Anzeige
Anzeige
Werteunion, Landtagswahl Baden-Württemberg, Jörg Meuthen

Kunstausstellung: Debattenraum mit Schlagseite: Vieles wird ausgespart

Kunstausstellung: Debattenraum mit Schlagseite: Vieles wird ausgespart

Kunstausstellung: Debattenraum mit Schlagseite: Vieles wird ausgespart

Vorne steht eine Frau mit einem Handy, sie fotografiert eine Statue. Die Ausstellung „Freiheit“ im Deutschen Hygiene Museum will Debattenräume abdecken.
Vorne steht eine Frau mit einem Handy, sie fotografiert eine Statue. Die Ausstellung „Freiheit“ im Deutschen Hygiene Museum will Debattenräume abdecken.
Eine Besucherin fotografiert ein Exponat der Ausstellung „Freiheit“ im Deutschen Hygiene Museum. Foto: IMAGO / Sylvio Dittrich
Kunstausstellung
 

Debattenraum mit Schlagseite: Vieles wird ausgespart

Im Deutschen Hygiene-Museum wird derzeit die „unvollendete Geschichte der Freiheit“ präsentiert. Doch gerade in der Umsetzung zeigt sich, wie selektiv das Verständnis von Freiheit heutzutage sein kann und warum die Debatte darüber notwendig ist..
Anzeige

Würde es das Deutsche Hygiene-Museum mit seiner Sonderschau zum Thema „Freiheit“ ehrlich meinen, hätte es ein wenig Nabelschau betrieben. Da ist beispielsweise der Fall Susanne Dagen (Lesen Sie hier das JF-Interview mit Dagen). In einer bis heute nachzulesenden Stellungnahme teilt die Museumsleitung auf ihrer Internetseite mit, warum die Dresdner Buchhändlerin von einem Workshop der Tagung „Die neue Mitte? Rechte Ideologien und Bewegungen in Europa“ im September 2018 ausgeschlossen wurde: Dagen positioniere sich „am rechten Rand des politischen Meinungsspektrums“, sei Mitinitiatorin der „Charta 2017“ – weswegen man sie zum „Schutz einzelner Teilnehmer*innen sowie zur Sicherstellung eines angstfreien Sprechens und Diskutierens“ ausgeschlossen habe, auch wenn dadurch der „grundsätzlich offene und demokratische Diskurscharakter der Tagung punktuell eingeschränkt wurde“.

Dieser Vorfall wäre ein interessantes Beispiel für den Umgang mit der Freiheit Andersdenkender durch mit Steuermitteln finanzierte Museen gewesen, aber in der von Viktoria Krason und Philipp Bürger kuratierten aktuellen Sonderausstellung „Freiheit. Eine unvollendete Geschichte“ wird er mit keiner Silbe erwähnt, darf wohl auch nicht, denn schließlich weiß Museumsdirektorin Iris Edenheiser, wie es um die Freiheit und die Befreiungsbewegung hierzulande bestellt ist: Die Macht der Straße und die Erkenntnis, mit friedlichen Protesten ein ganzes System zum Einsturz zu bringen, halle „auch heute noch sehr stark nach“, werde „aktuell auch wieder sehr stark vereinnahmt“ und in „ihrer Botschaft verdreht“.

Damit ist nicht etwa jene „regierungsoffizielle“ (Tagesspiegel) Anti-Pegida-Kundgebung im Jahr 2015 in Dresden gemeint, an der teilzunehmen die regierende Landes-CDU per SMS alle Mitglieder aufgefordert hatte und auf der der damalige sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), also jener unter der SED-Herrschaft zum Parteikader geschmiedete CDU-Funktionär, der DDR-Flüchtlinge enteignen ließ, den 35.000 Gefolgsleuten zurief: „Wir sind freiheitsliebend und demokratisch, wir sind weltoffen und tolerant, wir sind mitmenschlich und solidarisch.“ Das behaupteten Jahre zuvor, am 4. November 1989, auch jene Kulturschaffenden in Berlin, die sich zwar einerseits für Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit einsetzten, aber eben auch auf eine reformierbare DDR setzten.

Die Ausstellung hinterfragt immerhin die Corona-Maßnahmen

Die im Arbeiter- und Bauernstaat eingemauerten Menschen entschieden allerdings anders – damals wie heute, wie aktuell die Wahlerfolge der AfD in allen fünf ostdeutschen Flächenländern zeigen. Ihnen ist aus der DDR ein feines Gefühl für jegliche staatliche Einschränkung der 1989 erkämpften Freiheiten geblieben. Freiheit ist das Grundwort. Und davor gesetzte Begriffe wie Gewissen, Meinung, Versammlung, Presse, Religion, Handlung, Wissenschaft, Kunst, Beruf sind Bestimmungswörter. So lernen es die Kinder in Deutschland in der Grundschule. Und zu Hause lernen sie wie einst, was sie besser in der Schule nicht sagen sollen. Eine Tradition aus zwei sozialistischen Systemen, auf die die aktuelle Bundesrepublik hinsteuert.

