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Buchrezension: Precht warnt vor dem Angststillstand

Buchrezension: Precht warnt vor dem Angststillstand

Buchrezension: Precht warnt vor dem Angststillstand

Der Buchautor Richard David Precht streckt seinen Arm nach außen, um eine Geste zu machen
Der Buchautor Richard David Precht streckt seinen Arm nach außen, um eine Geste zu machen
Der Buchautor Richard David Precht. Foto: picture alliance / Panama Pictures | Dwi Anoraganingrum
Buchrezension
 

Precht warnt vor dem Angststillstand

Richard David Precht analysiert in seinem neuen Werk den schwindenden Raum für abweichende Meinungen in der Gesellschaft und die Entstehung eines Kulturkampfes. Viele seiner Thesen hat man zwar schon einmal gehört – doch geschickt miteinander verwoben werden sie zweifellos.
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Daß bei der Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik etwas im argen liegt, ist sicher keine neue These, eher ist es eine, die seit mindestens zehn Jahren in etablierten Medien debattiert wird. Geändert hat sich aber durchaus, wer sie vertritt. War es 2015, auch 2016, ein Vorwurf, der eher aus rechtskonservativen Kreisen erhoben wurde, etwa aus dem Umfeld der AfD oder auch in Artikeln der JUNGEN FREIHEIT, hat es das Thema mittlerweile in die gesellschaftliche Mitte geschafft, zu der ein Autor wie der 1964 geborene Richard David Precht sicherlich gehört.

Die Bedrohung verortet er dabei nicht auf der staatlichen Ebene ‒ laut Buch könne man rein juristisch-formal in Deutschland noch immer alles sagen, eine Behauptung die angesichts von Ereignissen wie dem Schwachkopf-Gate (JF berichtete) etwas seltsam wirkt ‒, sondern innerhalb einer gesellschaftlichen Dynamik. Die durch das Allensbach Institut ermessene gefühlte Meinungsfreiheit sinke, weil die sozialen Kosten für abweichende Meinungsäußerungen immer weiter steigen und etablierte Medien zudem vergleichsweise fest in der Hand eines linksliberal-progressiven Milieus seien, die seine eigenen Normen dort absichere und davon abweichende Positionen selten vorkommen lasse. Besonders auffällig sei diese Torwächter-Funktion dadurch, daß sie mit den sozialen Medien kollidiere, in der jede noch so kleine Nischengruppe ihre Ansichten lautstark vertreten und sich damit Gehör versprechen könne.

Nun steht die Ich-Vermarktung im Vordergrund

Eine ausführliche Watsche erteilt Precht dabei der linken Auffassung, es handele sich bei der Klage um mangelnde Meinungsfreiheit in Wahrheit um das Gequengel rückwärtsgewandter Pöbler, welche lediglich nicht mit berechtiger Kritik an ihren abstrusen Äußerungen klarkämen. Gerade jene Konflikte, argumentiert der Autor, die das Meinungsklima in der Wahrnehmung besonders stark verengt hätten ‒ Corona, der Ukraine-Krieg sowie der wiederentflammte Nahost-Konflikt ‒, seien schließlich gar nicht in das unterstelle Links-Rechts- oder Progressiv-Konservativ-Schema einzuordnen. „Das ‘Wimmelbild’ der heutigen Gesellschaft mag nicht völlig strukturlos sein ‒ wohlgeordnet entlang der gesellschaftlichen Frontlinien wird es dadurch noch lange nicht.“

Doch was sorgt dann für jene Einengung des Meinungsklimas? 2023 befürworteten immerhin 40 Prozent der vom Allensbacher Institut Befragten die Aussage, man müsse in Deutschland aufpassen, mit dem, was man sage ‒ mehr als je zuvor? Precht sieht die Ursache in einer neuartigen Form des Kapitalismus. Anstatt der fordistischen Massengesellschaft von Fließbandproduktion, Plattenbauten und Reihenhäusern habe sich eine individualistische Form der Marktwirtschaft durchgesetzt, bei der Ich-Vermarktung, vermeintliche Authentizität und Individualität im Vordergrund stünden. Ironischerweise seien es die 68er gewesen, die in ihrem Versuch, den Kapitalismus abzuschaffen, diesen raffinierter und verführerischer gemacht hätten.

Zum Ich-Kult gehöre dementsprechend auch, sich mit seinen Ansichten und Meinungen voll und ganz zu identifizieren. Widerspruch und Gegenrede dementsprechend als existenzielle Bedrohungen wahrzunehmen, liegt nahe. Eine derart durchindividualisierte Gesellschaft könne daher viel schlechter streiten und abweichende Meinungen deutlich schlechter ertragen.

Jeder versucht seine Normvorstellungen durchzudrücken

Wenn jedes Ich um Aufmerksamkeit, vielleicht sogar um öffentliche Zuneigung buhlt, kann es Konkurrenten schlechterdings nicht einfach Zugang zu diesen raren Ressourcen überlassen, sondern muß sie wegbeißen. Ein atomisiertes Meinungsklima normiert sich also rasant selbst, wird sogar, da es eben nicht mehr über festgefügte Debatten-Sitten verfügt, besonders feindselig gegenüber Abweichung. „Die Hülle des Öffentlichen, des Formalen, des Amtlichen, die den Gesellschaftsraum lange institutionell geschützt haz, zerbröselt derzeit im Zeitraffer“, diagnostiziert Precht. Daraus entstehe eine „allgemeine Verletzlichkeit“ ‒ und neue Aggressivität.

Wo äußere Normen fehlen, wittert jeder die Chance, die eigenen Normvorstellungen um so brachialer durchzusetzen, und sei es auch nur punktuell. „Denn meine moralischen Überzeugungen müssen nicht mehr für ein Leben halten, sondern nur kurzfristig für den Punktgewinn in einer erregten Debatte. Und statt langfristig auf eine Verbesserung hinzuarbeiten, präsentiere ich vor allem meine Gesinnung dem Publikum.“

Die Thesen Prechts sind nicht neu

Dieser ständige Druck von außen mündet schließlich in die Selbstzensur. Wer möchte schon gern ins Fadenkreuz der Normsetzer geraten? Klüger scheint es da, sich selbst zurückzuhalten, nicht jeden Widerspruch oder jeden Vorbehalt zu verbalisieren, ja gegebenenfalls sogar die Sprachvorgaben der Tonangebenden nachzuahmen. Die Gesellschaft begibt sich in den Angststillstand.

 

Die Thesen Prechts sind, wie zuvor bereits erwähnt, nicht bahnbrechend neu. Doch der Autor versteht es durchaus, sie gut auf den Punkt zu bringen. Gerade für Leute, die die Debatte um Meinungskorridore und Wokeness nicht detailliert verfolgt haben, bietet „Angststillstand“ einen guten Überblick über den Themenkomplex der bröckelnden Meinungsfreiheit wie auch einer schwindenden Debattenkultur.

Aus der JF-Ausgabe 3/26

Der Buchautor Richard David Precht. Foto: picture alliance / Panama Pictures | Dwi Anoraganingrum
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