Die Sendung hart aber fair am 1. Juli 2019 Foto: picture alliance/Horst Galuschka/dpa/Horst Galuschka dpa
hart aber fair

Plasberg unter „Friendly Fire“

„Aus Worten werden Schüsse: Wie gefährlich ist rechter Haß“, lautete der Titel der gestrigen Ausgabe von „hart aber fair“. Leider verlief die Diskussion ziemlich genau so, wie man es im Vorfeld erwarten hat. Dies ist vor allem deshalb so tragisch, weil eine tiefergehende Debatte über die Gefahrenlage spätestens nach dem mutmaßlich rechtsextremistisch motivierten Mord an Walter Lübcke tatsächlich bitter notwendig ist.

Von Tiefgang war in der Sendung allerdings nicht das Geringste zu spüren. Die Recherchen der Redaktion beschränkten sich im wesentlichen darauf, einer breiten Öffentlichkeit längst bekannte Zitate herauszukramen. Die Fragen des Moderators waren nahezu durchgehend suggestiv und eher rhetorischer Natur. Auf jeden Fall nicht sonderlich erhellend. „In welcher Gesellschaft wollen wir eigentlich leben? In einer Gesellschaft, in die weiter der Haß auf Andersdenkende einsickert?“, fragte Plasberg gleich zu Beginn ganz „grundsätzlich“.

Kitschig und erwartbar

Die Frage, ob jeder der sich, wie Walter Lübcke, für Flüchtlingsunterkünfte einsetze, in Lebensgefahr schwebe, stellte der ARD-Moderator gleich dreimal in Folge. Zwei, sicherlich nur zufällig kurz hintereinander abgespielte, Einspieler um das Friedrich-Merz-Zitat von den Soldaten und Polizisten, die an die AfD „verloren“ gehen und über neonazistische Äußerungen von Polizisten in Drohfaxen und WhatsApp-Gruppen, flankierte der Talkmaster mit der küchenpsychologischen Frage, welche Menschen sich denn wohl von Uniformen angezogen fühlten.

Leider stimmten auch die Gäste allesamt in diesen kitschigen und erwartbaren, dem ernsten Thema aber unwürdigen, Tenor der Sendung ein. Von der Grünen Innenexpertin Irene Mihalic, über NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) bis hin zum „ARD-Terrorismusexperten“ Georg Mascolo waren sich freilich alle irgendwie einig, daß die AfD, wenn schon keine Mitschuld, dann doch zumindest eine gehörige Mitverantwortung für rechtsextreme Gewalt trägt.

Als Grund für diese „Mitverantwortung“ nannte die Runde immer wieder die „gewaltschürende Sprache“ und machte dabei kaum einen Unterschied zwischen den einzelnen Äußerungen von AfD-Politikern aller Flügel und den Kommentaren von mitunter extremistischen Anhänger in den sozialen Netzwerken. Damit begaben sich die Protagonisten in etwa auf das Niveau der Frankfurter Rundschau, die nach dem Massaker von Oslo einst titelte: „Breivik und Broder“ – und damit den jüdischen Publizisten Henryk M. Broder in gewisser Weise mit in die Verantwortung für die Tat eines rechtsextremen Massenmörder nahm.

Junge macht sich angreifbar

Uwe Junge von der AfD versuchte sich gegen die von allen Seiten auf ihn einprasselnden Vorwürfe zu wehren, indem er darauf verwies, daß Extremismus in Worten und Taten nicht nur ein Problem seiner Partei, sondern in allen politischen Lagern zu finden sei. Damit hat er natürlich absolut Recht. In der ständigen reflexartigen Wiederholung, in der er das Argument in der Sendung vorbrachte, wirkte es aber tatsächlich und natürlich sehr zur Freude seiner Ankläger ein wenig relativierend.

Wie man so richtig relativiert, zeigte ihm dann allerdings die Redaktion von „hart aber fair“. Mit einem Einspielfilm, der dem Zuschauer erläutert, daß sich rechtsextreme und linksextreme Straftaten auf dem Papier zwar ungefähr die Wage hielten, daß Rechte aber viel gewalttätiger seien, während es sich bei Straftaten von ganz links, meist „nur“ um so vermeintlich harmlose Dinge, wie Sachbeschädigungen oder Brandstiftungen handeln würde.

Nun könnte man über die Erstellung von Statistiken tatsächlich lange sprechen. Allerdings nicht unbedingt zum Vorteil derer, die in solchen Statistiken alles dem rechten Spektrum zuordnen, von dem man ihnen nicht eindeutig das Gegenteil beweisen kann. Da darüber natürlich keiner der „Terrorismus-Experten“ reden möchte, wurde das Thema auch nicht weiter vertieft. Auch nicht von Opfer-Anwalt, Mehmet Daimagüler, der keine Gelegenheit für einen moralisierenden Tiefschlag gegen Junge und seine Partei ausließ.

Der Mob im Netz tobt

Es blieb eine erschreckend unangemessene und oberflächliche Plauderrunde. Neue Erkenntnisse erlange der Zuschauer an diesem Abend nicht. Weder über extremistische Gefahren, noch über die allgemeine politische Stimmung im Land. Deutlich aufschlußreicher war da schon, was bereits vor und um die Sendung herum geschah.

Im Netz hatte nämlich allein die Ankündigung, Junge als Talk-Gast einzuladen, für einen ziemlichen Shitstorm gesorgt. Der wütete offenbar noch während der Live-Übertragung so heftig, daß es der ARD-Redaktion schwer fiel, zitierfähige Kritiken an der Einladung des, „mit seiner Sprache die Gewalt schürenden rechten Hetzers“ rauszusuchen.

Die Social-Media-Abteilung des Ersten reagierte auf das digitale „Friendly Fire“ aus den eigenen anti-rechten Reihen mit einem Tweet, der den wütenden Gutmenschen-Mob besänftigen sollte. Dies gelang allerdings nicht. Die Anti-Hate-Speech-Fraktion feuerte weiter jede nur erdenkliche Beleidigung bis hin zu Todeswünschen in Richtung AfD und ARD.

Ein Fall für den Fakten-Check

Dafür entlarvte die Antwort, die der öffentlich-rechtliche Twitter-Account unter anderem dem Cartoonisten Ralph Ruthe gab aber das hausinterne Verständnis des Objektivitäts-Auftrags: „Die Redaktionen der Talksendungen bemühen sich insbesondere, AfD-Vertreterinnen kein Forum für ihre Zwecke zu bieten. Je nach Thema ist es aber von Fall zu Fall nötig, AfD-PolitikerInnen selbst zu Wort kommen zu lassen.“

Später ruderte der Sender zurück: „Dieser Tweet war leider nicht mit der Redaktion von ‘hart aber fair’ abgestimmt“, teilte die Leiterin der ARD-Zuschauerredaktion, Sabine Knott, später mit und entschuldigte sich für die übertriebene Ehrlichkeit, beziehungsweise betonte, daß bei der ARD für alle Parteien „dieselben Standards gelten“ würden. „Im Übrigen entscheidet jede Redaktion für sich, wen sie zu welchem Thema einlädt“, hieß es weiter. Das wäre ja eigentlich mal ein Fall für den Fakten-Check.

Die Sendung hart aber fair am 1. Juli 2019 Foto: picture alliance/Horst Galuschka/dpa/Horst Galuschka dpa

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