernsehen sei ein „Propagandaministerium alter totalitärer Formen. Das Einzige, was mir dazu einfällt, ist Stalin mit dem einzigen Unterschied, daß der noch kein Fernsehen hatte“, klagte der Medienbeauftragte der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Freimut Duve, Mitte Dezember im Wiener Standard. Im Vergleich zu Turkmenistan seien Kasachstan, Usbekistan oder selbst Weißrußland in Entwicklung befindliche Demokratien. Im OSZE-Mitgliedsland Turkmenistan gebe es hingegen keine Transformationen eines postkommunistischen Staates, sondern es herrsche eine „gewaltorientierte und gewaltbereite Diktatur“. Jene, die „nicht rein turkmenischer Abstammung sind, sind in besonders großer Gefahr. Das ist Rassismus pur“, kritisierte der SPD-Politiker. „Bisher sind Halbdiktaturen insofern akzeptiert worden, als daß sie in die Familie der Demokratien eingebunden wurden. Die totalitäre Brutalität in Turkmenistan hat aber ein solches Ausmaß erreicht, daß die OSZE nicht mehr als Familie der Demokratien bezeichnet werden kann“, meinte Duve. Parallelen zu Saddam Hussein Gleichwohl genießt der Diktator, dessen Verliebtheit ins eigene öffentliche Porträt ebenso wie die strikte Unterdrückung jeder Opposition durchaus Parallelen zu Iraks Saddam Hussein aufweist, in international nahezu Narrenfreiheit: Denn Saparmurat Nijasov, 1940 geboren, 1985 KP-Chef, 1991 erster Staatschef und 1999 „Präsident auf Lebenszeit“, ist nicht nur Herr über 5,1 Millionen Menschen und über 488.100 Quadratkilometer Land, die zu vier Fünfteln von Wüste bedeckt sind, sondern auch Gebieter über Ölvorräte von nachgewiesenen 546 Millionen Barrel und geschätzten bis zu 1,7 bis 7,3 Milliarden Barrel in noch zu erschließenden Lagern. Hinzu kommen Erdgasreserven, die zu den größten der Welt zählen. Öl und Gas verdankt Nijasov letztlich seinen Aufstieg vom Kolchosvorsitzenden zum Sonnengott. Die Einkünfte aus den Bodenschätzen finanzieren seine exzentrischen Projekte und erlauben die gezielte Verteilung von Wohltaten nach der Art mittelalterlicher Khane. Umgerechnet 1,5 bis zwei Milliarden Euro in bar fließen jährlich in „Turkmenbaschis“ Kassen. Gas, Strom und Salz sind völlig umsonst, Bauern zahlen keine Gewinn- und Mehrwertsteuer, Wohnungen und Benzin kosten nur symbolische Preise. Dem Volk wie den Journalisten wird dies unermüdlich vorgebetet, um den exzentrischen Personenkult um Nijasov zu begründen und von Problemen des Landes abzulenken. Fakt ist: Über die Hälfte der Landbevölkerung lebt in extremer Armut, die Arbeitslosigkeit wird anstelle der offiziellen 14 auf 25 Prozent (50 Prozent auf dem Land) geschätzt. Trotz Personalmangels werden Ärzte und Krankenschwestern entlassen, weil sie – wie ein Fünftel der Bevölkerung – nicht-turkmenischer Herkunft sind. Weniger als vier Prozent der Landesfläche sind landwirtschaftlich nutzbar, und dies geschieht zu einem Großteil mit unverkäuflicher Baumwolle auf von der Sowjetunion ererbten Plantagen, für deren Bewässerung der Grenzstrom Amu-Darja stranguliert wurde. Das Bruttoinlandsprodukt betrug trotz zweistelliger Wachstumsraten im Jahr 2001 nur 70 Prozent des Standes von 1990. Angesichts der massiven Infrastrukturprobleme setzt Turkmenistan daher auf Öl und Erdgas. In dem Jahrzehnt von 1992 bis 2001 wurde die Ölproduktion von 110.000 Faß auf 159.000 Faß pro Tag gesteigert, während der Inlandsverbrauch von 76.000 auf 52.000 Faß täglich sank. Eine Million Barrel pro Jahr 2010 lautet das von „Turkmenbashi“ ausgegebene ehrgeizige Ziel. 25 Milliarden Dollar an ausländischen Investitionen sind dafür erforderlich, schätzt das Ministerium für Erdöl, Erdgas und Bodenschätze. Doch Turkmenbashis unberechenbare Despotie ist das investitionsfeindlichste aller zentralasiatischen Länder; in den vergangenen Jahren gingen die ausländischen Direktinvestitionen stetig zurück. Entgegen aller Unabhängigkeitsrhetorik gelingt es Turkmenistan nur schwer, den langen wirtschaftspolitischen Arm Moskaus abzuschütteln. Seit 1996 gibt es zwar eine neue Eisenbahnstrecke von Tedschen nach Mesched im Iran, doch die Erdgas- und Erdölexporte laufen noch immer überwiegend über russische Leitungen und über russische Konzerne – zu Moskauer Unter-Weltmarkt-Preisen. Eine kleine Leitung nach Iran bringt wenig Entlastung. Hoffnungen ruhen auf der jüngsten Wiederbelebung des Projekts einer transkaspischen Leitung, bereits Mitte der Neunziger maßgeblich von Turkmenistan im Einvernehmen mit amerikanischen Konzernen vorangetrieben, aber von Moskau gestoppt. Im Frühjahr 2002 berieten Afghanistan und Turkmenistan über den gemeinschaftlichen Bau einer Öl- und Gasröhre nach Pakistan. Doch auch in Afghanistan sucht Rußland, voran der Erdgaskonzern Itera, der von einem früheren Ölminister Nijasovs geleitet wird, Einfluß auf die Rohstofferschließung und Durchleitung zu bekommen. Weiterer Streitpunkt sowohl mit Rußland als auch mit Aserbaidschan ist die Aufteilung des Kaspischen Meeres, unter dem der Löwenanteil der noch unerschlossenen Öl- und Gasreserven vermutet wird; Iran und Turkmenistan verlangen gleiche Anteile für alle fünf Anrainer, Moskau, Baku und Kasachstan die für sie vorteilhaftere Aufteilung nach Küstenlänge. Um den russischen Druck zu mindern, hat Turkmenistan, dem auch gute Beziehungen zu den Taliban nachgesagt wurden, nach anfänglichem Zögern den US-Einsatz in Afghanistan unterstützt und US-Hilfe für Grenzkontrolle und Rauschgiftbekämpfung angenommen. Auch der mutmaßlich inszenierte Anschlag auf „Turkmenbashi“ wurde nicht nur benutzt, um weitere Oppositionelle als „Islamisten“ zu denunzieren, sondern auch um weiter auf Distanz zu Moskau zu gehen, das öffentlich als Drahtzieher verdächtigt wurde. Anders als Heroinschmuggel, in den emigrierte Oppositionelle selbst den Präsidenten und seine Clique verwickelt sehen, gehört der islamische Fundamentalismus freilich kaum zu den turkmenischen Staatssorgen: Unter der noch heute in Teilen nomadischen Bevölkerung hat Schriftgelehrten-Fanatismus keine Tradition und keine Chance.

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