Der Präsident des Hanseatischen Oberlandesgerichts, Marc Tully: „Wir müssen andere Meinungen ertragen, mögen sie uns noch so abwegig erscheinen.“
Der Präsident des Hanseatischen Oberlandesgerichts, Marc Tully: „Wir müssen andere Meinungen ertragen, mögen sie uns noch so abwegig erscheinen.“ Foto: picture alliance/Marcus Brandt/dpa
Meinungsfreiheit

Hamburger Gerichtspräsident warnt vor „Cancel Culture“

HAMBURG. Der Präsident des Hanseatischen Oberlandesgerichts, Marc Tully, hat sich für einen offenen Diskurs und ein klares Bekenntnis zur Meinungsfreiheit ausgesprochen. Die sogenannte „Cancel Culture“, eine Praxis des Verdrängens von Personen oder Inhalten aus dem öffentlichen Leben zugunsten politischer Korrektheit, sei „brandgefährlich“. Das Phänomen ziele darauf ab, „die soziale Existenz“ von Andersdenkenden auszulöschen, warnte er in der Welt.

In Deutschland mache sich eine Verengung der Debattenkultur bemerkbar. Die Öffentlichkeit müsse es aber aushalten, daß Menschen unterschiedlicher Auffassung sind. Inhaltliche Kritik dürfe nicht soweit führen, daß Personen diskreditiert oder bedroht würden. „Wir müssen andere Meinungen ertragen, mögen sie uns noch so abwegig erscheinen“, bekräftigte der Jurist.

„Cancel Culture“ sei „kollektives Sofagericht“

Seiner Ansicht nach komme es aber immer seltener zum Diskurs. Viele Personen reklamierten eine absolute Wahrheit für sich und „vergifteten“ so den Dialog, mahnte Tully. Die „Cancel Culture“ gleiche einem „kollektiven Sofagericht“, das die sozialen Netzwerke nutze, um Stimmung gegen Menschen mit unliebsamer Meinung zu machen.

Wenn man die Diskussionskultur auf diese Weise verenge, gerate die öffentliche Debattenkultur „in eine Schräglage, die für ein demokratisches Gemeinwesen gefährlich wird“. Diejenigen Kritiker, die sich statt an Inhalten an der Person selbst abarbeiteten, handelten nicht mehr im Sinne des Grundgesetzes.

„Cancel Culture“ habe auch Monika Maron getroffen

In Ungnade sei beispielsweise auch die Schriftstellerin Monika Maron gefallen. Wegen einzelner Aussagen sei direkt mit ihr als Person gebrochen worden. Der S. Fischer Verlag hatte nach 40 Jahren die Zusammenarbeit mit seiner Stammautorin beendet, nachdem sie sich kritisch über gesellschaftliche Themen wie Gendersprache oder Flüchtlingspolitik geäußert hatte.

Die ehemalige Meinungsredakteurin der New York Times, Bari Weiss, hatte auch eine Verengung des Meinungskorridors in den USA beklagt. Sie hatte zuvor ihren Job bei der Zeitung gekündigt, weil ein freier Austausch dort ihrer Ansicht nach nicht geduldet werde. (zit)

Der Präsident des Hanseatischen Oberlandesgerichts, Marc Tully: „Wir müssen andere Meinungen ertragen, mögen sie uns noch so abwegig erscheinen.“ Foto: picture alliance/Marcus Brandt/dpa

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