Duell der Dämlichkeiten

E r war ein Superstar, er war so populär, er war zu exaltiert, genau das war sein Flair, er war ein Virtuose, war ein Rockidol und alles ruft noch heute: Come on and rock me, Amadeus“, rappte der Ösi-Elvis Falco. Genauso fühlen sich vermutlich die sechs verbliebenen Möchtegern-Superstars der RTL-Sendung „Deutschland sucht den Superstar“. „Ja, es fließen sehr viele Tränen, wenn man bedenkt, daß wir 10.000 Leute gecastet haben und nur hundert in die nächste Runde kommen“, beschreibt Michelle Hunziker den akuten Aderlaß beim bislang größten Musik-Wettkampf der Republik. Mehr als 60.000 Fragebögen wurden ausgewertet, 10.000 Bewerber zu vier Wettstreits nach Hamburg, Berlin, Köln und München gebeten, nur dreißig kamen in die engere Wahl. Die anderen ernteten Hohn und Spott von der vierköpfigen Experten-Jury mit Pop-Papst Dieter Bohlen an der Spitze. „Ich bin nicht Dieter Theresa, aber ich finde, man hat den Kandidaten gegenüber eine gewisse Verantwortung“, erklärt Bohlen ganz wahrhaftig. „Aber ich kann mich nicht daran erinnern, daß ich einem 16- oder 17jährigen Typen, der unsicher war und wo ich das Gefühl habe, mit dem kann man das nicht machen, niedergemacht hätte.“ Einige der geschaßten Starlets empfanden das wohl anders, „er war wirklich fies zu mir“, winselte ein Bohlen-Opfer. Die schlechtesten Darbietungen wurden dem Fernsehpublikum zur Belustigung noch einmal in einem „Best of Casting-Special“ offeriert. Die eigentlichen Gewinner der Sendung sind die Voyeure: Woche für Woche wird Kandidat um Kandidat im „Circus maximus“-Stil abgewählt, bis sich im März nur noch zwei Barden im Finale um den heiß begehrten Plattenvertrag zanken. Als Richter und Henker über die Kandidaten fungiert das Fernsehpublikum, das per Anruf entscheidet, wer weiterkommt. Solange wollte die hübsche 21jährige Inderin Judith nicht warten. „Ich habe die gesunde Ausstrahlung. Ich grinse nicht einfach so in die Kamera“, verkündete das Sonnygirl mit der Startnummer 7131 vollippig, ihr Ziel sei die Oscar-Verleihung. Um dann Anfang Januar per Abschiedsvideo das Handtuch zu schmeißen, weil der permanente Druck zu groß und der Freundeskreis wichtiger sei. Nicht nur Branchenkenner vermuten, daß Judith mit dem vor der Sendung abgeschlosse-
nen Vertrag unzufrieden war, der RTL den Löwenanteil an den Tantiemen
sichert. Die gescheiterte Judith ist nur eine Randnotiz im Show-Spektakel. Durchschnittlich 2,4 Millionen Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren interessieren sich jeden Samstag für die wöchentliche „Grandprix-Party“ zur besten Sendezeit, das Ergebnis der Zuschauerabstimmung um 23.15 Uhr verfolgen noch rund zwei Millionen Schaulustige. Damit es nicht langweilig wird, steht jede Sendung unter einem bestimmten Motto, von Liebesliedern bis zu aktuellen Hits. Sogar ein Hit-Clown ist im Angebot: Daniel aus Eggerfelden besticht weniger durch sein Stimmvolumen, als durch seine pantomimische Skurrilität. Daß er der einzige Teilnehmer ist, dem man den „Superstar“-Status gönnen möchte, sagt alles über die sterile Ausstrahlung seiner Konkurrenten aus. Ohnehin geht es bei der RTL-Show weniger um die gesangliche Nachwuchsförderung, sondern um blanke Einschaltquoten. „Bei der sehr emotionalen Show lernt das Publikum die einzelnen Kandidaten, ihre persönlichen Motivationen und Geschichten, ihre Träume und Hoffnungen intensiv kennen“, weiß Christoph Körfer von der RTL-Kommunikation. Das Konzept scheint aufzugehen. Als Vorbild dient RTL das britische Original „Pop Idol“, bei dem der stotternde Gareth Gates dem Traumboy Will Young vergangenes Jahr vor vierzehn Millionen Zuschauern unterlag. In den USA schluchzte vor wenigen Wochen die 20jährige Kelly Clarkson vor 22,8 Millionen Augenzeugen den Soul-Klassiker „Respect“. Der Formaterfinder Simon Fuller, ehemaliger Manager der „Spice Girls“, träumt schon von einer Weltmeisterschaft aller Landessieger. Bis dahin erwartet den deutschen Superstar-Sieger eine dichte Vermarktungskette, die vom Merchandising bis zum Sieger-Titel reicht. „Ich will jetzt nicht übertreiben, aber rund vierzig Nummern habe ich schon geschrieben“, prahlt Hit-Schmied Bohlen. „Sollte ich kein einziges gutes Stück darunter haben, höre ich ganz auf!“ Dieter sei Dank hat sich die erste Superstar-Single „We have a dream“ schon über 400.000 Mal in Deutschland verkauft. Die Deutschen mögen Dieter halt. Natürlich profitieren die Macher der Superstar-Farce von den Erfahrungen der RTL2-Serien „Popstars“ und „Teenstars“. „Jeder kennt die No Angels‚ und BroSis sind beispielsweise von Bundespräsident Rau zu Sonderbotschaftern ernannt worden“, erinnert sich Matthias Trenkle von RTL 2. Zum Show-Konzept gehört auch eine Backstage-Doku auf Vox. „Das Magazin möchte alle Fragen beantworten, die die Show offen läßt“, weiß Vox-Chefredakteur Hans Demmel. „Was passierte hinter den Kulissen, wie fühlten sich die Kandidaten nach ihrem Auftritt?“ Raus mit den Affekten, mit Tränen und Wut, hinein ins authentische Gefühlsfernsehen. „Es ist natürlich, daß da auch Emotionen rauskommen“, findet Co-Moderator Carsten Spengemann, früher Darsteller bei der ARD-Seifenoper „Verbotene Liebe“. „Ich bin mir da auch nicht zu schade, mich mit denjenigen zusammen auf die Stufen zu setzen und sie einfach weinen zu lassen.“ Emotionen sind authentischer als das Gesangstalent, das immer eine Frage des Geschmacks bleibt. Die Chance auf Prominenz ist heute größer denn je, Starlets kommen, Trends gehen. Auch Michelle Hunziker weiß das. „Es gibt so viele gute Sängerinnen auf der Welt, da braucht es keine mittelmäßigen wie mich.“ Na ja, Gesangs- und Tanzunterricht nimmt das 25jährige Ex-Model dennoch, selbst wenn die Süddeutsche Zeitung Hunzikers Stimme „an das Geräusch erinnert, das beim Biegen einer gerade aus dem Tiefkühlfach geholten Eiswurfschale entsteht“. Michelle „on the rocks“ sozusagen.

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
CATCODE: Article_Zeitgeist