Ein Eindruck aus der Ausstellung „Freiheit“ im Deutschen Hygiene Museum. Foto: IMAGO / Sylvio Dittrich
Ein Eindruck aus der Ausstellung „Freiheit“ im Deutschen Hygiene Museum. Foto:
IMAGO / Sylvio Dittrich

Die Ausstellung fragt immerhin, ob die Einschränkungen der individuellen Freiheitsrechte während der Corona-Pandemie gerechtfertigt waren, ob den Bürgern der Staat vorschreiben darf, welche Heizungen oder Autos sie nutzen, was sie essen dürfen, aber auch, ob eine freie Gesellschaft existieren kann, wenn die Grenzen geschlossen sind. Dann aber beziehen die Kuratoren exakt Stellung: „Scheinbar eindeutige Forderungen und Symbole historischer Freiheitsbewegungen werden inzwischen auch von rechtspopulistischen Gruppen benutzt, die sich gleichzeitig radikal gegen eine liberale und sich freiheitlich verstehende Gesellschaft wenden.“

Die unvollendete Geschichte der Freiheit beginnt in der Sonderschau mit den Befreiungsversuchen in den großen Revolutionen seit dem 18. Jahrhundert, erinnert wird an die polnischen Aufständischen, die gerade in Dresden große Anteilnahme erfuhren. Im Mittelpunkt stehen aber die Freiheitsideale der Bürgerrechtsbewegungen in Polen, Tschechien und der DDR vor und nach 1989. Daß insbesondere die polnische und tschechische Perspektive (die slowakische der damals existierenden CSSR wird ausgeklammert, wohl auch weil die Freiheitsvorstellungen der Slowaken wie auch der Ungarn den Kuratoren nicht ins Konzept paßten) neben die der Mitteldeutschen gestellt wird, macht die Ausstellung ebenso spannend wie einseitig.

Es geht um das „Handwerk der Befreiung“

Spannend, weil das Hygiene-Museum aus dem reichen Fundus des Solidarnosc-Zentrums Danzig, des Nationalmuseums Breslau und der Nationalgalerie Prag schöpfen konnte und so mit zahlreichen zeitgenössischen Fotos, Schriftstücken – darunter berührende Briefe Václav Havels aus dem Gefängnis – sowie Kunstwerken aufwarten kann. Und einseitig, weil sie die Geschichte der DDR-Opposition und der aus ihr erwachsenen Massenbewegung und deren Wandel von „Wir sind das Volk“ in „Wir sind ein Volk“ zu sehr aus BRD-Sicht beziehungsweise der der Nachgeborenen erzählen und die Bedeutung der letztlich friedlich erreichten „Einheit in Freiheit“ nicht würdigen. Ein Beispiel dafür ist die im Begleitkatalog abgedruckte Geschichte des Dresdner Schriftstellers Thomas Rosenlöcher „Das Leuchtbild der Banane“.

Protestplakat mit „Wir sind das Volk“-Schriftzug und Wahlplakat „High Noon“ von Tomasz Sarnecki (1966–2018) zu den ersten halbfreien Wahlen in Polen am 4. Juni 1989. Foto: IMAGO / Sylvio Dittrich
Protestplakat mit „Wir sind das Volk“-Schriftzug und Wahlplakat „High Noon“ von Tomasz Sarnecki (1966–2018) zu den ersten halbfreien Wahlen in Polen am 4. Juni 1989. Foto:
IMAGO / Sylvio Dittrich

Die sechs Kapitel der Ausstellung zeigen, wie die politischen Bewegungen in den drei sozialistischen Staaten ihr „Handwerk der Befreiung“, worunter die Kuratoren die Strategie des Widerstandes und die eingesetzten Mittel verstehen, ausgeübt haben. Ging es zuerst um einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, also eine Symbiose aus Demokratie, Freiheit und Sozialismus, wie ihn die Tschechen und Slowaken 1968 unter dem damaligen Kommunistenchef Alexander Dubcek umzusetzen versuchten, so stand am Ende die Beseitigung des von den sowjetischen Besatzern aufgedrückten sozialistischen Systems.

