Disney-Figuren Cinderella (v.l.n.r.), Susi und Strolch sowie Arielle
Disney-Figuren Cinderella (v.l.n.r.), Susi und Strolch sowie Arielle Fotos: picture-alliance / Mary Evans Picture Library / dpa-Film Buena Vista / Ipol Globe Photos / JF-Collage

Diversität, Diskriminierung und Disney
 

Politically remastered

„Erbarmung!“ Mit diesem Ausruf pflegte Fräulein Rottenmeier, die gestrenge Gouvernante von Heidi in der gleichnamigen Zeichentrickserie aus den Siebzigern, ihrer Empörung Luft zu machen. „Heidi“ stammt zwar nicht aus dem Hause Disney, sondern von der japanischen Trickfilmschmiede Zuiyo. Aber ein Fräulein Rottenmeier, das sauertöpfisch Mores lehrt und unverzichtbare Grundtugenden einfordert, scheint gleichwohl ein unsichtbares Regiment zu führen in Hollywood.

Dafür spricht die eunuchenhafte Füßeküssermentalität, die von weiten Teilen der US-Filmindustrie Besitz ergriffen hat. Es scheint kein Stöckchen mehr zu geben, das morsch genug wäre, als daß selbst das mächtigste Studio nicht trotzdem in vorauseilendem Kadavergehorsam darüber spränge, wenn es die Klonkrieger einer gut bewaffneten Flotte von Meinungsimperialisten ihm hinhalten.

Von Disney also muß – schon wieder – die Rede sein, jenem gut betuchten und lange Zeit auch gut beleumundeten Hollywood-Studio, das bereits 2019 für Schlagzeilen sorgte, als es durch die Planung eines sogenannten Pride-Marsches im Disneyland Paris eine Massenmobilisierung auslöste: 400.000 Unterschriften kamen binnen kürzester Zeit gegen die ideologische Distanzlosigkeit gegenüber der „Queer“-Front zusammen.

Der nächste Stöckchensprung

Anfang 2021 wurde bekannt, daß Klassiker wie „Dumbo“, „Peter Pan“, „Aristocats“ und „Das Dschungelbuch“ aus dem Kinderprogramm des Streamingdienstes Disney+ rausgeflogen sind. Ein der Lungenkrebs-Warnung auf Tabakwaren nachempfundener Warnhinweis, daß in der Filmpackung „eine nicht-korrekte Behandlung von Menschen oder Kulturen“ enthalten sei, tut schon länger seinen Lakaiendienst. Er warnt vor stereotypogenen Auftritten wie dem des Orang-Utans King Louie und seiner Affen-Combo im legendären „Dschungelbuch“: Was Cineasten bislang als liebevolle Hommage an Louis Armstrong fehldeuteten, ist in Wahrheit negroidophober Rassismus.

Der nächste Stöckchensprung des Studios könnte nun Schneewittchen seinen lebensrettenden Kuß kosten. Im Hollywood von heute sind Fragen möglich wie diese: Darf der Prinz die Vergiftete wachküssen? Hat er sie etwa vorher gefragt? Nein. Mithin liegt hier – für alle, die es noch nicht kapiert haben – ein Fall von sexueller Belästigung vor. So jedenfalls die kritische Bestandsaufnahme des San Francisco Chronicle anläßlich der Wiedereröffnung von Disneyland, wo Schneewittchen auf der Grundlage des Films von 1937 eine eigene Show gewidmet ist.

In der McCarthy-Ära verhielt Walt Disney sich konformistisch. Und jetzt, wo sich aus dem Nebel von Rechthaberei und Repression die Konturen einer zweiten McCarthy-Ära erheben, wiederholt sich die Geschichte. Das Imperium schlägt zurück, könnte man im Jargon von „Krieg der Sterne“ sagen, der epochalen Weltraum-Saga, deren Rechte George Lucas 2012 an Disney verkaufte.

