Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Die Provokation des Normalen

Vielen Deutschen fehlt das Selbstwertgefühl und viele plagt die Angst davor, was die Zukunft bringen wird. Den Deutschen muß daher Mut gemacht werden, dachten sich Peter Heppner und der Berliner DJ Paul van Dyk, als sie zusammen das Lied „Wir sind wir“ aufnahmen. Inspiriert wurden die beiden durch eine ZDF-Dokumentation zum erfolgreichen Kinokracher Sönke Wortmanns „Das Wunder von Bern“, die das Gefühl der fünfziger Jahre in Deutschland darstellte. Doch auf welchen Gegenwind sie mit ihrem Lied stoßen würden, war dem Musikduo nicht bewußt. Erinnern wir uns an die frühen fünfziger Jahre zurück: Deutschland lag am Boden, völlig zerstört und besiegt. Millionen Flüchtlinge waren zwar im Lande, aber noch längst nicht angekommen. Zukunftsaussichten hatten nur wenige. Doch Totgesagte leben länger. Da gab es etwas, das die Deutschen urplötzlich und auf bemerkenswerte Weise veränderte. Als die Mannen um Fritz Walter das WM-Finale mit 3:2 für sich entschieden, entfachten sie eine Stimmung, die als „Wunder von Bern“, als Initialzündung in die deutsche Geschichte einging. Man war wieder wer, war aus der Asche auferstanden. Das war Motivation für viele im Volk und gab der gekränkten Nation ein wenig Hoffnung auf bessere Zeiten. All diese Emotionen setzten die Musiker auch in ihrem Video zum Lied um. Es zeigt bewegende deutsche Momente von 1945 bis in die Gegenwart – begleitet von melancholischer Melodie. In der ersten Einstellung ist der völlig zerstörte Reichstag zu sehen, der Sänger begegnet einem einbeinigen Kriegskrüppel. Als Dokumentarfilmer lichtet er Trümmerfrauen ab. Ein Rosinenbomber (die für die Luftbrücke eingesetzte DC 3) fliegt knapp über Berliner Häuser hinweg. Die Mauer entsteht, der DDR-Grenzer springt über den Stacheldraht. Kneipennormalitäten werden gezeigt, die Mauer wird eingerissen. Der Film schließt mit aktuellen Bildern vom Reichstag – überlagert von denen vor 50 Jahren. Heppner und van Dyk verarbeiteten in ihrem Kurzfilm – sehr zum Unwohl einiger national Gehemmter – endlich einmal positive Deutschlandbilder. Die Eindrücke scheinen den beiden Künstlern nun zum Verhängnis zu werden: In einigen Internetforen des weltweiten Datennetzes vertreten viele selbsternannte Kritiker die Meinung, daß die beiden Musiker mit ihrem Video am Rande des Faschismus stünden. Der aktuelle Heppnertext wird von linken Bedenkenträgern als „patriotische Propaganda“ und „naziästhetisch“ deklariert und die Künstler werden in eine rechte Ecke geschoben. Wie schnell die Stigmatisierung einen Musiker erreichen kann, erlebte Peter Heppner schon vor Jahren, als er zusammen mit Joachim Witt in der Musikgruppe „Wolfsheim“ das Lied „Die Flut“ produzierte. Schon damals wurde dem Sänger rechtes Gedankengut unterstellt, welches er in seinen Liedern verbreite. Titel wie „Treibjagd“ und „Wintermärz“ sorgten für Entrüstung bei denen, die von den Musikern selbst als „politisch Korrekte“ bezeichnet werden. Joachim Witt ließ die Anschuldigungen damals jedoch nicht auf sich beruhen. Der Liedermacher wehrte sich gegen die politischen Kritiker und erklärte, daß man „alles in eine bestimmte Richtung drehen kann, wenn man jemandem etwas Böses will“. Doch auch im aktuellen Fall läßt Heppner sich nicht unterkriegen. Zusammen mit seinem Gesangspartner Paul van Dyk erklärte er, daß er keine Bedenken habe, sich für eine Liedzeile wie „40 Jahre zogen wir an einem Strang, aus Asche haben wir Gold gemacht“ zu schämen. Es ginge ihm um die Aufbruchstimmung von damals, und es gebe „eine Menge, auf das wir hier stolz sein können“, meinte er im Interview mit der Welt. Er hielte es für „sehr unwahrscheinlich, daß wir Applaus von der falschen Seite bekommen“. Als wenn es für diese Textzeilen eine falsche Seite gäbe! Text: „Wir sind wir“ Tag um Tag, Jahr um Jahr./Wenn ich durch diese Straßen geh’/Seh ich wie die Ruinen dieser Stadt/Wieder zu Häusern auferstehen. Doch bleiben viele Fenster leer,/Für viele gab es keine Wiederkehr./Und über das, was grad noch war/Spricht man heute lieber gar nicht mehr. Doch ich frag, ich frag mich wer wir sind./Wir sind wir! Wir stehen hier!/Aufgeteilt, besiegt und doch/Schließlich leben wir ja noch. Wir sind wir! Wir stehen hier!/Das kanns noch nicht gewesen sein./Keine Zeit zum Traurigsein./Wir sind wir! Wir stehn‘ hier!/Wir sind wir! Auferstanden aus Ruinen dachten wir,/Wir hätten einen Traum vollbracht./40 Jahre zogen wir an einem Strang./Aus Asche haben wir Gold gemacht. Jetzt ist mal wieder alles anders/Und was vorher war, ist heute nichts mehr wert./Jetzt können wir haben was wir wollen,/Aber wollten wir nicht eigentlich viel mehr? Und ich frag, ich frag mich wo wir stehen./Wir sind wir! Wir stehen hier! Wieder Eins in einem Land,/Superreich und abgebrannt. Wir sind wir! Wir stehen hier!/So schnell kriegt man uns nicht klein,/Keine Zeit zum bitter sein./Wir sind wir! Wir stehn‘ hier!/Wir sind wir! Wir sind Wir!/Aufgeteilt, besiegt und doch,/Schließlich gibt es uns ja immer noch./Wir sind wir!/Und wir werden’s überstehen,/Denn das Leben muß ja weitergehen. Wir sind wir!/Das ist doch nur ein schlechter Lauf./So schnell geben wir doch jetzt nicht auf. CD-Titel: Gänsehaut-Musik / Informationen: Die Maxi-CD „Wir sind Wir“ erschien am 12. Juli unter dem Label „Urban“ (Universal) ISBN: B0002CX6BG.

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