Stulpenstiefel und Kettenhemden

Ein bißchen erinnert es schon an Disneyland oder an die legendären Karl-May-Festspiele in Elspe, bei denen wir in unserer Jugend Pierre Brice als schönsten Indianer aller Zeiten bewunderten, vielleicht auch an die Ritterburgen von Playmobil, mit denen man als Kind spielte – dennoch läßt sich, trotz aller unvermeidlichen Kommerzialisierung, dem Kaltenberger Ritterturnier eine gewisse Authentizität nicht absprechen. Authentisch wirkt nun zwar nicht das diesen Juli zum 24. Mal in Kaltenberg bei München zelebrierte Familienausflugsmittelalter als solches – was auch niemand erwarten würde -, sondern vielmehr die Selbstverständlichkeit, mit der viele Besucher ihre zum Teil phantasievollen und farbenprächtigen, manchmal sogar selbstgenähten Gewandungen, ihre Kettenhemden und Stulpenstiefel oder wenigstens ihre Trachtenjanker, Lederhosen oder am Gürtel befestigten Trinkhörner tragen. Vor allem die 1.200 Aussteller und sonstigen Mitwirkenden – darunter gar nicht so sehr die Ritter mit ihren allzu karnevalesken Rüstungen, sondern die Schmiede mit ihrem verrußten Brusthaar, die „edlen frouwen“ mit ihren prunkvollen Hauben oder die Verkäufer von Met und „Spetzereien“ – wirken teilweise so „echt“, daß man sich kaum vorstellen kann, wie sie am Montag danach wieder mit Schlips und Kragen im Büro sitzen. Bereits zwischen Parkplatz und Eingangstor beginnt der Spaß, indem zahlreiche Narren und Gaukler das Publikum davon ablenken, daß erst einmal in langer Schlange bei heißem Sommerwetter gewartet werden muß, bis die nicht billige Eintrittskarte erstanden oder vorgezeigt und das Burgtor passiert ist. Drinnen wird es, trotz der Ausdehnung des Areals um das historische Kaltenberger Schloß, durchaus nicht leerer – im Gegenteil, man befindet sich schließlich beim weltweit größten Mittelalterspektakel und muß sich manchmal mit einiger Mühe den Weg zu den Marktständen bahnen. Diese sind zweifellos beeindruckender als das Turnier, das als Hauptereignis gilt; schließlich wird alles von Hand genäht, gegerbt, gebraut, geschmiedet, geklöppelt und geknüpft; Plastikschnickschnack wie auf Weihnachtsmärkten hat der Initiator der Veranstaltung, Prinz Luitpold von Bayern, streng verboten. Einem Paar Sandalen mit Riemen und Bändern, die bis zur Wade hoch geschnürt werden, kann der Verfasser nicht widerstehen; sie passen deutlich besser zu der vom Online-Versand so genannten Mittelalter-Tunica, in die er sich gehüllt hat, als die alten, etwas orthopädisch aussehenden „Jesuslatschen“, die daher verschämt in den Rucksack gesteckt werden. Mit den „1. Münchener Barbaren“ – zweifellos dem ästhetischen Hauptereignis neben einigen „Edelfräulein“ – kann gleichwohl nicht konkurriert werden; zwar klingt ihr Name etwas allgemein, und es gibt sicher weitaus mehr Barbaren unter uns, die keine Felle mehr tragen, aber die bärigen oder wölfischen Wämse, die Kriegsbemalungen und mongolisch inspirierten Haar- und Barttrachten dieser Hobbywüstlinge – die auf zahlreichen Mittelaltermärkten in ganz Europa auftreten – sind erheblich beeindruckender als die Kaufhausanzüge oder Hip-Hop-Hosen der gewöhnlichen Alltagsbarbaren. Nach einem fleischigen Imbiß und einem Glas Hanfmet geht es zum Ritterturnier, das in einem restlos ausverkauften, immerhin 10.000 Besucher fassenden Stadion stattfindet. Auch wenn der Prinz Luitpold stets ihren Bildungscharakter betont – man möchte den Menschen das Mittelalter „näherbringen“ -, scheint speziell