Eine Landschaft für Sehnsüchtige

Vor einigen Wochen wurde an dieser Stelle ein von Friedrich Schulz verfaßtes Lexikon zur Künstlersiedlung Ahrenshoop aus dem Fischerhuder Atelier Verlag vorgestellt (JF 11/02). Gelobt wurden Optik, Bildqualität und das umfangreiche gesammelte Material, bemängelt wurde die fehlende kulturwissenschaftliche und -geschichtliche Fundierung. Postwendend schickte der Verlag ein weiteres Buch zum Thema an die Redaktion, das alle Vorzüge des Vorgängerbandes aufweist und sämtliche Einwände gegenstandslos macht. Die Kunstwissenschaftlerin Ruth Negendanck konzentriert sich in ihrer Darstellung der „Künstlerkolonie Ahrenshoop“ fast ausschließlich auf die Maler, die seit Ende des 19. Jahrhunderts in dem pommerschen Ostseebad lebten. Sie beschränkt sich abei auf einige Beispiele und hat dadurch die Möglichkeit zu einer vertieften Darstellung. Der Ruf des Ortes verdankte sich nicht zuletzt dem „Kunstkaten“, einem 1909 im niederdeutschen Stil errichteten Ausstellungsgebäude, das bis heute existiert. Sein Bau war angeregt und unterstützt worden von Sophie Charlotte, Herzogin von Oldenburg, und Frau des Hohenzollernprinzen Eitel Friedrich. Die Ahrenshooper Gemälde standen in der Tradition der romantischen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts, festzustellen ist aber auch der Einfluß von Impressionismus, Symbolismus und Pointillismus. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs veränderte sich der Charakter der Kolonie. Die Steuerpolitik der Weimarer Republik zur Finanzierung der Kriegs- und Reparationslasten traf den Kunsthandel und damit auch die Künstler schwer. Die Vereinzelung bzw. Ausdifferenzierung innerhalb der Malerszene nahm zu, aus der Kolonie wurde eine locker verbundene Gemeinde. Eine Rolle spielte auch, daß die hier versammelten Maler kaum Anschluß an die klassische Moderne gesucht hatten und damit künstlerisch etwas ins Abseits gerieten. Eine Ausnahme war Alexej von Jawlensky, der 1911 in Ahrenshoop weilte und unter anderem die Steilküste und die auf der Halbinsel Fischland-Darß vielfach anzutreffenden „Windflüchter“ – von Wind und Wasser sich abwendenden Kiefernbäume – in expressionistischer Manier malte. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte Johannes R. Becher, mit dem von ihm geleiteten Kulturbund an frühere Zeiten anzuknüpfen. Ahrenshoop wurde als Intelligenz- und Künstlerbad der SBZ/DDR favorisiert. Natürlich steckte auch die Absicht dahinter, die Künstler für die sozialistische Politik zu gewinnen, ja zu korrumpieren. Der Maler Hans Brasse, in den frühen zwanziger Jahren Mitglied der Berliner Künstlervereinigung „Der Sturm“, notierte Ende 1946 in seinem Tagebuch: „Was hatte ich nicht erhofft von dieser Nachkriegszeit. Ich hatte Freiheit und Demokratie erhofft, statt dessen werden wir immer stärker von einer neuen Diktatur bedroht, der Diktatur des Proletariats. (…) Die Forderung, daß die Künstler sich nach dem geistigen Niveau der Arbeiter zu richten hätten, wird immer lauter und dreister …“ Im Juli 1951 wurde von Ahrenshoop aus die sogenannte „Knispel-Affäre“ ausgelöst. Der hohe SED-Kulturfunktionär Wilhelm Girnus hatte im Urlaub eine Ausstellung der Kunststudenten des renommierten „Instituts für künstlerische Werkgestaltung Burg Giebichenstein“ zu sehen bekommen und im Neuen Deutschland sein Entsetzen darüber geäußert, daß „mitten in einer Zeit, wo wir einen Kampf auf Leben und Tod gegen die amerikanischen Zerstörer unserer nationalen Kultur führen und die Keime des neuen Lebens sorgsam pflegen und entwickeln müssen, in einem auf Kosten des Volkes finanzierten Institut die amerikanische Fäulnis-Ideologie als künstlerische Richtung ganz bewußt kultiviert wird.“ Nach dieser Attacke gingen der Institutsdirektor Ulrich Knispel und andere Dozenten in den Westen. Zum Glück war das künstlerische Leben in Ahrenshoop auch zu DDR-Zeiten wesentlich vielfältiger, als der Amoklauf von Girnus das nahelegt. Heute werden Studienaufenthalte in Ahrenshoop weltweit ausgeschrieben. Ruth Negendanck: Künstlerkolonie Ahrenshoop. Eine Landschaft für Künstler. Verlag Atelier im Bauernhaus, Fischerhude 2001, 263 S., mit zahlr. farbigen und s/w-Abb., 35 Euro

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