Udo Lindenberg: Steht gerne im Scheinwerferlicht Foto: dpa
70. Geburtstag von Udo Lindenberg

Moralapostel in Dauerschleife

Was würden wohl die allermeisten Enkel sagen, holte sie der 70jährige Opa von der Schule ab, der aussieht wie Udo Lindenberg, es aber nicht ist. Also den Hut tief im Gesicht, semigesichtsbedeckende Sonnenbrille, knallenge Hosen, Ledermantel, schaukelnder Gang, federnde Knie, dabei alle zehn Finger – Zigarre dazwischen – von sich streckend und die Klassenkameraden nuschelnd fragend: „Na Alter, alles Klärchen …?“ Am nächsten Tag wäre dieser Auftritt von Opa durch sämtliche soziale Netzwerke gepeitscht, etwa 500.000mal „gelikt“ worden und der Enkel wäre Schulgespött.

Lindenberg wird am 17. Mai siebzig. Den wohl wichtigsten Erfolg, den er auf der Habenseite seiner Karriere verbuchen kann, ist, daß er deutschsprachige Musik salonfähig machte. Als er in den siebziger Jahren seine Karriere antrat, sangen beinahe alle westdeutschen Musiker – Schlagersänger und die Anarcho-Combo Ton Steine Scherben ausgenommen – englisch. Ob Silver Convention, Les Humphries Singers, Rattles, Lords und Scorpions …  Dann begann Anfang der Achtziger die Neue Deutsche Welle. Musikwissenschaftler schreiben sie den Erfolgen Lindenbergs zu, mit deutschen Texten die deutschen Jugendlichen zu erreichen und zum Plattenkauf zu treiben.

Moralapsotel-Barde

Soeben ist nach achtjähriger Pause ein neues Album von ihm erschienen, „Stärker als die Zeit“, und ab Freitag kommender Woche geht er wieder auf Tour. Es besteht deshalb kaum eine Chance, Informationen, die oft keine sind, über den schrillen Barden zu entkommen. Gefühlt jede Zeitung, jeder Radio- oder Fernsehkanal feiert den Mann, wie es Nobelpreisträgern anstehen würde, die aber kaum einer kennt, weil sie medial lediglich in Fachmagazinen vorkommen. Das Radio an und spätestens nach einer Stunde nuschelt es aus den Boxen: „Hinterm Horizont geht’s weiter …“

Lindenberg muß man musikalisch und politisch in die Riege der Moralapostel-Barden einreihen. Immer Verhaltenstips im Text parat, den Zeigefinder oben und unterschwellig die Botschaft, was gut ist: Toleranz, Weltoffenheit, Schwachen helfen etc. Das ist zwar per se nichts Schlechtes, es nervt aber auf Dauer, ständig angemacht zu werden, man solle gefälligst aufpassen, daß die Bösen, also die Bürgerlichen, die Konservativen, nicht die ideologische Deutungshoheit übernehmen. Ärgerlich daran auch: Der Raum, den diese musikalischen rot-grünen Botschaften bekommen, wird anderen vorenthalten.

Einst Hoffnungsträger gegen Denkverbote

Beispiel Sachsenradio MDR Eins. Lindenberg scheint permanent in der „Heavy Rotation“ zu sein, wie es in der Branche heißt und ständiges Abspielen bedeutet. Andere füllen zwar ebenfalls Hallen und verkaufen Platten wie verrückt, scheinen aber mit einem medialen Bann belegt zu sein. Andreas Gabalier beispielsweise. Oder Santiano. Selbst Helene Fischer hat gegen Lindenberg & Co. keine Chance. „Sie polarisieren zu sehr“, verriet einmal der Programmchef des Senders am Rande einer Veranstaltung auf die Frage, warum lediglich noch Lindenberg & Co. präsent sind, wenn es um deutschsprachige Musik geht. So einfach kann man es sich machen.

Der Hintergrund ist ein anderer: Die politischen Botschaften der Moralbarden sind medialer Mainstream, die Redaktionen setzten auf subtile Umerziehung durch deren Musik. Dabei war  Lindenberg – gerade im Osten – einst Hoffnungsträger und Prototyp gegen Denkverbote. Er symbolisierte Rebellion: „Mädchen aus Ostberlin“, „Cello“ oder „Hoch im Norden“ waren Lieder, die Gefühle erzeugten und auf ORWO-Kassetten – wer West-Verwandtschaft hatte, nahm BASF – so lange per drei- oder fünfpoligem „Überspielkabel“ weitergegeben wurden, bis die Qualität grottenschlecht war, es quietschte und rauschte. Hauptsache, man verfügte über die Lindenberg-Songs. Unvergessen auch Lindenbergs „Sonderzug nach Pankow“. Wer bei der NVA damit erwischt wurde, wurde bestraft. Urlaub gestrichen oder schlimmstenfalls gab es einen Tag „Bau“. Udo war damals Rebell und stand gegen Verkrustung – auch im Westen.

