Freude an Regeln

In der nächsten Woche beginnt die Fußballweltmeisterschaft in Japan und Südkorea. Sie wird einen Monat lang Millionen Menschen in aller Welt in den Bann ziehen. Für das Endspiel rechnet man wieder mit circa 1,5 Milliarden Zuschauern. Ein globales Ereignis ersten Ranges also, das freilich mit dem verordneten Globalismus nichts zu tun hat. Immer wieder stellt sich die Frage nach den Gründen für die Faszination, die vom Fußball oder vom Sport überhaupt auf Millionen Menschen ausgeht. Die wesentliche Antwort lautet sehr einfach: Weil im Fußball, wie überhaupt im Sport, das Reglement noch immer streng beachtet und Regelverstöße ohne lange Diskussion konsequent geahndet werden. Alle Theorien und Praktiken „abweichenden Verhaltens“, die in Gesellschaft und Politik, in Wissenschaft und Kultur inzwischen als Leitlinien emanzipatorisch-selbstbestimmten Verhaltens akzeptiert und propagiert werden, hatten im Sport bislang keine Chance ernsthafter Beachtung. Der Zuschauer vermag deshalb wie in wohl kaum einem anderen gesellschaftlichen Bereich dem Geschehen in den Stadien zu folgen; er fühlt sich demzufolge ernst genomen und nicht als Objekt der Belehrung durch besserwisserische Kommentatoren. Alle Versuche, Regelverstöße als „archimedische Ansatzpunkte zum Aufbrechen verkrusteter Strukturen“ oder als „inovative Herausforderungen zu selbstbestimmten Entscheidungen“ positiv umzudeuten, sind zum Scheitern verurteilt, weil sie durch die Wirklichkeit widerlegt werden. Dazu der amerikanische Kommunikationssoziologe Neil Postman: „Ein Libero, der einen im Abseits stehenden Stürmer anspielt, kann die Zuschauer um nichts in der Welt glauben machen, er habe seiner Mannschaft einen Dienst erwiesen. Der Unterschied zwischen einem Treffer und einem Aus, zwischen einem Tor und einem Fehlpaß, zwischen Assen und Doppelfehlern läßt sich nicht verwischen, mag der eine oder andere Sportler noch so viel Mundwerk darauf verwenden. Gliche die Politik einer Sportveranstaltung, so würden sich mit ihrem Namen einige Tugenden verbinden: Klarheit, Redlichkeit, überragende Leistung.“ Auf diese Weise bestätigt uns der Fußball die alte Regel menschlicher Daseinsgestaltung, daß die Beachtung „starrer Regeln“ kein Hindernis, sondern die unumgängliche Voraussetzung der Entfaltung individueller Fähigkeiten einerseits, der Funktionstüchtigkeit und des Wohls der Gemeinschaft andererseits ist. Auch die Spaßgesellschaft existiert nur deshalb, weil es Menschen gibt, die durch die Beachtung bestimmter Regeln die Voraussetzungen für den Spaß schaffen. Prof. Dr. Klaus Motschmann lehrte Politikwissenschaften an der Hochschule der Künste in Berlin.

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