Patriarch schlägt Heuschrecke

Vor einer Woche wurde die Berliner Zeitung als „Redaktion des Jahres 2008“ ausgezeichnet, ein Preis für die „außerordentliche Standfestigkeit und ihr Bemühen, allen widrigen Umständen im eigenen Verlag wie auf dem hart umkämpften Berliner Zeitungsmarkt zum Trotz ein lesenwertes Blatt zu machen“. Dabei ist die Schlacht gegen den Investor David Montgomery längst geschlagen. Der 60jährige britische Medienzar zieht sich aus Deutschland zurück. Seine Firma Mecom verkauft ihre deutschen Titel (Berliner Zeitung, Berliner Kurier, Tip, Hamburger Morgenpost, Netzeitung), die sich allesamt als „subprime“ herausgestellt haben, an den rheinischen Verleger Alfred Neven DuMont. Damit endet der dreijährige Krieg zwischen dem Briten und der nun gefeierten Redaktion der Berliner Zeitung. Sie hat von Anfang an gegen die Übernahme durch den Finanzinvestor opponiert. Aus den anderen Mecom-Redaktionen sind keine solchen Meutereien bekannt. Auch war nichts von den befürchteten Eingriffen in die Arbeit der Redaktion zu hören. Trotzdem gelang es den Journalisten des ehemaligen SED-Bezirksblatts, sich als arme Opfer einer bösartigen, neoliberalen Krake zu profilieren, die ausgebeutet werden und heldenhaften Widerstand leisten müssen. Montgomery galt als Heuschrecke. Immer wieder wurde ihm vorgeworfen, seine Renditevorgaben – im März 2008 war von einer Renditesteigerung von 18 bis 20 Prozent die Rede – seien zu hoch. Es kam, was kommen mußte. Die Diskussion um die Maximierung der Erträge auf der einen Seite sowie die „Kostenreduzierung“ und „Personalausdünnung“ auf der anderen Seite beschäftigte die Medienberichterstattung. Das Tischtuch zwischen Redaktion und Verlag war schnell zerschnitten. Es folgten Klagen, Streiks, offene Briefe und eine Notausgabe. In vorderster Front: Uwe Vorkötter. Der Chefredakteur der Berliner protestierte laut und nahm im Mai 2006 den Hut. Nachfolger wurde Josef Depenbrock. Als Chefredakteur und Geschäftsführer in einer Person galt er als Montgomery-Mann und wurde von den Redakteuren der Berliner zum Rücktritt aufgefordert. Begründung: Er könne nicht gleichzeitig Geschäftsführer und Chefredakteur sein. Viel Ärger für eine Zeitung, die seit Jahren mit einem Auflagenverlust zu kämpfen hat und im Frühjahr 2008 die Stasi-Enttarnung von zwei Redakteuren verkraften mußte. Montgomery, der als kühler Rechner und Manager gilt, hatte es jetzt satt. Außerdem lasten auf seinem Firmenimperium hohe Schulden – und schwere Zeiten sind es ja auch. Also stieß er seine gesamten deutschen Beteiligungen ab. Schließlich gehören ihm noch 300 andere Zeitungen in Europa. Mit eingefädelt hat den Deal wahrscheinlich auch Uwe Vorkötter, denn er arbeitet inzwischen für den jetzigen Käufer Alfred Neven DuMont. Nach seinem Abgang bei der Berliner ging er zur Frankfurter Rundschau, und die gehört seit kurzem DuMont. DuMont ist ein Dinosaurier auf dem Zeitungsmarkt. Den Kern seiner Verlagsgruppe M. DuMont Schauberg (MDS) bilden die Kölnische Rundschau, der Express und der Kölner Stadtanzeiger. Dazugekauft hat er noch die Mitteldeutsche Zeitung, die Frankfurter Rundschau und nun die Mecom-Zeitungen. Auflagenmäßig liegt DuMont damit hinter Springer und dem Süddeutschen Verlag (Süddeutsche Zeitung) auf Platz drei – vor der Essener WAZ-Gruppe. Die Pleite des ausländischen Finanzinvestors ist der Triumph des heimischen Familienunternehmers. Ein Grund zum Jubeln? Zur Zeit investieren deutsche Medienkonzerne am liebsten in Internetportale, Briefzustellfirmen und Boulevardmagazine im früheren Ostblock. Nur nicht in deutsche Zeitungen. DuMont dagegen setzt auf den deutschen Markt und wirft seinen Konkurrenten mangelnde Phantasie vor („größter Wille bei denen ist der Sparwille“). Trotzdem soll sich niemand zu früh freuen. Die Redaktion der Berliner Zeitung wird schnell feststellen, daß es auch DuMont letztlich darum geht Geld, zu verdienen – Stichwort Synergien. Auch er wird Chefredakteure einsetzen und wirtschaftliche Vorgaben machen – als patriarchalischer Firmenchef, der sich wenig reinreden läßt, vielleicht am Ende mehr als sein Vorgänger! Auf der anderen Seite braucht sich niemand Hoffnungen zu machen, daß mit der wirtschaftlichen Konkurrenz für den Springer-Konzern eine weltanschauliche Alternative erwächst. Zwar weiß auch DuMont, daß man „in einer linken Nische keine lukrative Zeitung entwickeln kann“, aber er ist noch lange kein Konservativer. Seine Zeitungen waren es, die besonders lautstark gegen die Islam-Konferenz in Köln aufgewiegelt haben. Beim Kampf gegen Rechts versteht der Kölner Medienmogul keinen Spaß. Foto: Titel des DuMont-Schauberg-Verlags: Von Hamburg über Berlin nach Köln

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