Flaggen-Debatte

„Deutschland-Flaggen begünstigen Nationalismus und Vorurteile“

OSNABRÜCK. Die Sozialpsychologin Julia Becker hat Fußball-Fans aufgefordert, keine Deutschland-Fahnen zu schwenken. „Ich will niemandem das Public Viewing vermiesen. Die Fußballfans sollen natürlich feiern. Aber das geht doch auch ohne schwarz-rot-goldene Fahnen“, sagte die Osnabrückerin mit Blick auf das Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Frankreich bei der Fußball-Europameisterschaft der Nachrichtenagentur epd.

Grund dafür sei, daß die deutsche Flagge bei Personen, die besonders stolz auf ihr Land sind, Ressentiments gegen Einwanderer erhöhen könnte. Dagegen löse die Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika eher Gedanken an Gleichheit und Gleichberechtigung aus.

Effekt nach Turnieren stärker

Seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland forscht Becker über den Zusammenhang von Fahnen, Nationalstolz und Vorurteilen. „Beim Sommermärchen wurde erstmals Flagge gezeigt“, betonte die Sozialpsychologin. Damals habe eine Befragung ergeben, daß Menschen mit ausgeprägtem Nationalstolz eher Vorurteile gegen Ausländer hätten. Nach dem Turnier sei dieser Effekt ausgeprägter gewesen als davor.

Becker und ihr Team konfrontierten auch während der noch laufenden Fußball-Europameisterschaft in Frankreich Passanten auf Straßen und Cafés mit Aussagen wie: „Deutschland ist das beste Land der Welt“ oder „Politiker sollten aufhören, immer wieder die negative deutsche Geschichte auszupacken“. Bei Fahnenträgern sei die Zustimmung zu solchen Thesen höher gewesen als bei Menschen ohne Flagge.

„Deutschland-Flaggen begünstigen Nationalismus und Vorurteile gegenüber Migranten. Dieser Effekt ist nicht stark, aber statistisch signifikant“, sagte Becker. Bei Männern sei er stärker ausgeprägt als bei Frauen. Besonders wenn Deutschland verliere und die Gewinnermannschaft ihre Flagge zeige, äußerten sich Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit noch stärker.

Konfliktforscher warnt vor Pauschalisierung

Der Konfliktforscher Andreas Zick hat in der Neuen Osnabrücker Zeitung vor einer Pauschalisierung solcher Schlüsse gewarnt. Zwar gebe es einen sogenannten Flaggen-Effekt, auch darauf an, mit welcher Einstellung die Fans Deutschlandflaggen schwenkten, betonte der Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld.

„Fans, die die Stärke der Mannschaft darauf zurückführen, daß sie multikulturell ist, sind geschützt vor Nationalpatriotismus, der Vorurteile erleichtert“, betonte Zick. Umgekehrt seien „Fans, die meinen, das Spiel wird durch die deutschen Tugenden entschieden, auch fremdenfeindlicher und werten andere Länder ab“. Dieser sogenannte „Özil-Effekt“ sei bereits während der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Studien erkannt worden. (ls)

Deutschland-Fahne: Frauen jubeln der Fußball-Nationalmannschaft zu Foto: picture alliance

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