Kunterbunte Mobilfunklandschaften

Es obsiegte die Gier über den Verstand. Vor drei Jahren ersteigerten die Mobilfunknetzbetreiber überteuerte UMTS-Lizenzen in der Hoffnung auf saftige Gewinne. Den Kunden wurden blühende (und kunterbunte) Mobilfunklandschaften versprochen. Wir alle litten unter schwerem Realitätsverlust. Es war die Zeit, in der Hausfrauen einen Vorschuß auf das Haushaltsgeld der nächsten zehn Jahre entgegennahmen. Sie kauften Telekom-Aktien für fast hundert Mark. Die nächsten zehn Jahre können sie ihren Ehemännern nur dünne Rübensuppe vorsetzen. Am Stammtisch wurden die Inhaber von Kapitallebensversicherungen oder Bausparverträgen verächtlich gemacht. Heute sendet die Bausparkasse LBS wieder Werbefilme, in denen Bausparverträge als sichere Geldanlage angepriesen werden. Aktien? Wie uncool … Und was ist aus UMTS (Universal Mobile Telecommunications System oder auch Ultimativ-miserabler Telefon-Schrott) geworden? Bis heute präsentieren uns die Lizenzinhaber Bilder schicker Mobiltelefone mit Riesendisplays, die in Wirklichkeit nur aus Pappe sind. Die bunten Bilder sind draufgeklebt. Es gibt noch immer keine richtigen Geräte. Geschweige denn ein Netz. Viele Telekommunikationsunternehmen sind durch die kostspieligen Lizenzen nämlich in eine drastische finanzielle Schieflage geraten. In ihrer Entschlossenheit, die Lizenzen zu erwerben, übersahen sie, daß acht Milliarden Mark pro Lizenz alles andere als ein Schnäppchen waren. Und wenn doch, dann weil sich „Schnäppchen“ von „übergeschnappt“ ableitet. Heute sind sie gar nicht mehr in der Lage, in den Netzausbau und die Entwicklung von Geräten zu investieren. September 2001 wurde von Mobilcom als Starttermin genannt. Inzwischen ist das Unternehmen pleite. Es konnte nur durch die tatkräftige Hilfe der Bundesregierung gerettet werden. Das ganze ist ein Beispiel für exklusive Umverteilung und die Arbeitsteilung der Regierung Schröder-Fischer: Finanzminister Hans Eichel kassiert ab, indem er die Lizenzen zu horrenden Preisen verscherbelt. Und Bundeskanzler Schröder gibt den strauchelnden Netzbetreibern ihr Geld wieder zurück. Wie auch die anderen Netzbetreiber mußte Mobilcom die Markteinführung immer wieder verschieben. Das spanisch-finnische Konsortium 3G (Quam) hat sich sogar ganz vom deutschen Markt wieder zurückgezogen. Acht Milliarden Mark wanderten aus Sicht von 3G buchstäblich ins Klo. Die verbliebenen Anbieter – Telekom, O2,Eplus und Vodafone – wissen, daß sie sich keinen Fehlstart à la WAP erlauben dürfen. Wir erinnern uns an die ersten Internet-fähigen Handys: Hat irgend jemand jemals die nächste Pizzeria oder das abendliche Fernsehprogramm mittels Wap ermittelt? Verhalten optimistisch gibt sich der O2-Geschäftsführer Rudolf Gröger: „Das Geschäft mit UMTS wird sich deutlich langsamer entwickeln als geplant.“ Sein Kollege Kai-Uwe Ricke, Vorstandschef der T-Mobile AG, sieht noch ängstlicher in die multimediale Zukunft: „Ich gehe davon aus, daß die Lizenz sich über ihre Laufzeit von zwanzig Jahren amortisieren wird.