Die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane Foto: picture alliance/dpa
Anetta Kahane

Geltungssüchtig

Anetta Kahane macht es einem schwer, Nachsicht oder Verständnis für sie aufzubringen. Zuletzt äußerte sie sich in einer Broschüre der Amadeu-Antonio-Stiftung zum Umgang mit „Hate Speech“ (Haßrede), die – so Justizminister Heiko Maas im Geleitwort – helfen soll, „Haßredner und ihre Codes zu identifizieren“ und „Anregungen zum Widerspruch“ zu geben.

Unter dem Titel „Kulturkampf der Gegenwart“ hat sie die Einleitung verfaßt. Bemerkenswert an dem kurzen Text ist lediglich, daß darin 27mal das Wort „Haß“ beziehungsweise „hassen“ vorkommt. Ein Auszug: „Das ist eine weitere Spezialität des Menschen, die ihn von Tieren unterscheidet: Er haßt wirr um sich herum und weiß oft nicht, weshalb und wen er aus welchen Gründen damit treffen will. Dabei zieht er ganze Gruppen von Menschen in den Dreck, diffamiert, beschimpft und bedroht sie. Und weil Haß sich niemals verbraucht, nie aufhört oder von allein verschwindet, macht er immer so weiter, genau wie ein Tier, das zwar keinen Haß kennt, aber seinen Reflexen ausgeliefert ist. Menschen also, in denen ein tiefer Haß brennt, dessen eigentliche Ursache sie aber nicht verstehen wollen, sind am Ende dieser Kette eher animalisch als human.“

Jeder Versuch, soviel geballte Absurdität zu widerlegen, führt nur zu neuen Absurditäten. Man könnte höchstens jene Keule hervorholen, die Kahane oft, gern und siegesbewußt schwingt, und ihr mit Adorno antworten: „Auschwitz beginnt da, wo sich einer hinstellt und sagt: ‘Das sind doch nur Tiere’.“

Einer 16jährigen Antifa-Aktivistin, die sich so militant äußert, könnte man den emotionalen Überschuß der Jugend zugute halten. Die Exaltationen einer 62jährigen sind von anderer Qualität. Sie lassen auf ein trotziges Verharren in der Kindheits- oder Pubertätsphase schließen.

Mit ihrer Stasi-Tätigkeit wollte sie sich beweisen

Erklärungsversuche, die mit Bezeichnungen wie „links“, „antifaschistisch“, „politisch korrekt“ operieren, berühren daher nur die Oberfläche. Es genügt auch nicht, Kahane auf ihre Stasi-Spitzelei als „IM Victoria“ festzulegen nach dem Motto: Einmal Denunziantin, immer Denunziantin! Gerechterweise muß man hinzufügen, daß sie 1982 ihre IM-Tätigkeit aus eigenem Entschluß aufgegeben und dadurch ihr großes Privileg – die Reisen ins nichtsozialistische Ausland – verloren hat.

In dem autobiographischen Buch „Ich sehe was, was du nicht siehst“, das 2004 erschien, schrieb sie: „Der Abschied vollzog sich langsam, nicht immer bewußt und nicht auf einmal. Es waren Momente, die aneinandergereiht langsam eine Kette bildeten und mir den Hals zuschnürten.“ Es geht hier nicht – wie die falsche Metapher nahelegt – um einen mißglückten Selbstmordversuch, sondern sie versucht, ihr Aufbegehren gegen das streng kommunistische Elternhaus und den DDR-Staat in Worte zu fassen. Das Politische und das Familiäre fallen bei ihr in eins, und was die Öffentlichkeit als ihr politisches Wirken wahrnimmt, ist im Grunde die Projektion ihrer unaufgelösten persönlichen Dramen.

Linientreu

Kahane entstammt einem jüdischen Elternhaus. Die Eltern waren während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich im Widerstand tätig. Der Vater, Max Kahane, war in der DDR ein bekannter Journalist und Auslandskorrespondent. Für Anetta brachte seine Tätigkeit einen unschätzbaren Vorteil mit sich: Sie wuchs im Ausland, in Indien und in Brasilien auf. Als sie mit den Eltern in die DDR zurückkehrte, empfand sie das Land als farblos, eng und bedrückend.

Die Eltern brachten dafür kein Verständnis auf. Sie beschreibt sie als linientreu, pflichtbewußt und leistungsorientiert. Sie hingegen galt als unordentlich und unzuverlässig. In einem Akt jugendlicher Auflehnung bekannte sie sich zu ihrem Judentum, das die Eltern verleugneten. Es kam zu Konflikten, doch so einfach löst man sich nicht aus familiären Zusammenhängen. Nachdem eine Freundin in den Westen gegangen war, begann sie ihre Stasi-Tätigkeit, um den Eltern und dem Staat ihre Zuverlässigkeit und Nützlichkeit zu beweisen. Sie ist Opfer und zugleich Mittäterin des repressiven Staates.

