Auf dem Rücken der Pferde

Die da oben werden täglich reicher, die da unten von Jahr zu Jahr ärmer. Den anstrengungslos reicher Werdenden stehen freiwildartig form- und einflußlose Millionenheere gegenüber: Rentnerheer, Arbeitslosenheer, An- bzw. Hingestelltenheer, Ungelerntenheer, Modernisierungsverliererheer, Schuldenmacherheer (Beispiel: sieben von zehn Kraftfahrzeugen sind auf Pump finanziert!). Inmitten solcher Verhältnisse werden viele lustige Freizeitverbringungschancen plaziert. Seit den achtziger, neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zeichnet sich ab, wohin der Zerstreuungstrend geht, der der Langeweile zu wehren hat. Sie ist die Kehrseite des ausufernden Freizeitbudgets der Beschäftigten, mehr noch der enorm großen, leeren Daseinszeiträume des Beschäftigungslosen-, des Lungerer- und Rentnerheers, die danach schreien, gestaltet, mit „Ablenkung“ gefüllt zu werden. Die sich schnell verbreitende „Mitte der Gesellschaft“ bekommt das angestammte Proletenmenü: ALDI-Brot, Video-Spiele und TV-Fußball megasatt. Den paar zehntausend Reichen, gleichsam den Fettaugen obenauf, bleiben zwei Passionen vorbehalten, zu denen schon der enorme finanzielle Aufwand der Plebs den Zugang verwehrt: Golfen und der Reitsport. Daß Frau Oberstudienrätin das Töchterlein zum Reitenlernen schickt, ist nicht das Thema. Vielmehr geht es um eine eigenen Welt, die sich um Pferde und nichts als Pferde dreht. Um „Menschen“, die in „der Demokratie“ so reich sind, daß sie Ställe, Rösser, Areale, Tierpfleger und Gärtner buchstäblich besitzen. So verrückt, daß sich ihr Denken und Trachten – neben diversen sattsam bekannten Reichtumserhaltungsmaßnahmen – auf nichts so intensiv richtet, wie auf ihre reiterliche Passion. Wo ein Bedarf ist, wächst ein Markt. Werner Sombart zeigte, wie erheblich der Anteil luxuriöser Bedürfnisse an der Genese des modernen Kapitalsystems gewesen ist; daran hat sich, seit 1555, nur die steigende Verbreitung jener Teilhaber geändert, die am großen Fischzug teilhaben dürfen. Da trifft sich, was Namen hat und meist den Benz als Zweitwagen, zumeist auf Reit-, Spring- und Dressurturnieren, bei Pferdeauktionen und auf den VIP-Tribünen der Galopprennbahnen. Es sind stets vertraute Gesichter bei der Prämierung der besten Dreijährigen, in den Pferdekliniken und auf den Reiterbällen. Sie lassen ihre edlen Vierbeiner von Turnier zu Turnier transportieren, reiten selbst oder lassen reiten. Sie sprechen eine sonderbare Fachsprache, die derjenigen der Jäger, die sie nicht selten auch sind, nahekommt. Auch an ihrer Kleidung sind Pferdeenthusiasten erkennbar, denn das richtige Equipment muß sein. Dies dem hochmögenden Kunden, der betuchten Kundin zur Verfügung zu stellen, ist eine ganze Zuliefererindustrie angetreten: Reitjacken („Black-Forest-Line“), Thermo-Reitüberzugshosen, Daunenblazer, Reithandschuhe („mit feiner Isoliermembrane“), Wachsreitmäntel im „australischen Stil“ und Reitponchos mit garantiert dichtem Gummisteg. Die Dame des Stalles tritt in modischer Jeansreitweste ebenso chic in Erscheinung, wie es der Herr der Hengste im sportiv geschnittenen Wende-Sweater „Greenfield“ vermag. Töchterchen Undines Babyspeck umschmeichelt das Reit-Unterhemd „JazzPant“ (mit langem Arm), die Brust schützt der Sportbüstenhalter „Shock Absorber“ zu nicht minder stattlichen achzig Euro neunzig. Reithosen trägt die ganze Familie, auch Opa und Oma möchten sie noch nicht missen. Der atmungsaktive Dreiviertel-Gesäßeinsatz aus Saffianleder entfaltet auch im Sommer seine absorbierende Wirkung, die „Teflon-Beschichtung der Innentaschen“ ist wasserabweisend und hautfreundlich. Ohne schneeweiße Reitbluse ist ein Ausritt im Frühsommer undenkbar. Den Stehkragen aus Mischgewebe schmückt dezente Stickerei, dazu, dem Anlaß entsprechend, die elegante, die rustikale, die sportive Turnierjacke. Der Herr trägt Melone, die Dame den Dressur-Zylinder aus nachtblauem Haarfilz, am Hals das seidene Plastron mit echtgoldener Plastronnadel als Hufeisenmotiv. Die Dressuramazone brilliert im Sattel, überdies aber auch im Windsor-Frack mit angesetzter Weste und elegant applizierter Brusttasche, das Einstecktüchlein hat Pfiff. Geht’s im Herbst zur Fuchsjagd oder in die Military-Prüfung, sind Sicherheitsweste „Rambo“ und „Swing Pro“, der „Sicherheitsreithelm der neuen Generation“, unentbehrlich. Aber auch „Jofa“, der Standardhelm aus Schweden, erfüllt die gültige Europanorm EN 1384, und dies ohne lästige Kinnschale! Knuffige Hüte und Reitkappen bietet der Markt in riesiger Fülle an, Regenmützen, faltbare Lederhüte und Caps mit und ohne Schirm, in allen Farben der Welt, dazu Schals, Ohrenschützer und Norwegerstirnbänder. Trendig sind die Shirts für den Nachwuchs, flauschig und „geil“ für pferdebegeisterte Kids. Steckt die zehnjährige Tochter schließlich perfekt im Reitdress „Little Blacky“, vergehen ihre steinreichen Eltern schier vor Wonne ob des entzückenden Aussehens: ein wahres Amazönchen! Bloß muß es noch lernen, seine Thermostiefel „Göteborg“ endlich in die Schuhabtropfschale zu stellen, drunten im Vestibül des Anwesens, wo der „verbrauchsgünstig arbeitende“ elektrische Schuhtrockner jegliches Schuhwerk zu trocknen versteht. Beim Distanz- und Wanderreiten geht es nicht ohne Futterbeutel, faltbaren Wassereimer „Long Distance“ und Kopflampe; Schlafsack, Multifunktionswerkzeugtasche und Erste-Hilfe-Set sind stets am Mann. Feldflasche, Sattelpacktaschen und Kochgeschirr geben dem Ganzen einen Hauch von Winnetou & Old Shatterhand – das Roß am Mann, das Kind im Mann. Westernhüte und Cowboystiefel, Bolo-Tie und Gürtelschnallen, Filzpad, Lasso, Texassattel und Indianerzügel machen aus einem blassen niederdeutschen Aktienbesitzer im Handumdrehen einen ganzen US-Kerl. Hupfglocke und Streichkappe, Schweifschoner und Transporthilfen, Halfter, Karabiner- und Panikhaken, Halsriemen, Kandaren, Zungenlöffel und Gebißscheiben mit Apfelgeschmack, Trensen, Zäume „in deutscher Lederqualität“, Hufraspel, „Bollensammler“ für dungintensive Pferdeäpfel, frostsichere Tränkebecken, Futtertröge, Transportanhänger, Pferdespielsoftware für den PC, Armbanduhren mit Pferdedesign, Pferdebücher, Videos und einschlägige Zeitschriften, Pflege-, Heil- und Futtermittel ohne Ende – ein enorm kostenträchtiger Rattenschwanz ist notwendig, um sich jenes „Glück dieser Erde“ zu verschaffen, das – laut Volksmund – „auf dem Rücken der Pferde“ liegt.

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