“ Das heißt, daß T-Mobile erst 2020 anfinge, Geld zu verdienen. Dann sind die Lizenzen übrigens auch schon wieder abgelaufen. Torsten Gerpott, Professor für Telekommunikation an der Uni Duisburg, geht davonaus, daß von den vier verbliebenen Anbietern noch einer ausscheiden wird. Die Netzbetreiber, so Gerpott, haben kalkuliert, daß sie – UMTS sei Dank – potentiellen Kunden vierzig bis siebzig Euro im Monat zusätzlich zu den „normalen“ Telefongebühren aus der Tasche ziehen können. Inzwischen ist aber Geiz geil geworden. Und Gerpott rechnet heute nur noch mit durchschnittlichen 27 Euro pro Monat und Kunde. Niemand glaubt noch, dass Otto Normaltelefonierer bereit sein wird, ein kleines Vermögen auszugeben, nur um seine Schwiegermutter nicht nur hören, sondern auch sehen zu können. Eplus-Chef Uwe Bergheim rechnet damit, daß UMTS frühestens in „drei bis vier Jahren entsprechende Akzeptanz bei den Kunden finden“ wird. Er weiß, wovon er redet, denn Eplus betreibt heute schon iMode, eine Art UMTS für Arme. In Asien ist iMode der Renner, hierzulande jedoch nur ein Ladenhüter. Konsumforscher haben sogar ermittelt, daß die Kunden allenfalls 15 Euro für die neuen Datendienste – wenn sie denn eines Tages verfügbar sind – zu zahlen bereit sind. Zumindest sollen die Kosten für die Kunden transparenter werden als bisher. Derzeit wird für Datendienste neben der Zeit auch das Volumen an Daten abgerechnet. Für den Kunden sind aber die Onlinezeit, und erst recht die übermittelten Megabits, nur eine anonyme Zahl. Was zählt, ist sein Nutzen. Deshalb sollen Infodienste zu Pauschalpreisen angeboten werden. Alle Tore einer Bundesligamannschaft in Form einer Videosequenz für fünf Euro im Monat – so etwa stellt sich Markus von Böhlen, der Vertriebsleiter bei O2, die neuen Dienste vor. Der O2-Oberverkäufer ist fest vom Erfolg der UMTS-Netze überzeugt. Angesprochen auf die konkreten Dienste, die O2 anbieten werde, reagiert er wie ein Schauspieler, der gerade kein Engagement hat: Er deutet phänomenale Dinge an, die er nicht detailliert darstellen könne, weil man noch in der Vorbereitungsphase sei. Motto: „Ich habe gerade einen Hollywoodfilm angeboten bekommen, aber die Verträge sind noch nicht unterschrieben, deswegen …äh…kann … äh … ich nicht mehr sagen.“ Die Computerzeitschrift Chip lud kürzlich zu einem Symposium über UMTS. Das Forum stand unter dem Schlagwort „UMTS ist tot – es lebe UMTS?“ Chip hatte die Besucher ihrer Internetseite gefragt, welche Dienste UMTS interessant machten. Wohlgemerkt handelt es sich dabei um Computer-Interessierte, die im Internetsurfen- also sicher kein gesellschaftlicher Querschnitt. 26 Prozent sagten, sie wollten auch unterwegs im Internet surfen können. Etwa jeder siebte will E-Mails lesen und versenden sowie navigiert werden. Beides ist heute schon ohne UMTS technisch möglich. Gerade sechs Prozent wollen Videos auf ihrem Handy ansehen. Und sich dabei die Augen verderben, möchte man hinzufügen. Wird UMTS also der teuerste Flop der deutschen IT-Geschichte? Thomas Pyczak, der Chip-Chefredakteur, fragt eingangs seiner Expertenrunde nach den Erfolgsaussichten von UMTS. Etwa die Hälfte der Anwesenden glaubt an eine neue Erfolgsgeschichte. Die anwesenden Experten reden sich in Rage. Anfang der Achtziger hatte schließlich auch niemand an den Erfolg der GSM-Netze geglaubt, der sich erst fünfzehn Jahre später einstellte. Zuletzt kommt die gute Nachricht: Bis Ende des Jahres muß ein Viertel des Volkes Zugang zu den UMTS-Netzen haben. Das sind zwar nur fünf bis sieben Prozent der Fläche, doch selbst das stellt die Netzbetreiber vor eine finanzielle Herausforderung. Netzbetreiber, die diese Bedingungen nicht erfüllen, können die Lizenz verlieren. Die könnte Eichel dann abermals verkaufen – wahrscheinlich glaubt er schon, damit einen besseren Coup landen zu können als Ministerkollege Trittin mit seinem Dosenpfand. Damit könnte ein Fonds aufgelegt werden, der der Rettung entführter deutscher Abenteuerurlauber zugute kommt.

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