Die Verfolgten von einst sind die Verfolger von jetzt

Das Imperium, das zurückschlägt, das sind die, die damals, beim Kommunisten-Jäger Joseph McCarthy, in der Opferrolle waren. Wie Anakin Skywalker in den ersten „Krieg der Sterne“-Episoden gehörten die Vorgänger der Meinungsimperialisten von heute noch zu den Guten. Sie kämpften damals, in den Fünfzigern, für Glaubens- und Pressefreiheit – dann bekamen sie es mit der „dunklen Seite der Macht“ zu tun.

George Lucas visualisierte damit das Bonmot von Lord Acton, dem englischen Historiker: „Macht verdirbt, absolute Macht verdirbt absolut.“ Aus Anakin wurde Darth Vader, der Fürst der Finsternis. In der Traumfabrik vollzog sich die Machtübernahme während der „New Hollywood“-Ära: Selbstbewußte Autorenfilmer und politisch rege Schauspieler wie Robert Redford oder Marlon Brando gewannen nach 1968 massiv an Einfluß. Er stieg ihnen zu Kopf.

Die Verfolgten von einst sind die Verfolger von jetzt. Verstöße gegen neomarxistische Dogmen, die in humanistische „Diversity“-, „Black Lives“- und „#MeToo“-Rhetorik gekleidet werden, führen zu Ausgrenzung und Karriereende. „Die Passion Christi“-Regisseur Mel Gibson fiel in Ungnade, nachdem er als „fundamentalistisch christlich“ identifizierbare Aussagen zu Abtreibung und Homosexualität gemacht hatte.

Gina Carano flog soeben aus ähnlichen Gründen aus dem „Krieg der Sterne“-Ableger „The Mandalorian“. Und der Verband der Auslandspresse, der die begehrten Golden Globes verleiht, ist in die Schußlinie der selbsternannten Sittenwächter geraten, weil es in seiner Jury keine Schwarzenquote gibt. Als hellhöriger erwies sich die Oscar-Akademie. Sie hatte die Guillotine rechtzeitig in der Ferne klappern hören, in vorauseilendem Gehorsam ihre Jury bereits 2016 „diverser“ gemacht und den Goldjungen damit vor der drohenden Enthauptung bewahrt. Kusch oder cancel ist die Devise von Amerikas neuen McCarthyisten.

Deutsche brauchen sich nicht darüber empören

Die Deutschen sind die letzten, die sich darüber zu empören befugt sind – haben sie doch mit der Tilgung der Vokabel „Neger“ aus Astrid Lindgrens und Michael Endes Kinderbüchern die Blaupause für den Einsatz der Axt im Märchenwalde geliefert, die den Großinquisitor erspart. Begründung: „Sprache prägt unser Denken.“ Und wo es schwarze Menschen gibt, da muß es ein Wort geben, das … ja was? Sie unterscheidbar benennt? Nein, sie ununterscheidbar benennt, denn mit dem Unterscheiden (das lateinische Wort dafür lautet „discrimen“) beginnt bereits die Diskriminierung. Und fertig ist der „Südseekönig“!

Man wagt kaum sich auszumalen, was da noch alles der Schere im Kopf zum Opfer fallen dürfte, wenn sie erst mal aus dem Kopf ausgewandert und in den Schneideraum eingezogen ist, in dem ja üblicherweise die vorzeigbare Endfassung eines filmischen Produkts entsteht.

Da schillert das Wort Digitalisierung noch einmal in ganz neuen Farben: Als digitales Remastering wurde bisher ein Verfahren bezeichnet, das angejahrte Filmkleinodien dank Computertechnik in neuem Glanz erstrahlen ließ. Nimmt man sich nun bei Disney die Eingriffe deutscher Verlage in die Sprachgestalt von Kinderbüchern zum Vorbild, was da passieren kann!