das Turnier eher für die Gäste im Vorschulalter geeignet; etwas mehr hätte man sich schon einfallen lassen können, als einen weißen, sogenannten „Ritter des Volkes“ gegen allerlei aus den Satteln purzelnde Wikingerritter antreten und zuletzt den Schwarzen Ritter besiegen zu lassen, um die schöne Jungfrau zu befreien – da hilft auch die Akrobatik der Cascadeurs Associes unter der Leitung von Jackie Venon nicht viel, die sich immerhin aus erstklassigen Stuntmen – darunter Spitzensportler mit Weltmeistertiteln – zusammensetzen und seit den siebziger Jahren in zahllosen Filmen für Alain Delon, Jean-Paul Belmondo, Roger Moore, Omar Sharif oder Peter Fonda die Köpfe hinhielten. Immerhin lenken Corvus Corax, die nicht ganz zu Unrecht in der Mittelalterszene als Könige der Spielleute gelten, von den etwas kindlichen Schaukämpfen ab; schließlich beherrschen sie meisterhaft die mittelalterliche und frühneuzeitliche Musik, spielen ohne elektrische Verstärker auf ihren altdeutschen, von ihnen erst wieder zum Leben erweckten Dudelsäcken und begeistern das Publikum mit ihrem auf Wunsch von Prinz Luitpold komponierten „Hymnus Cantica“. Auch ihre Instrumente bauen sie nach alten Vorbildern selbst, und die Lieder werden mit wissenschaftlicher Akribie recherchiert und bearbeitet. Nicht umsonst sind Corvus Corax die „offiziellen Hofmusiker der Tafelrunde des Kaltenberger Ritterturniers“, wie Seine Königliche Hoheit verkündet. Seit fast einem Vierteljahrhundert ist das Spektakel kontinuierlich gewachsen, und auch sonst gibt es eine wachsende Szene mit fließenden Übergängen in den Dark-Wave- und Neofolkbereich. Auch wenn das ganze für viele nur eine Freizeitbeschäftigung wie andere auch darstellt, ist nicht zu verkennen, daß doch ein bißchen mehr dahintersteht. Nicht, daß man das Mittelalter wiederherstellen möchte; auch ist es nicht die christliche Frömmigkeit, die die Menschen begeistert – zumal man eher Thorhämmer, Keltenkreuze und Runen als Kruzifixe an den Hälsen sieht -, sondern es sind die Möglichkeiten zu einer positiven Identifikation mit einer Tradition, die garantiert noch nicht mit all jenen politisch-ideologischen Greueln kontaminiert ist, die uns sonst – ob zu Recht oder aufgrund des Kalküls eines mehr oder weniger wohlmeinenden Establishments – unsere kollektive Identität verleiden. Seit der Romantik gilt das Mittelalter in Deutschland als ganz besonders deutsch, und während der humanistische Klassizismus stets die Angelegenheit einer kleinen, heute so gut wie ausgestorbenen, durch Reeducation und sozialdemokratische Schulpolitik ausgerotteten Bildungselite gewesen ist, ging und geht die Mittelalterbegeisterung durch das ganze Volk, konnte sich die gelehrte Forschung, die im 19. Jahrhundert das Mittelalter wiederentdeckte, mit volkstümlichen Bräuchen, die bis ins vorchristliche Heidentum zurückreichen, gleichsam verbinden und das Bewußtsein einer gemeinsamen – unserer – Kultur hervorbringen. Es ist daher nicht ganz verwunderlich – wenngleich nicht erfreulich, wie gegenüber den Lesern, die von Berufs wegen jede Suche nach Identität mißverstehen möchten, betont werden soll -, daß Ausländer, zumal aus islamischen Ländern, in Kaltenberg so gut wie gar nicht anzutreffen sind. Möglicherweise müssen wir uns eine Ritterrüstung, ein Fellwams, einen Umhang mit Gugl oder eine mittelalterliche Tunica anziehen, um ohne Gewissenskonflikte wir selbst sein zu dürfen.

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