Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Der Harem und sein Guru

Herr Langhans, gibt es Unterschiede zwischen der legendären „Kommune 1“ und Ihrer TV-Kommune? Langhans: Einen sehr großen Unterschied. Diesmal ist es ein Frauenprojekt. Die Kommune I war ja überwiegend ein Männerprojekt. Allerdings mit der meisten Weiblichkeit unter den damaligen politischen Projekten. Darüber hinaus war es das einzige positive Projekt, denn alle anderen waren ja „gegen“ etwas, und wir waren „für“ etwas. Wofür waren Sie denn? Langhans: Wir waren dafür, daß man neu und frei leben kann. Wir zeigten auf, daß die früheren Dinge nicht mehr funktionierten, und wir herausfinden könnten und würden, wie man wirklich liebevoll leben kann. Wir konnten zeigen, daß die Ängste und Grenzen nicht mehr existieren müssen. Unsere Gemeinschaft versuchte dies in die Praxis umzusetzen. Dies wurde selbst von den damaligen Linken für völlig unpolitisch gehalten. Und Ihr aktuelles Projekt? Langhans: Es ist bedeutend irrationaler als die Kommune. Es ist sehr viel stärker mit den Ängsten und Möglichkeiten der Frauen befaßt. Wir wissen eigentlich nicht genau, was und warum wir es tun. Es ist daher sehr schwierig, die ganze Sache mit dem Verstand zu erfassen. Für mich als Mann ist es unglaublich schwierig, leidenschaftlich, aufregend und teilweise auch entsetzlich kriegerisch, aber auch visionär. Das wußte ich vorher nicht. Den meisten Intellektuellen ist dieses Genre zutiefst verhaßt, weshalb Ihnen nicht? Langhans: Ganz einfach. Weil Intellektuelle mit ihrem Unterleib immer Schwierigkeiten haben, und weil sie, um Dinge zu beschreiben, Distanz brauchen. Unser Projekt unterschreitet diese intellektuellen Fluchtdistanzen. Das ist auch das, was wir zeigen wollen: Daß das Private alle Politik aus sich entläßt und das eigentlich Politische ist. Das ist Intellektuellen immer noch wahnsinnig unheimlich – wie das Weibliche. Das ist auch der Grund, weshalb die „Kommune“ als eigentliches Herz der Bewegung immer noch nicht genügend gewürdigt und anerkannt ist, denn Intellektuelle schreiben die Geschichte. Haben Sie mit der Kommune einen Trend gesetzt? Langhans: Unbedingt. Ich bin der Auffassung daß diese Seite von ’68, die weichere und weiblichere Seite, gewonnen hat. Sie ist bei den jungen Leuten zu 100 Prozent präsent. Sie leben dies bis in alle Einzelheiten hinein, was wir damals als winzige Gruppe vorlebten. Allerdings sehen wir diesen Anteil an der Geschichte momentan zu wenig. Das Bewußtsein ist nach mehr als 35 Jahren noch immer nicht imstande, genügend Distanz dazu herzustellen, um das wenigstens als historisches Phänomen anzuerkennen. Sind demnach Sendungen wie „Big Brother“ oder „Deutschland sucht den Superstar“ politische Sendungen? Langhans: In meinen Augen ja. Man sieht da sehr viel mehr über die Jugendlichen von heute und damit über die Gesellschaft von morgen, als in Sendungen, wo darüber entweder intellektuell geredet wird oder man sich in den alten Kategorien bewegt. Verfolgen Sie einen pädagogischen Ansatz? Langhans: Nein, ich bin kein Pädagoge. Ich bin jemand, der sein Leben so gut zu leben versucht wie möglich, der dies allerdings auch politisch versteht. Aus dem Beziehungsgeflecht zwischen Mann und Frau erwächst jegliche Politik – bis hin zu Bushs Irak-Krieg. Auch die heute so vermißten Visionen kommen daher. All das versuchen wir nachvollziehbar zu machen, indem wir unsere Encounter diesmal total durch Kameras öffentlich machten. Wo ist der Bezug zum Irak-Krieg? Langhans: Wir sagten damals „Make love, not war“. Wir sahen damit ganz deutlich die Beziehung zum Krieg, der stets außen geführt wird, weil man innen nicht liebesfähig ist. Die innere Liebesfähigkeit muß daher als sozusagen politisches Arbeitsfeld begriffen werden. Ein Mensch, der innerlich finster drauf ist, wird es nach außen projizieren und dafür andere Leute angreifen. Wie sieht es mit der Liebesfähigkeit von George Bush aus? Langhans: Er ist privat nicht liebesfähig. Er lebt in einer Situation, in welcher sich die Dinge für ihn nicht weiterentwickeln. Wenn er in dieser Frage mehr in Richtung Clinton gegangen