TV-Kritik zu „Maischberger“

Gaulands Erfolgsrezept ist der Empörungseifer der anderen

Ein Erfolgsrezept, das die Anführer rechter beziehungsweise „populistischer“ Strömungen seit ihrem Aufstieg in den vergangenen Jahren beherzigen, lautet so: Kurs halten um jeden Preis. Der Meister dieser Persönlichkeitsstrategie lautet Donald Trump. Nie zurückzurudern, nie entschuldigen und selbst bei der größten Provokation souverän bleiben, als äußerte man selbst gerade die simpelste Normalität der Welt.

Wie weit Trump gegangen ist, nur um das eigene souveräne Bild zu erhalten, zeigt die Affäre um das Wort „Covfefe“ als der Präsident nach einem Tippfehler behauptete, dieses Wort gäbe es tatsächlich. Nicht Trump, sondern der aufgescheuchte Medienhaufen machte sich lächerlich.

Ähnliches geschah gestern in der ARD-Sendung „Maischberger“. Der ruhende Pol im Lärm um Nichts hieß Alexander Gauland, AfD-Parteivorsitzender und bei der Frage des Abends „Bedroht die AfD die Demokratie?“ auf dem Sessel des Angeklagten. Gaulands Strategie beruhte darauf, dieselbe Aufregung im Saal zu erzeugen wie der US-Präsident oder der italienische Vizepremier Matteo Salvini.

Journalisten und Politiker gehen Gauland auf den Leim

Daß Journalisten wie Politiker anderer Parteien diesem Erfolgsrezept auch am gestrigen Mittwoch abend auf den Leim gingen, indem sie die Sachebene verließen und aufgrund ihres Empörungseifers in emotionales oder hitziges Gefecht überwechselten, während Gauland demonstrativ gelassen blieb, vertagte die lang ersehnte Entzauberung der AfD neuerlich auf den Sankt Nimmerleinstag.

Das begann bereits bei den Eingangsworten Gaulands, der den Spieß umdrehte: vom Angeklagten zum Kläger. Als „Demokratietheoretisch unsäglich“ beurteilte Gauland die Einstufung der AfD als Prüffall auf Bundesebene, sprach von einer Stigmatisierung seiner Partei, weil der Bürger die Mechanismen des Verfassungsschutzes (BfV) nicht kenne und allein die Beobachtung verfange. Daß Gauland keinen Einblick in das entsprechende Gutachten des Inlandsgeheimdienstes über seine Partei besaß, dasselbe hingegen in verschiedenen Medienhäusern zirkulierte, bewertete er als „grundgesetzwidrig“. Schließlich handele es sich um einen Eingriff in die Parteihoheit. „Ich will als Beschuldigter wissen, was mir vorgeworfen wird“, beteuerte Gauland, schließlich werde er ja auch in dem Bericht erwähnt.

Medien haben das Verfassungsschutz-Gutachten, die AfD nicht

Es war vielleicht der einzige Moment des Abends, in dem Spiegel-Redakteurin Melanie Amann Gauland zustimmte, fast so etwas wie mütterliches Verständnis zeigte. Der Spiegel hat – im Gegensatz zu Gauland – Zugriff auf das 436-Seiten starke Gutachten. Für die Besorgung von Behördenunterlagen sei Gauland jedoch selbst zuständig, sollte es später heißen. Die spannende Frage, warum das Gutachten eines Exekutivorgans besser in den Händen der Presse verwahrt wird, als – beispielsweise – an die Bundestagsabgeordneten oder wenigstens die Mitglieder des Innenausschusses ausgeliefert wurde, gehört zu jenen journalistischen Recherchearbeiten, die vielleicht ebenso notwendig gewesen wäre wie die Beschaffung des Gutachtens.

Schwamm drüber. Denn die Informationen darin seien öffentlich zugänglich gewesen, in den sozialen Netzwerken, bei öffentlichen Auftritten und in der Presse. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) warf Gauland vor, selbst daran schuld zu sein, schließlich habe seine Partei diese Äußerungen getätigt. Gaulands Verteidigungsrede wertete Reul als Ablenkungsmanöver. Es war nur eine von zwei Szenen, in denen der blasse Reul größere Aufmerksamkeit beanspruchte. Die andere drehte sich um den großen Abwesenden, der immer im Raum stand, aber nie in Person vorstellig wird: Björn Höcke. Der soll aber erst später seinen großen Auftritt haben.

