Universität Tübingen
Banner der linken Initiative „Ernst-Bloch-Uni“ in einem Tübinger Hörsaal (Archivbild) Foto: picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa
„Ernst-Bloch-Uni“

Akademische Bilderstürmerei im Namen des Zeitgeistes

In Tübingen zeigt sich aktuell, wie bereits eine kleine Gruppe ihre Agenda öffentlichkeitswirksam vorantreiben kann. Die linke Initiative „Ernst-Bloch-Uni“ umfaßt nach eigener Angabe gegenüber dem Onlinemagazin der Süddeutschen Zeitung für junge Erwachsene rund 20 Personen. Ihr Anliegen ist die Umbenennung der dortigen Eberhard-Karls Universität. Deren Namensgeber seien ein Antisemit und ein verschwenderischer Monarch gewesen.

Die Kritik der Studenten entzündet sich an den Namenspatronen Graf Eberhard I. (1445-1496) und Herzog Karl Eugen (1728-1793). Eberhard, der die Hochschule 1477 gründete, sei „alles andere als ein Vorbild an Weltoffenheit“, heißt es auf der Homepage der Initiative, die sich zudem gegen angeblichen „Rechtsruck der Gesellschaft wendet. Ihm wird angelastet, er habe kurz nach Eröffnung der Universität die Juden aus der Stadt treiben lassen und einen Schuldenschnitt veranlaßt, von dem er auch selbst profitierte. Herzog Karl Eugen bringt die Handvoll linker Studenten auf die Barrikaden, da er zur Finanzierung seiner prunkvollen Hofhaltung Untertanen als Soldaten an ausländische Mächte verkaufte.

Im 21. Jahrhundert sind das zweifellos keine Ruhmestaten für Politiker. Doch der Blick ins 15. und 18. Jahrhundert zeigt, daß das Verhalten der beiden Herrscher keinesfalls aus dem Rahmen fiel. Antisemitismus war in jener Zeit in Europa weit verbreitet und die Behandlung der Landeskinder war damals noch weit von den Sitten der bürgerlichen Rechtsstaatlichkeit entfernt, die die Nachwuchsakademiker aus Tübingen heute genießen.

Namenswechsel der Beuth Hochschule Berlin könnte 2,5 Millionen Euro kosten

Ungeachtet dessen soll der Marxist Ernst Bloch nach dem Willen seiner Jünger neuer Namenspatron werden. Der Mann sei immerhin nicht historisch belastet. Aber ob jemand, der in den 1970er Jahren im Sozialismus und Kommunismus Instrumente sah, um Utopien in die Realität umzusetzen, die passende Wahl ist, sei dahingestellt.

Derzeit ist offen, ob die Hochschulleitung dem Ansinnen der Studenten nachkommt und ob es diesen gelingt, mehr Unterstützer zu gewinnen. Tübingen ist nur ein weiterer Schauplatz des seit Jahren andauernden Umbenennungskampfes um Straßen, Kasernen und Universitäten.

Vergangene Woche hatte die Beuth Hochschule für Technik Berlin beschlossen, sich einen neuen Namensgeber zu suchen. Der preußische Beamte Christian Peter Wilhelm Beuth (1781-1853) war wegen seiner antisemitischer Ansichten untragbar geworden. Ganz billig dürfte das Abstreifen des alten Namens nicht werden. Interne Schätzungen gehen davon aus, daß der Vorgang die Schule bis zu 2,5 Millionen Euro kosten könnte, berichtete die Morgenpost.

Wann geraten Luther und Wagner ins Visier?

Pikantes Detail am Rande: Die Bildungsanstalt trug erst seit 2009 den Namen des preußischen Staatsdieners. Offenbar störte man sich damals nicht an der Person. Oder eine Überprüfung hinsichtlich der Tauglichkeit für das frühe 21. Jahrhundert war ausgeblieben.

Die Vorgänge, wie sie sich auch 2018 im Fall der Greifswalder Ernst-Moritz-Arndt-Universität abspielten, verdeutlichen, daß es um Geschichtspolitik und Sinnstiftung geht. Völlig ahistorisch werden an die Namensgeber aus den vergangenen Jahrhunderten heutige Maßstäbe angelegt. Was nicht in das Muster des Zeitgeistes paßt, soll weichen. So wird im Fall der Bildungseinrichtungen das Andenken an wissenschaftliche Leistungsträger und Universitätsgründer aus dem öffentlichen Raum verbannt. Es bleibt abzuwarten, bis auch der Reformator Martin Luther (1483-1546) und der Komponist Richard Wagner (1813-1883) dem mutwillig herbeigeführten Vergessen zum Opfer fallen sollen.

Banner der linken Initiative „Ernst-Bloch-Uni“ in einem Tübinger Hörsaal (Archivbild) Foto: picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa

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