Ihre Schuld delegiert sie an die Eltern und den Staat

Aus ihrem Buch, ihren Artikeln, Kolumnen und Interviews ergibt sich eine spezielle Sicht auf ihre Biographie. Kahane verbindet mit ihrem Leben in der DDR unfreundliche Erinnerungen. Ihre Stasi-Tätigkeit empfindet sie als Schuld, die sie an die Eltern und den Staat delegiert, mit dem die Eltern sich identifizierten. Deren Identifikation mit der DDR war mit Wirklichkeits- und Selbstverleugnung verbunden, die nur vor dem Hintergrund des Holocaust vollständig erklärbar ist. Als linke jüdische Antifaschisten klammerten sie sich an den Staat, von dem es hieß und von dem sie meinten, daß er den Faschismus und den Judenhaß mit der Wurzel ausgerottet hatte. Den Loyalitätsdruck, unter den sie sich setzten, gaben sie an die Tochter weiter, die sich ab einem bestimmten Punkt jedoch dagegen sperrte. 1986 stellte sie einen Ausreiseantrag.

Diese Familienkonstellation war kein Einzelfall. Der stellvertretende Kulturminister der DDR, Horst Brasch, war ebenfalls ein jüdischer Remigrant. Seine Loyalität zum Staat reichte so weit, daß er 1968 der Stasi sogar bei der Verhaftung seines Sohnes, des späteren Schriftstellers Thomas Brasch, zur Hand ging, der öffentlich gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestiert hatte. Anetta Kahane schwärzte 1976 die beiden ältesten Brasch-Söhne bei der Stasi an: „Zu den Feinden der DDR gehören in erster Linie Klaus Brasch und Thomas Brasch.“

Sie wendet ihren Selbsthaß nach außen

Das ist peinlich. Doch Anetta Kahane hat auch dafür die große Erlösungsformel gefunden: „Meine Schwierigkeit war und ist es, einen Ort im Täterland zu finden.“ Sie sieht sich als eine Außen- und – vor allem – Darüberstehende. Denn Täter, das sind Menschen auf Bewährung, die man resozialisieren muß. Der SED-Staat schrumpft bei ihr zu einem Modus, durch den die DDR-Deutschen ihrer Holocaust-Schuld entkommen und zu verdrängen versuchten. In diesem Verdrängungszusammenhang werden auch die parteifrommen Eltern zu unbewußten Geiseln. Das Trauma der NS-Judenverfolgung bildet ihr Stockholm-Syndrom.

Damit sind alle persönlichen Konflikte theoretisch aufgelöst: Anettas unfrohes Leben in der DDR, die Kämpfe mit den Eltern, deren Regimetreue und die eigene Stasi-Mitarbeit gehen auf die NS-Zeit und die Unlust der Deutschen zurück, sich mit ihrer Schuld auseinanderzusetzen. Kahanes praktische Durcharbeitung besteht nun darin, die angestaute Verbitterung im öffentlichen Raum zu entladen. Sie würde sagen: gegen den Rassismus und Neonazismus zu kämpfen!

Sie entwickelt ihre Logik eher auf der emotionalen als auf der Reflexionsebene, wie ja auch das atemlose Stakkato im „Haß“-Text heftige Emotionen verrät. Zu den stärksten Gefühlen zählt der Haß, und dessen intensivste Variante ist der nach außen gewendete Selbsthaß. Der 27malige Gebrauch des Wortes auf einer einzigen Seite ist neben der stilistischen auch eine Freudsche Fehlleistung.

Emotionen überspülen jeden Sinn und Verstand

Kahanes öffentliches Wüten und Zetern hat, wie gesagt, etwas Kindliches. Gefühlseruptionen des Kindes können maßlos sein. Zum Weltflüchtlingstag am 22. Juni 2015 schrieb sie in der Berliner Zeitung: „Deutschland hat sich einen neuen Gedenktag gegeben – für die Opfer von Flucht und Vertreibung. Wie ein alter, stinkender Fisch liegt er direkt auf dem Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen.“ Zur Rede des Bundespräsidenten merkte sie an: „Gauck beschreibt die Innensicht der Deutschen als jenes Kollektiv, das die am Ende Millionen Heimatvertriebenen erfolgreich aufgenommen hat. Nicht so recht in die Rede paßte, daß ein Weltkrieg und die Vernichtung von Hunderten Millionen in ganz Europa dem vorausgingen.“ Hunderte Millionen! Die Emotionen, einmal entfesselt, überspülen jeden Sinn und Verstand.

Ihre Aggression richtet sich vornehmlich gegen die östlichen Bundesländer. Der Tagesspiegel zitierte sie im Sommer 2015 mit den Worten, es sei „die größte Bankrotterklärung“ der deutschen Politik seit der Wiedervereinigung gewesen, „daß ein Drittel des Staatsgebiets weiß“ geblieben sei. „Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, würde ich sagen: Es ist Zeit für die zweite Wende und einen neuen Aufbau Ost, infrastrukturell, emotional, kulturell.“ Was spricht eigentlich dafür, Stralsund, Weimar oder Meißen in kleine Johannesburgs oder Duisburg-Marxlohs zu verwandeln? Von den unbeglichenen Rechnungen Kahanes mit der DDR einmal abgesehen?

Frau Kahane ist keine starke intellektuelle Begabung. Die moralisch aufgeladene Position der Anklägerin ist für sie die einzige Möglichkeit, sich Geltung zu verschaffen. Dabei ist ihr Verhalten aus ihren persönlichen Voraussetzungen durchaus leicht verstehbar, und sie hat Anspruch darauf, mit Nachsicht behandelt zu werden. Aber von kompetenter Stelle muß ihr endlich zu verstehen gegeben werden, daß der öffentliche Raum kein geeigneter Ort für Selbst- und Familientherapien ist. Den Schaden haben am Ende alle – sie eingeschlossen!

JF 25/16

Die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane Foto: picture alliance/dpa

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