Der Ursprung der Bewegung

Rastazöpfe und der süßliche Geruch qualmender Joints gehören heute zum Erscheinungsbild vieler westlicher Jugendlicher, deren entspanntem Exotismus die spirituellen Hintergründe ihres Lebensstils aber oft unbekannt sind. Auch daß es bei Rastafari durchaus Parallelen zur deutschen Geschichte, zu Lebensreform, völkischen Landkommunen und antimodernen spirituellen Erlösungsutopien vom Anfang des 20. Jahrhunderts gibt, bleibt unthematisiert. Rastafari ist afroamerikanischer Identität verbunden, und einer der Ursprünge liegt bei dem 1887 geborenen jamaikanischen Gewerkschafter Marcus Garvey. Von ausländischen schwarzen Intellektuellen beeinflußt, propagierte er die schwarze Emanzipation durch strikte Rassentrennung und die Rückkehr aller Menschen schwarzer Hautfarbe in ihre Ursprungsheimat Afrika. In Jamaika stieß er mit diesen Zielen zeitlebens auf wenig Interesse, reiste deshalb 1916 in die USA. In Harlem fand er mehr Publikum für seine „Universal Negro Improvement Association“ (UNIA) und die zwei Zeitungen The Negro World und The Black Man. Nachdem man ihn in seinem Umfeld zum „ersten provisorischen Präsidenten Afrikas“ ernannt hatte, verhandelte er gar mit dem Völkerbund um Zusprechung ehemaliger deutscher Kolonien an ein „Empire of Africa“ für repatriierte Schwarze. Nach Korruptionsskandalen wurde Garvey verhaftet und nach Jamaika ausgewiesen, wo er 1940 enttäuscht starb. Neue Nahrung erhielt der panafrikanische Gedanke 1930 durch das weltweite Aufsehen für die prunkvolle Krönung des Stammesfürsten Ras Tafari Makkonen zum 111. Herrscher von Äthiopien in Addis Abeba. Der Kaiser erhielt den Titel „Haile Selassie I, Negus Negesti, King of Kings, Lord of Lords, Conquering Lion of Juda“. Wie einst Jesus führte er seinen Herrschaftsanspruch auf die Abstammung aus dem Hause David zurück. Demnach habe der verschollene zwölfte Stamm Israels in Äthiopien seine neue Heimat gefunden. In Äthiopien damals traditionell als Sinnbild für das gesamte Afrika angesehen, schien sich die Prophezeiung eines schwarzen Messias zu erfüllen. Fortan begann Garveys Freund Leonard Howell, „der erste Rasta“, die Göttlichkeit des äthiopischen Kaisers zu predigen. Die nach dem Namen des Kaisers benannte Rastafari-Lehre beinhaltete mehrere Glaubensgrundsätze. Erstens: Ras Tafari Haile Selassie I. ist der dreieinige Gott, Jahwe (bei den Rastas verkürzt zu „Jah“, der Lebensenergie). Zweitens: Afrika ist die Heimat des schwarzen Volkes. Drittens: Die Heimkehr nach Afrika wird zur Erlösung aller in der Diaspora lebenden Afrikaner. Viertens: Das kapitalistische „Babylon-System“ der Weißen ist ein untergehendes System des Unrechts. Fünftens: Die schwarze Rasse ist die Rasse des Ursprungs und als solche überlegen. Über Howells Leben ist unlängst eine blumig verfaßte ausführliche Biographie der Journalistin Hélène Lee erschienen (Hélène Lee: Der erste Rasta, Höfen 2000, Hannibal-Verlag, PB, 328 S., 19,90 Euro). Gesicherte Fakten existieren kaum über diese sich im historischen Nebel verlierende Figur, was bei der Spurensuche um so mehr Spekulationen Platz einräumt. Die von Howell gepredigte neue Religion erhielt bald Massenzulauf aus den Ghettos. Den Menschen am Rande der Gesellschaft ermöglichte diese Erlösungsreligion die Entwicklung von Selbstwertgefühl. Kleine Selassie-Porträts wurden fortan wie Reliquien verehrt. Rastafari ist eine Gegenbewegung zum kapitalistischen „Babylon“-System, das als unnatürlich, verlogen und von den Europäern oktroyiert interpretiert wird. Als wahres Volk Israels, das durch die Sklavenhändler nach „Babylon“ verschleppt wurde, harrt