Es folgt Wolfgang Herles, ehemaliger Redaktionsleiter beim ZDF, der einige der wenigen tiefer schürfenden Beiträge abgibt: die Wurzeln der Verwerfungen in Deutschland seien in der Großen Koalition und Angela Merkels langjähriger Regierung zu suchen. Die AfD, nur ein Symptom der Zustände! Herles insinuiert damit, daß die AfD nur eine Antwort auf die Probleme im Land ist, sich die Ursachen für ihre Entstehung also nicht mit ihrer Marginalisierung erledigen. Und später: „Die AfD verharmlost Nazis. Keine Frage. Aber Sie verharmlosen auch Nazis, wenn Sie die AfD zu Nazis machen. Eine Demokratie muß das aushalten können.“ So weit will aber keiner der anderen Anti-Gauländer denken; vielleicht kann es auch keiner.

Die Linkspartei, der Verfassungsschutz und das Privateigentum

Auch Katja Kipping, Parteivorsitzende der Linken, sitzt in der Runde – vornehmlich, weil Teile ihrer Partei wie die „Kommunistische Plattform“ ebenfalls vom BfV beobachtet wurden und von Landesverfassungsschutzämtern immer noch werden. Daher: die AfD stigmatisiere sich selbst (man weiß wohl, wovon man spricht), stattdessen plädierte Kipping dafür, die AfD politisch zu stellen (alles andere könnte wohl auf ihre Partei zurückfallen).

Einen spannenden Part bekommt Kipping erst in den letzten Minuten der Sendung, als die extremistischen Tendenzen auch in der Linkspartei angesprochen werden. Im Gegensatz zur AfD habe die Linkspartei sich immer für die Grund- und Menschenrechte eingesetzt, anders als die ausgrenzende AfD. Daß das vom Grundgesetz garantierte Privateigentum nicht darunterfällt, gibt Kipping allerdings deutlich zu verstehen. Währenddessen laufen auf anderen Fernsehkanälen die Nachrichten von den Umsturzversuchen im quasi-sozialistischen Venezuela, wo das Volk vor Hunger darbt, und dessen Diktatur Kippings Partei freundschaftlich verbunden ist.

Der letzte im Bunde ist Jörn Kruse, Wirtschaftsprofessor und Ex-AfDler. Ausgestiegen wie so viele wegen des Schulterschlusses mit dem rechten Rand, in seinem Fall: in Chemnitz. Gauland und Konsorten hätten sich von diesen Elementen rechtzeitig distanzieren müssen. Die Rolle des Chefanklägers übernimmt aber nicht Kruse, der als ehemaliges Fleisch vom Fleische seiner Parteikollegen wirklich gefährlich werden könnte, sondern neuerlich die Spiegel-Journalistin.

Spiegel-Journalistin muß zurückrudern

Amann kritisierte die Ausgrenzung von Moslems und anderen Minderheiten. Sie sprach von einem „Gesamtbild der Tabubrüche“, das eine Beobachtung rechtfertigte und nannte Gauland einen „Rassisten“. Immer wieder ritt sie auf dem Fall Aydan Özoguz herum, die Gauland in Anatolien „entsorgen“ will. Gauland erwiderte, sie käme nun einmal aus der Türkei und hätte zwei Staatsbürgerschaften. Amann, die sich in ihrem Rammbock verbarrikadiert hatte, bestritt das: Özoguz sei in Deutschland geboren und hätte nur die deutsche Staatsbürgerschaft. Später muss sie auf Twitter zurückrudern.

Das Höcke’sche Damoklesschwert hing da bereits die gesamte Sendung über den Gästen. Abwesende Dämonen, die jederzeit herangezogen werden, um Furcht zu evozieren, sind wohl in deutschen Märchen wie in deutscher Geschichte veranlagt. Daß Journalisten und Politiker den Nimbus des größten Thüringischen AfD-Landeschefs aller Zeiten gerade dadurch erst erstrahlen lassen, darauf kam auch in dieser Runde niemand.

Nachdem der Name der AfD-Sammlungsbewegung „Flügel“ und seiner Exponenten schon länger kursierten, fragte Maischberger dezidiert, ob Höcke eine Revolution plane. Gaulands Antwort hätte aus rhetorisch-taktischer Perspektive nicht besser lauten können: „Höcke will eine geistig-moralische Wende“. Neuerlich zündete der Trump-Effekt: Reuel platzt der Kragen: „Das ist eine Unverschämtheit, das gleichzusetzen. Helmut Kohl gleichzusetzen mit diesem Typen. Wo sind Sie denn?“ Kruse bewertet Höcke als „rechten Spinner“, Herles tituliert ihn als „Goebbels-Imitator“, Kipping nennt ihn einen „Nazi“. Gauland lehnt sich zurück. Mission accomplished.

„Bedroht die AfD die Demokratie?“: Journalisten und Politiker gehen Gauland auf den Leim Foto: WDR „Maischberger“

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