wäre, dann gäbe es jetzt nicht diesen Irrsinn, der uns einen höchst merkwürdigen Krieg beschert. Würden Sie denn Bush in Ihrer Kommune aufnehmen? Langhans: Man müßte sehen, „woher“ er kommt, wo er abgeholt werden muß. Aber prinzipiell – selbstverständlich. Ich rede mit jedem. „Big Brother“ ist bereits drei Jahre her, und die letzte Staffel floppte. Wo ist der innovative Ansatz an Ihrem Projekt? Langhans: Ich glaube, es gibt außerordentlich viele Big-Brother-Nachfolger. Auch wir werden unser Projekt wahrscheinlich fortsetzen. Es besteht daran, daß diese Form der Nähe zu dem Privaten und dessen Zuordnung zum Politisch-Gesellschaftlichen die Menschen sicherlich dazu bringen wird, selbst dabei etwas auszuprobieren. Ich bin mir sicher, daß es politische und natürlich auch kommerzielle Folgen haben wird. Es ist insofern ein Fernsehen der Zukunft, da es nicht sehr teuer ist, für alle Beteiligten ein Abenteuer darstellt, und dadurch nicht bloß ein kommerzielles Breittreten sein wird. Das Format als solches ist völlig in Ordnung, aber es muß stets weiterentwickelt werden. Horst Mahler ist aus der NPD ausgetreten und beendete damit sein persönliches Medien-Projekt. Angenommen er stünde vor der Tür, um in der Kommune zu leben, was würden Sie ihm sagen? Langhans: Er wäre natürlich willkommen! Ich war mit Horst Mahler sehr eng befreundet. Ich habe mit ihm zu Beginn der NPD-Geschichte noch sehr intensiv diskutiert. Ich schätze jeden, der seine Erfahrungen machen möchte. Ich werde natürlich versuchen, ihn zu sprechen, da mich seine Erfahrungen sehr interessieren. War die NPD der Harem des Horst Mahler? Langhans: Eben nicht! Die NPD war genau das Gegenteil für ihn. Ich meine, daß er an seiner privaten Geschichte mehr arbeiten müßte. Statt dessen geht er in diese äußeren Abenteuer. In ihnen hofft er, das äußere politische Gespräch fortzusetzen, welches er mit der Linken nicht mehr führen konnte. Ist Mahler denn liebesfähig? Langhans: Ich würde ihm in dieser Richtung eine Persönlichkeit bescheinigen, die sich schwer tut, die immer wieder unterwegs und auf der Suche war. Ich würde allerdings sagen, daß er sich zu oft in diese Bush-Richtung des großstaatlichen Denkens flüchtet, statt sich dem „Kleinstaatlichem“, der inneren Verfassung zu widmen. „Die Revolution für eine Frau zu verraten, ist immer gerechtfertigt“, rieten Sie ihrem Alt-Kommunarden Dieter Kunzelmann. Gibt es heute überhaupt noch Ideale, die man für Frauen verraten kann? Langhans: Wir haben eben bei Horst Mahler gesehen, ja. Ich sehe noch nicht, daß diese innere Arbeit eine Selbstverständlichkeit in der Politik ist. Ich denke, daß viele heute es als Verrat sehen, wenn sie sich mehr auf ihre innere Verfaßtheit beziehen würden. Im übrigen: Wenn man Bewegungen „verraten“ kann, dann ist das schon ein Merkmal, daß da etwas zu fest läuft. Auf welche Projekte von Rainer Langhans dürfen wir uns in Zukunft freuen? Langhans: Ich werde Erfahrungen, die ich jetzt über das Medium Fernsehen gemacht habe, sicherlich fortsetzen. Im weiteren sind wir auch mit Projekten beschäftigt, die die „Kommune“ noch mal im Sinne einer deutschen Legende medial aufbereiten werden. Ansonsten bin ich neugierig darauf, ob sich dieser Ansatz in Richtungen entwickelt, die ich auch noch nicht voraussehen kann. Informationen: „Kommune – Das Experiment“ wird täglich bis zum 29. März 21 Uhr auf TV.Berlin und tv.münchen gesendet. Es zeigt Rainer Langhans mit seinen fünf „Haremsdamen“, die sich allerhand Problemen in Vergangenheit und Zukunft widmen und sie – ganz psychologisch – mit Gesprächen zu lösen suchen. Langhans, 63 und altbekannter Mitbewohner der legendären „Kommune 1“, wohnt bereits seit rund 30 Jahren mit den Damen in einer Art Harem zusammen. Mit Brigitte Streubel (52, Ex-Fotomodel), die „Getty“-Zwillinge Jutta und Gisela (53), Christa Ritter (60, Filme-Macherin) und Anna Werner (61) wurde der Ex-APO-Aktivist nun in einer Schwabinger Vier-Zimmer-Wohnung von 70 Quadratmetern eine Woche lang von neun Kameras rund um die Uhr in allen Lebenslagen beobachtet. weitere Interview-Partner der JF

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