Nachruf auf Achim Mentzel

Eine Trotz- und Trutzfigur

„Hier jiebt et nischt zu kieken, verpiß dir…“, schnarrte es preußisch über den Rasen des FKK-Freibades im Karl-Marx-Städter Stadtteil Rabenstein. Der Ruf, Mitte der 70er Jahre, galt mir – dem Autor. Damals noch im pubertären Alter. Ich hatte mich an eine lustige, lautstarke, biertrinkende und nackte Musiker-Truppe herangepirscht, halbwüchsige Klassenkameraden im Schlepptau.

Der, der brüllte, war Achim Mentzel. Unsere Aufmerksamkeit galt allerdings nicht ihm, sondern der bekannteren und in dem Fall nackten Nina Hagen. Sängerin von „Fritzens Dampferband“, die den Hit „Du hast den Farbfilm vergessen“ landete und ihn auf beiden DDR-Fernsehsendern unter riesigem Glockenhut intonierend über die Bühne stapfte. Mentzel wurde permanent dazu eingeblendet. „Fritzens Dampferband“ – das Gesicht der Kapelle hieß Mentzel: Schnurrbart, permanent gefletschte Grinse-Zähne. So blieb er schon damals optisch im Gedächtnis.

Achim Mentzel ist tot. Er starb ein halbes Jahr vor seinem 70. Geburtstag überraschend in einem Cottbuser Krankenhaus.

Ein bewegtes Leben

Mentzel war ein Typ. Als Hagen 1976 in den Westen „rübermachte“, die DDR 1989 im Orkus deutscher Geschichte herabgurgelte, tauchte sein Dauergrinsen wieder im Fernsehen auf. Mentzel hatte den Ausflug in den Westen zu dieser Zeit bereits hinter sich. 1973 blieb er bei einem Gastspiel mit dem in der DDR bekannten „Alfons-Wonneberger-Sextett“ in Westberlin, zog hernach zu seinem Onkel ins Saarland. Heimweh überkam ihn, nach nur wenigen Monaten kehrte er in den Osten zurück, wurde wegen Republikflucht zu zehn Monaten Knast verurteilt, die er aber nicht absitzen mußte. Zwei Jahre Bewährungsstrafe. Dennoch durfte Mentzel an der Seite Nina Hagens neu durchstarten.

Die Revolution 1989 überstand er im Gegensatz zu vielen anderen Ost-Künstlern, die mit einem Mal arbeitslos wurden, unbeschadet. „Achims Hitparade“ startete im DFF. Eine Schunkel-Schau mit Musik, die den gleichen Ruf wie die BILD-Zeitung hat. Keiner hat die Musik gehört, aber alle kennen die Titel. „Mentzel – der einzige Entertainer mit Spreewaldgurken-Hintergrund“, wurde gefrotzelt. Ostalgie, Interviews vor der Anbauwand, Spott der „Qualitätsmedien“ für Hits wie „Gott sei Dank, Dank Dank ist sie schlank, schlank, schlank – wieeee eine Tanne….“

Eigentlich war er ein Rocker

Mentzel war medial der personifizierte Osten. Die Regine Hildebrandt des Schlager-Geschäftes. Er sah wohl auch so ostdeutsch aus, wie sich der einfache Wessi den einfachen Ossi vorstellte. Eine Trotz- und Trutzfigur für diejenigen zwischen Rügen und Zittauer Gebirge, die von den „Übernehmern“ des Systems verspottet, belächelt, auf jeden Fall nicht ernst genommen wurden.

Oliver Kalkofe war anfangs auch so einer. In seiner Sendung „Kalkofes Mattscheibe“ verstrich gefühlt kaum eine Sendung ohne Mentzel. Gift und Galle spuckend gab er ihn der Lächerlichkeit preis. Mal mit Locken-Perücke, mal mit hämischen Einblendungs-Schnipseln aus dessen „Hitparade“. Ein vermeintlich leichtes Opfer. Und was tat der? Statt Anwälte zu bemühen, Unterlassungserklärungen zu verlangen oder zu klagen, lud er das West-Lästermaul in seine Sendung ein und verbrüderte sich öffentlich mit ihm. Alte, aber bewährte militärische Taktik. Wen man nicht besiegen kann, mit dem muß man sich anfreunden.

Eigentlich war Mentzel aber ein Rocker. Mit Lederjacke spielte der gelernte Polsterer Beatles- und Stones-Titel nach. Das tat er bereits mit 15 Jahren in Berliner Kneipen mit dem „Diana-Schau-Quartett“. Auch später immer mal wieder. Mentzel war ein hervorragender Gitarrist und auch Sänger. Anders als Roy Black, zerbrach er nicht daran, dass ihn kaum jemand als „ernsten“ Musiker wahrnahm.

Die Provinz war ihm eine Herzensangelegenheit

Mentzel konnte sich selbst auf die Schippe nehmen, liebte es, wenn sein Publikum schunkelte, wenn er die „schlanke Tanne“ mit Inbrunst sang . Wer ihn näher kannte, wusste, dass der Achim ein nachdenklicher, sensibler und auch verletzbarer Mensch war. Gezeigt hat er das selten. Vier Ehen, acht Kinder und die Schunkel-Mugge waren Markenzeichen.

Nur wenige Brandenburger Auto- und Möbelhäuser, die er nicht bei Eröffnungen oder anderen Anlässen bespaßte. Er tat es gern und litt nicht darunter, wie beispielsweise Rex Gildo, der daran zerbrach, als große TV-Galas ausblieben. Die Brandenburger Provinz war Mentzel Herzensangelegenheit . Welcher deutschlandweit bekannte Entertainer würde beispielweise auf dem Oberhavel-Bauernmarkt in Schmachtenhagen auftreten?

Oliver Kalkofe schrieb zuletzt über seinen Freund: „Bin völlig fertig, weine und habe keine Worte. Mein Freund Achim ist im Gurkenhimmel. Danke für alles.“ Achim machs gut. Du warst ein Guter!

> Achim Mentzel im Fragebogen der JUNGEN FREIHEIT

Achim Mentzel: Einfach ein Typ Foto: dpa

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