Vielleicht sollte man dafür unter Cineasten den neuen Terminus „politically digitally remastered“ einführen oder, der Einfachheit halber, warum nicht, gleich „politically remastered“? Werden nach Kinderrechten bald auch Tierrechte zum Kriterium sozialromantischer Optimierungsmaßnahmen? Was wird das für den Froschkönig in „Küß den Frosch“ (2009) bedeuten? Ist doch im Verhältnis zwischen Frosch und Mensch der Frosch eindeutig das sozial unterprivilegierte Wesen, das vor sexuellen Übergriffen geschützt werden muß: #HeToo!

Einzig als „Alice im Wunderland darf bleiben

Eine Reihe weiterer fundamentaler Fragen schließt sich an: Wie lange soll Dornröschen in „Sleeping Beauy“ (1959) künftig warten müssen, bis jemand sich traut, sie endlich wachzuküssen? Muß Rapunzels Haarschopf komplett neu verföhnt werden, weil mit ihrem langen Haar eine binäre Geschlechtsspezifikation festgeschrieben wird? Was wird aus „Cinderella“ (1950)? Eine junge Frau, fleißig, bescheiden, häuslich, die erst heiratet und danach den ersten Sex hat? Hilfe!

Und noch mal „Schneewittchen“: Darf die Identitätsgruppe der sozial marginalisierten Kleinwüchsigen stereotyp mit roten Mützen und weißen Clochard-Bärten gezeigt werden? Wann kommt, analog zu „Arielle“ (1989), die in der Neuverfilmung von der farbigen Sängerin Halle Baile verkörpert wird, das erste schwarze Schneewittchen, das der „white supremacy“ den längst erwarteten Garaus macht? Wer schreibt „König der Löwen“ (1994) geschlechtergerecht um?

Müßte nicht eigentlich eine Nala nach dem Vorbild von „Mulan“ (2020) mal zeigen, daß auch Frauen sich einer Palastintrige erwehren und eine würdige Königin der Tiere sein können, während Simba zu Hause mit Erdmännchen und Warzenschwein „Hakuna matata“ singend ein veganes Sojagericht zubereitet?

Entsprechend auf den Prüfstand kämen Rollenklischees bei „Susi und Strolch“ (1955) und „Bambi“ (1942), dessen androgyne Erscheinung als Kind doch wohl nicht allen Ernstes in eine heteronormative Hirschexistenz münden soll! Einzig bei „Alice im Wunderland“ (1951) kann die Axt im Werkzeugkasten bleiben: Hier hat sich gegen den Trend im Mittelalter der Filmhistorie bereits frühzeitig eine selbstbewußte Frau zu beachtlicher Größe emporgeschwungen und sich nicht von männlichen Eierköppen auf der Nase rumtanzen lassen.

Auch die Dinos des Disney-Universums können aufatmen: Donald und Dagobert Duck, Micky Maus und Goofy benötigen vorläufig keine Generalüberholung: Als Singles passen sie bestens ins Zeitalter der Familiendestruktion und Vereinzelung. Sind nicht Tick, Trick und Track so etwas wie Pflegekinder eines in prekären Verhältnissen lebenden, vom Großkapital ausgenutzten alleinerziehenden Hartz-4-Empfängers und damit ideales ideologiekonformes Identifikationspersonal?

So viel Realsatire schreit nach einer Wiederholung des Coups, der Jeffrey Katzenberg 2001 mit „Shrek“ gelang, einer sarkastischen Abrechnung mit dem Disney-Imperium, die zum Welthit wurde. Bis es soweit ist, bleibt allen Disney-Geschädigten nur der Griff zur „Heidi“-DVD und ein Einstimmen in Fräulein Rottenmeiers Aufschrei: „Erbarmung!“

Disney-Figuren Cinderella (v.l.n.r.), Susi und Strolch sowie Arielle Fotos: picture-alliance / Mary Evans Picture Library / dpa-Film Buena Vista / Ipol Globe Photos / JF-Collage
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