In den achtziger und neunziger Jahren schwand dieser Nimbus scheibchenweise. Lindenberg machte sich gemein mit dem Mainstream. Die weinerliche Ballade „Wozu sind Kriege da“ im Duett mit einem Kind, da schämten sich viele der früheren Fans erstmals fremd. Nicht weil sie Kriege befürworten würden, aber die plakativ zur Schau getragene Betroffenheit eines Unterhaltungskünstlers veranlaßte viele aus der vorherigen Fangemeinschaft zur inneren Abkehr.

Seit 30 Jahren schon kein Rebell mehr

Lindenberg schwamm in der politischen Masse und konnte es fortan nicht mehr lassen, Botschaften ähnlicher Art von sich zu geben. Mal wollte er als Panik-Panther Skins mit „Tatzen auf die Glatzen“ hauen, dann wieder machte er „sein Ding, egal was andere sagen“. Konservative waren damit nicht gemeint. Auf die darf medial eingedroschen werden. Heutzutage nuschelt Lindenberg Beifall, wenn es gegen die AfD geht. Nie würde er gegen die Euro-„Rettungspolitik“ oder die chaotische Asylpolitik rebellieren.

Eine der letzten Zuckungen echten Rebellentums fand wahrscheinlich 1983 bei Lindenbergs Auftritt im Berliner „Palast der Republik“, den er Honecker wohl mit seiner „Sonderzug“-Provokation zu verdanken hatte, statt. Angeblich hatte aber auch Konzertveranstalter Fritz Rau die SED-Chefideologen mit Harry Bela­fonte erpreßt, den er ebenfalls unter seinen Vertragsfittichen hatte. „Wenn ihr künftig Belafonte wollt, müßt ihr auch Lindenberg nehmen “, soll Rau gehandelt haben, wohl wissend, wie beliebt die „singende Friedenstaube“ Belafonte in der DDR war. So jedenfalls die Saga.

Inzwischen nervt er auch die eigene Klientel

Kurzum: Als Lindenberg vor dem Auftritt sah, daß fast nur FDJ- und Parteifunktionäre im Saal, die richtigen Fans sich aber draußen vor der Tür versammelt hatten und zu Tausenden riefen „Wir wollen rein“, rannte er seinen Stasi-Bewachern bei einem vorgetäuschten Toilettengang kurzerhand davon und ließ sich von der Menge draußen feiern, bevor er dann drinnen den Systemträgern musikalisch erklärte, daß er zwar Rocker, aber gegen Gewalt sei. Die zuvor versprochene DDR-Tournee kassierte die SED allerdings wieder und fand nicht statt.

Darauf scheint er stolz zu sein. Die Konzert-Veranstaltungslegende Fritz Rau schrieb anläßlich der Gründung der Udo-Lindenberg-Stiftung (2006): „Er ist Utopist, Humanist, Pazifist, Feminist und Umweltaktivist. Er kämpft gegen die Ausbeutung der Drittweltländer und die Ausbreitung rechter Gewalt, für Toleranz und Multi-Kulti und eine gerechtere Welt. Er mischt sich in die Politik ein, wo er kann und bekam dafür zahlreiche Auszeichnungen, ruft immer wieder Projekte, Aktionen, Initiativen, Benefizkonzerte und Auktionen ins Leben, sucht den Austausch mit Politikern und ist privater Förderer verschiedenster Umweltschutz-, Menschenrechts-, Tierschutz- und Hilfsorganisationen.“

Inzwischen scheint aber selbst einzelnen linksliberalen Medien das wie eine Monstranz zur Schau gestellte Gutmenschentum à la Lindenberg auf die Nerven zu gehen. In einem bissigen Kommentar in der Frankfurter Rundschau formulierte Autor und Theatermacher Michael Herl: „Es nimmt kein Ende. Je mehr ich erfahre, desto weniger will ich wissen. Denn um so mehr entmystifiziert sich der Mann mit dem Hut. Schlimmer noch: Er verliert an Achtung.“

Udo Lindenberg: Steht gerne im Scheinwerferlicht Foto: dpa

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