man seiner Wiederkehr nach „Zion“, dem gelobten Land der Väter. „Dreadlocks“, zu dicken Strähnen verfilztes Haar, tragen sie als äußeres Zeichen ihres schwarzen Rassenstolzes. Es wurde bewußt als Gegenmodell zum bis dahin dominanten Bestreben gewählt, sich möglichst weißen Schönheitsidealen anzunähern, beispielsweise durch Hautbleichung und Haarglättung. Gebrauchsgegenstände werden mit den panafrikanischen Farben Grün (Heimat und Hoffnung), Gelb (Größe und Prächtigkeit Afrikas) und Rot (Blut und Kampf) geschmückt. Marihuana bzw. Ganja dient als wisdom weed der Verständigung auf spiritueller Ebene. Ansonsten leben Rastafaris eher asketisch: Sie verzichten auf den Verzehr von Schweinefleisch, Alkohol, Schalentieren, schuppenlosen Fischen und Salz. Um keinen Rasta grammatikalisch zurückzustufen, wird für die zweite und dritte Person immer in der ersten Person gesprochen. Es gibt demnach kein „du“ oder „er“, sondern nur „ich“. Spricht ein Rasta von „I and I“, so bedeutet dies „Ich“, „Wir“ und die „Rasta-Gemeinschaft“. Neben der Existenz Gottes habe demnach jeder Mensch einen Anteil am göttlichen Sein, wenn er sein seelisches „I“ erkannt hat. Leonard Howell zog sich mit Anhängern in die Berge zurück und gründete das Rasta-Camp „Pinakel“. Dort wurde erstmals im großen Stil „Ganja“, das illegale Marihuana, als „heiliges Kraut“ gezüchtet. Man ernährte sich von Landbau, ließ sich die Haare nach dem Vorbild Selassies zu „Dreadlocks“ wachsen, trommelte, tanzte und verweigerte weitere Steuerzahlungen an „Babylon“. Nachdem sich Howell, der einen Harem mit dreizehn Frauen unterhielt, angeblich aber selbst zum Gott erklärte, reagierten seine Anhänger verwirrt und widersetzten sich auch nicht, als 1954 die Polizei das Camp stürmte und Howell in die Irrenanstalt abführte. Militante lieferten sich immer mehr Straßenschlachten mit der Polizei, die nun die Rastas als kriminelle Subjekte verfolgte, wie Hélène Lee eindringlich beschreibt. Kultanhänger wurden kahlgeschoren, verprügelt und ins Gefängnis gesteckt, ihre Behausungen angezündet. Erst der sozialistische Politiker Norman Manley entdeckte die Rastas als Wählerpotential und bemühte sich um Entkriminalisierung. Manley lud Haile Selassie – der durchaus an Einwanderern nach Äthiopien interessiert war, solange es sich nicht um Marihuana qualmende Rastafaris, sondern um beruflich qualifizierte Mittelschichtler handelte – 1966 zu einem Staatsbesuch auf die Insel ein. Es regnete in Strömen, als Selassies Flugzeug landete, doch in dem Moment, als die Tür der Maschine aufging, riß die Wolkendecke auf und die Sonne erschien. Die wartenden Rastas gerieten aufgrund des „himmlischen Zeichens“ in Begeisterungstaumel, rissen Absperrungen nieder und stürmten das Rollfeld, so daß Selassie erschrocken wieder in sein Flugzeug floh. Das staatliche Empfangskomitee war machtlos. Erst als ein führender Rastafari die Masse beruhigte, ließ sich der Kaiser durch das euphorisierte Volk führen. 34 Jahre später, im November 2000, sollten in Addis Abeba 200.000 Menschen an der Beisetzung Haile Selassies teilnehmen. Der Leichnam des bereits im August 1975 vermutlich vom sozialistischen Militärdiktator Mengistu ermordeten Kaisers war 1992 nach dem Sturz Mengistus unter einer Toilette in dessen äthiopischem Amtssitz gefunden worden. Die Rückkehr ins gelobte Land profanisierte langsam zu einer generellen Rückbesinnung auf die Wurzeln schwarzer Kultur und Geschichte. Dadurch konnte Rastafari das Ghetto der Unterschichten verlassen, in die Mittelschicht und bis auf deutsche Schulhöfe vordringen.

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