Der große Unterschied: In Polen gab es seit der Gründung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarität eine von dem Elektriker Lech Walesa angeführte und von der katholischen Kirche unterstützte Arbeiterbewegung gegen die Kommunisten: In der CSSR und der DDR dagegen waren dagegen vor allem weitgehend von den Arbeitern isolierte Untergrundzirkel von Intellektuellen aktiv.

Mehr Freiheit war der kleinste gemeinsame Nenner der Opposition

„Wie in der CSSR war es auch in der DDR anfangs vor allem der Mut von Einzelnen, der den Anstoß zur Befreiung gab“, heißt es im Begleittext. Die Schlußfolgerung, daß die Oppositionsbewegungen „einem Verständnis von Freiheit folgen, das über soziale Schichten und Ländergrenzen hinweg“ reicht, stimmt allerdings nicht dann nicht, wenn vor allem die Solidarität miteinander beschworen wird.

Während die Sicherheitsorgane der drei Staaten durchaus miteinander kooperierten, gab es keine nennenswerte grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen den Oppositionsbewegungen. Vor allem aber durften Polen, Tschechen und Slowaken ins kapitalistische sozialistische Ausland reisen, was den DDR-Bürgern – außer Rentner und mit Dauer-Visa für den Westen ausgestatteten, auch regimekritischen Künstlern – nicht möglich war. Die Schriftstellerin Sarah Kirsch, der ein solches nicht genehmigt wurde, stellte daraufhin den Ausreiseantrag, dem – auch das ein Privileg – stattgegeben wurde. Ein Foto zeigt sie in der Ausstellung vor ihren Umzugskisten.

Mehr Freiheit war der kleinste gemeinsame Nenner der Opposition. Wie weit dieser Freiheitsbegriff gezogen werden sollte, darüber herrschten sehr unterschiedliche Vorstellungen, wie sich bei den Verhandlungen an den Runden Tischen zeigte. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch das ungewisse Verhalten der sowjetischen Besatzer, die in allen drei Staaten noch Armeen mit Hundertausenden Soldaten stationiert hatten. Ohne Einverständnis aus Moskau – das blenden die Kuratoren aus – hätte es nirgendwo die geforderte Freiheit gegeben.

Es gab keine Gründe, Dagen auszuschließen

Deswegen wollten die DDR-Bürger auch nicht die von Bundeskanzler Helmut Kohl und vielen bürgerbewegten Intellektuellen favorisierte Konföderation zweier deutscher Staaten, sondern so schnell wie möglich die deutsche Einheit und damit vollendete Tatsachen. Im Rahmen der Ausstellung fordert das Museum zur Debatte über die „Grenzen der Meinungsfreiheit“ auf. Spannend dürften die Ergebnisse des Freiheits-Barometers sein, am Eröffnungstag fühlten sich lediglich 57 Prozent frei. Der Begriff der Freiheit sei selten so umkämpft gewesen wie heute, sagt Museumsdirektorin Edenheiser.

Das 1912 gegründete Deutsche Hygiene-Museum verstehe sich „als ein offenes Forum für Debatten – offen für jeden, der interessiert ist an den kulturellen, sozialen und wissenschaftlichen Umwälzungen unserer Gegenwart“, heißt es im Kurzporträt des Hauses. Der dem widersprechende Ausschluß der Buchhändlerin Susanne Dagen hatte ein vom Museum verschwiegenes Nachspiel: Das Dresdner Landgericht urteilte im Juni 2016, der Rauswurf sei rechtswidrig gewesen. Es habe keine Gründe gegeben, Dagen auszuschließen.

Die Freiheit, das einzugestehen, gehört unbedingt in die Sonderschau über die unvollendete Freiheit, schon aus Sicht der politischen Hygiene. Denn wie heißt es im Pressetext zur Ausstellung: „Demokratische Aushandlungsprozesse weichen zunehmend der Ablehnung anderer Ansichten. Aus dieser Stimmung schlagen autoritäre Politiker:innen Profit. Sie tragen ihre Feindbilder in die Parlamente.“ „Denn nur in Freiheit“, dichtete der Liedermacher Georg Danzer einst, „kann Freiheit Freiheit sein“.

_________________________________________________________________________________________

Die Ausstellung „Freiheit – Eine unvollendete Geschichte“ ist noch bis zum 31. Mai 2026 im Deutschen Hygiene-Museum Dresden zu sehen.

Aus der JF-Ausgabe 9/26.

Eine Besucherin fotografiert ein Exponat der Ausstellung „Freiheit“ im Deutschen Hygiene Museum. Foto: IMAGO / Sylvio Dittrich
Anzeige
Anzeige

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
aktuelles