Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Anschlag auf Glockenspiel

Seit mehr als zwölf Jahren steht das Glockenspiel der Garnisonkirche wie ein einsames Baugerüst rund 60 Meter vom Standort des einstigen Turmes entfernt. Mehr als ein Jahrzehnt Anziehungspunkt für unzählige Touristen, denn alle halbe Stunde ertönte der Choral „Lobe den Herrn“ im Wechsel mit „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“. Zuviel des Guten für wenige Straftäter, die die Mahnung verstummen lassen wollten und einen Anschlag verübten. In der Nacht vom vorvergangenen Mittwoch zum Donnerstag schlichen sich unbekannte Täter wohlvorbereitet zum Turm und beschädigten zahlreiche Glocken. Erst am nächsten Tag war das Ausmaß zu erkennen: Bauschaum lag, als hätte es geschneit, rund um das Areal des Gerüsts. In acht bis zwölf Metern Höhe waren 23 der 40 Glocken ganz oder teilweise ausgeschäumt, bei fünf weiteren wurden die Elektrokabel herausgerissen – ein trostloser Anblick. Jörg Schönbohm (CDU), Innenminister Brandenburgs und Schirmherr für den Wideraufbau des Turmes der Garnisonkirche, sprach von einer „politisch motivierten Tat“, die mit „hoher krimineller Energie“ durchgeführt wurde. Sven Petke, innenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, sah sogar einen „Anschlag auf alle Potsdamer und auf die deutsche Einheit“ und wies darauf hin, daß diese Form der Gewalt aus dem linksextremen Spektrum, der „Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär“, hervorginge. Der Anschlag sei die Folge des „Geistes, der in der Kampagne seine Quelle hat“. Tatsächlich gab es in der Vergangenheit wiederholt politisch motivierte Anschläge, die sich immer gegen „den preußischen Ungeist“ richteten. „Preußen halt’s Maul“ war die Parole, die auf zahlreichen von der Kampagne organisierten Demonstrationen skandiert wurde. Bis Mitte der Neunziger machte die Kampagne gegen die „Langen Kerls“ mobil. Man wolle „dem Mummenschanz Einhalt gebieten“ und warf während der bei Touristen sehr beliebten Paraden mit Buttersäure um sich, bis die Garde kapitulierte und ihre Wachwechsel einstellte. In diesem Kommunalwahlkampf nahm die Kampagne, die sich während der letzen Legislaturperiode in der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung (man war mit drei Abgeordneten vertreten) den Namen „Fraktion Die Andere“ gab, das Potsdamer Stadtschloß und die Garnisonkirche aufs Korn. „Hüpfburg statt Stadtschloß“ plakatierte man ganz unverfänglich und machte im Wahlwerbespot klar, daß man weder Stadtschloß noch Kirche dulden wolle. Die Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel (TPG) äußert sich nicht zu den Geschehnissen. Man habe das Glockenspiel bereits Anfang der Neunziger der Stadt geschenkt, diese sei nun zuständig, verlautbarte die Geschäftsstelle der TPG gegenüber der JUNGEN FREIHEIT. Jann Jakobs (SPD), Oberbürgermeister von Potsdam, verurteilte die Beschädigung ebenfalls. Es sei nicht hinzunehmen, „daß vermutlich politisch motivierte Bürger mutwillige Sachbeschädigungen betreiben“. Der entstandene Sachschaden, der sich auf mehrere tausend Euro beläuft, werde von der Stadt mittels einer Sammelaktion mitgetragen, versicherte Jakobs. Auch die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg verurteilte die Aktion als „nicht tolerierbar“. Bischof Wolfgang Huber erklärte: „Wenn Glocken angegriffen werden, ist das auch ein Angriff auf die Botschaft, die von ihnen ausgeht.“ Jubel indes auf den Netzseiten der Linksextremen. Auf „inforiot.de“, wo sonst ausführlich Steinwürfe gegen „Nazi-Demos“ gefeiert werden, meinte jemand, er könne nun „endlich wieder in Ruhe schlafen“, und ein anderer bestätigt die „Stillegung“ als „gute Aktion“, was schon die „Aufgescheuchtheit der gesamten politischen Klasse zeige“. Daß die linksextreme Hausbesetzerszene in der Landeshaupstadt solche Strukturen haben kann, verdankt sie auch der Entscheidung des damaligen Oberbürgermeisters Matthias Platzeck, zahlreichen Hausbesetzern Mietverträgen zu gewähren. Daß dieses Handeln überdacht wird, ist in Anbetracht der Sitzverteilung von PDS, den Grünen und der Fraktion „Die Andere“ unwahrscheinlich. Mit Teilen der SPD hat man in dieser Hinsicht das Rathaus fest im Griff.

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