Gouverneure, Gurus & Gefängnisse

Wir erinnern uns an sektenartige Fernseh- und Zeitungsbilder: Kraftvolle Rockmusik hämmert brachial in den vollen Saal. Aufgestachelte Manager, explodierende Unternehmer, entfesselte Hausfrauen und ekstatische Vertreter laufen vor den staunenden Augen des massenhysterischen Publikums und gefeierter Vorturner über Scherben, glühende Kohlen und verbiegen Eisenstangen. Die Menge tobt, die Hobby-Fakire umarmen sich, und der mehr oder weniger selbsternannte Motivationsguru posaunt, daß jeder im Saal das auch könne, er müsse nur fest genug an sich glauben. Die Massen klatschen rhythmisch oder mimen in Sprechchören den Papageien. So wird man selbst in wenigen Wochen vom unbekannten Typen mit Nickelbrille zum bewunderten und heißumschwärmten Supermann und scheffelt die Millionen nur so auf das Bankkonto. Alles ist machbar! Tsjakkaaaaaaa! Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall: Vera F. Birkenbihl, eine der langjährigsten und eher dem intellektuellen Lager zugehörigen Trainerinnen, mußte mit ihrer Firma „add! Brain“ Insolvenz anmelden. Der „Money Coach“ und Bestseller-Autor von Finanz- und Erfolgsratgebern wie „Der Weg zur finanziellen Freiheit – In sieben Jahren die erste Million“ Bodo Schäfer, verkaufte seine Anlageberatung, die kurz darauf umbenannt und abgewickelt wurde. Der Börsenwert von Erich J. Lejeunes Chipbroker-Firma CE Consumer Electronics fiel ins Bodenlose. Und der Top-Star der Szene, Jürgen Höller, landete wegen dubioser Finanztransaktionen und Insolvenzverschleppung im Zusammenhang mit dem mehrfach verschobenen Börsengang seiner Inline AG im Gefängnis. Schneeballprinzip mal andersherum. Die Überlebenden backen inzwischen kleinere Brötchen, man gibt sich betont bescheiden und seriös, sieht man mal von denen ab, die wie der „Grand-seigneur“ Nikolaus B. Enkelmann ohnehin den Rummel mieden. Die Motivationsindustrie in Deutschland hat im Moment mehr damit zu tun, sich selbst wieder aufzurichten, als mit ihrem Kerngeschäft, dem psychischen Aufbau ihrer Jünger. Branchenkenner witzeln sogar, daß die Zahl der Gläubiger (unter anderen der prominente Schlagersänger Guildo Horn) die Zahl der Gläubigen inzwischen überholt hat. Katerstimmung bei Initiatoren und Initiierten, der Hype ist vorbei. Ein Blick über den Großen Teich zeigt, daß man im Ursprungsland des mentalen Trainings von jeher bedachter ans Werk geht und sich mehr auf die Aussage als auf das Aufputschen konzentriert hat. Seriöse Namen wie Anthony Robbins, Zig Ziglar, Tom Hopkins oder Brian Tracy genießen weitläufige Anerkennung und allgemeinen Respekt – zumindest in Amerika. Die Bücher vom Urvater des positiven Denkens, Dale Carnegie, verkaufen sich nach wie vor ganz oben auf den Bestsellerlisten. Wer sich mit diesem Thema beschäftigt, kommt an Büchern wie „The Luck Factor“, „Think Big“ oder Vorträgen und Aufsätzen vor allem eines Mannes unter ihnen kaum vorbei: Brian Tracy. Im Laufe seiner mehr als 20jährigen Karriere hat Tracy den Großteil der Wirtschaftsgrößen und Konzerne beraten, in allen großen Industrienationen referiert und Dutzende anerkannter Ratgeber, Lehr- und Hörbücher verfaßt. Tracy gilt heutzutage als der best(bezahlt)e Managementtrainer der Welt. Er publiziert Wissen, das die anderen – besonders in Deutschland – nur allzugern als eigene Erkenntnisse verkaufen. Das wird aber bislang kaum aufgefallen sein, denn wer liest schon solche Dinger in der Orginalversion. Mit seinem neuesten Knalleffekt, der Kandidatur um den Gouverneursposten von Kalifornien, konnte Tracy mehr Sendeminuten ergattern, als die diversen anderen Skurrilitäten – wie zum Beispiel der Gründer des Pornomagazins Hustler, Larry Flint. Im Vergleich zum Presserummel um Arnold Schwarzenegger (der seinen neuesten Terminator ja nicht von ungefähr gerade jetzt in die Kinos brachte) zog der Motivationstrainer aber den Kürzeren. In seinem Wahlprogramm greift Tracy die derzeitigen Machthaber insbesondere hinsichtlich der Bildungs- und Steuerpolitik an, denn auch in den USA wachsen Ober- und Unterschicht auf Kosten des Mittelstandes. Wahlkampfsprüche als Motivationstraining, die der Bundesstaat auch bitter nötig hat; klafft doch derzeit ein Haushaltsdefizit, das genauso hoch ist wie das der übrigen US-Staaten zusammen. Schon jetzt ist fraglich, wie in den nächsten Monaten die Gehälter und Löhne von Beamten und Öffentlichem Dienst bezahlt werden sollen. Die Bonität von kalifornischen Staatsanleihen ist mittlerweile auf das Niveau von Bananenrepubliken gesunken. Wenig verwunderlich, daß Gray Davis, der derzeitige Regierungschef von Kalifornien, kaum noch Chancen hat, an seinem Sitz kleben zu bleiben. Doch auch andere prominente Größen machen von ihrem passiven Wahlrecht Gebrauch: Der wohl zugleich populärste Bewerber Arnold Schwarzenegger und der mit weniger Medienrummel bedachte Rob Reiner, Regisseur von „Harry und Sally“, werben um die Gunst der Wählerstimmen. Spannend dürften die Wahlen vor allem deshalb werden, da sich im Lager des „Gouvernators“ milliardenschwere Fürsprecher wie Börsenlegende Warren Buffet (das „Orakel von Omaha“) befinden. Zudem ist Schwarzenegger-Gattin Maria Shriver Mitglied des noch immer einflußreichen Kennedy-Klans. Und seit Revolverheld „Dirty Harry“ Clint Eastwood als Bürgermeister von Carmel und Ronald Reagan gar als US-amerikanischer Präsident der Schauspieler-Gilde den Weg in die Politik geebnet haben, gilt die Aufstellung des gebürtigen Österreichers als vollkommen hoffähig. Angesichts dieser prominenten Mitbewerber darf man Brian Tracys Kandidatur mit nicht allzu rosigen Chancen einschätzen. Dennoch: sollte er diese Wahl nicht gewinnen, wäre es logisch, wenn er sich – ganz im Sinne seiner „Think Big“-Philosophie – statt dessen um die Nachfolge im Weißen Haus bewerben würde. Und oftmals sind politisches Klima und Motivation für die gebeutelte US-Wirtschaft zugkräftiger als rein monetäre Eckdaten und diplomatisches Säbelrasseln. Vielleicht wirft Tracy ja weniger mit Bomben, sondern läßt seine Gegner lieber an seinen Seminaren teilhaben. Was gäbe man nicht für ein „Tsjakka“ mit den Osamas und Saddams dieser Welt.

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