Alles begann mit einem britischen Computerspiel. Aber keinem gewöhnlichen, keines jedenfalls, das darauf angelegt war, Unterhaltung und Eskapismus zu bieten. Das im Januar veröffentlichte und unter anderem aus den Geldern des staatlichen Anti-Terror-Programms „Prevent“ mitfinanzierte Spiel „Pathways“ soll vielmehr über „Extremismus, Radikalisierung und Prävention“ aufklären, speziell im bezug auf soziale Medien.
Der Spieler kann dabei zwischen zwei Figuren wählen, einem männlichen jungen weißen Briten oder einem weiblichen, und bewegt sich anschließend durch ein simuliertes soziales Netzwerk, in dem er Entscheidungen treffen muß. Etwa Dinge wie „Ein Freund bittet dich, ein Video herunterzuladen. Was tust du?“ Rasch wird klar: Überall im Netz verbergen sich „rechtspopulistische“, gar „faschistische“ Kräfte, und wer sich mit ihnen einläßt, verliert das Spiel.
Ein Anzeigenwert bemißt, wie „extrem“ sich der Charakter dabei entwickelt, etwa indem er mit migrationskritischen Inhalten interagiert, statt einen Erwachsenen zu informieren. Am Ende ist es lustigerweise allerdings egal, wie sich der Spieler entscheidet: Selbst bei konsequent „gutem“ Verhalten landet er in einer Art Deradikalisierungsprogramm, welches ihm beibringt „positiv mit Ideologien zu interagieren“ und daß es „richtige und falsche Wege“ gebe, „politische Ansichten auszudrücken“.
Schon ein Datei-Download kann zu Strafen führen
Der unglaublich dystopische Vibe des Spiels entsteht nicht zuletzt aus der Niedrigschwelligkeit, mit der dem Spieler simple Neugierde als nicht bloß fragwürdige, sondern strafbare Handlungen ausgelegt werden (gut, gemessen an der dystopischen Rechtslage im gar nicht so greaten Britannien ist das vielleicht auch schlicht realistisch). Schon der simple Download einer unbekannten Datei kann laut Spiel zu einer „Verurteilung aufgrund terroristischer Aktivitäten“ führen und bereits das Einsehen von Studien und Statistiken über die demographische Lage wird als Teil eines Radikalisierungsprozesses angesehen.
Immer wieder taucht dabei ein junges Mädchen namens Amelia auf. Mit ihren violett gefärbten Haaren und ihrem Halsband könnte man sie für die stereotype Darstellung einer „Woken“ halten, tatsächlich bringt sie dem Spieler aber konsequent migrationskritische und rechte Inhalte näher. Jegliche Zustimmung zu diesen Ideen wird dabei als Anzeichen eines gefährlichen Kontrollverlustes dargestellt. So ärgert sich die Hauptfigur in einer frühen Szene etwa über die Tatsache, daß eine migrantische Kommilitonin eine bessere Note und zusätzlich noch gleich ein Jobangebot erhalten hat, während die Figur selbst noch auf dem Arbeitsmarkt darbt.
Rechte sind natürlich immer feindselig
Stimmt sie anschließend Amelias Aussage zu, daß dies ein Zeichen für die Bevorteilung von Migranten sei (ob sie zustimmt oder nicht, kann der Spieler auswählen), schreit die Hauptfigur die entsprechenden Aussagen auch augenblicklich hysterisch in der Klasse herum. Denn, Sie verstehen schon werter Leser, jeglicher migrationskritische Gedanke übersetzt sich automatisch in Aggression, Feindseligkeit und selbst herbeigeführte soziale Isolation; es kann gar keine ruhige, vernünftige und vielleicht auch ambivalente Zustimmung zu „rechten“ Aussagen geben. Die Demonstration, zu der Amelia die Figur anschließend einlädt, endet dann auch, wer hätte es gedacht, in gewalttätigen Ausschreitungen, bei denen sie mit der Polizei in Konflikt gerät.

Spannend ist allerdings, wie die rechte Online-Community auf das Spiel reagierte. Nachdem zunächst eine empörte Berichtserstattung dominierte, gewann rasch der Schalk die Oberhand. Ausgerechnet der Bösewicht von „Pathways“, das Mädchen mit den violetten Haaren, wurde zur Heldin erklärt, zum Meme, zu der Art Freundin, die sich jeder junge weiße Brite insgeheim wünsche. In den sozialen Medien entstanden unzählige computererstellte Bilder. Amelia, wie sie eine Zigarette an einem brennenden Bild des britischen Premierministers Keir Starmer entzündet, Amelia, wie sie freundlich lächelt und die britische Fahne schwenkt, Amelia als Anime-Mädchen.
— Amelia (@AmeliajakSolana) January 21, 2026
Amelia klärt über britische Kolonien auf
Manchmal gibt sie auch kleine Geschichtsstunden. So kursiert etwa ein Comic, in welchem sie den auch in Großbritannien populären anti-kolonialen Erzählungen Kontra gibt und den Betrachter ins vor-koloniale Indien mitnimmt: „Bevor die Briten ankamen, hatte Indien seine eigene Geschichte vergessen. Niemand konnte die Brahmi-Schrift lesen. Doch dann kam James Prinsep, ein brillanter britischer Universalgelehrter, der sie entzifferte. Er arbeitete unermüdlich, reiste durch Indien und studierte seine Geheimnisse. Dank ihm wurde die indische Vergangenheit entschlüsselt. Inklusive Ashoka, dessen Chakra heute die indische Flagge ziert.“
Seriously if I were British, I’d make a page or YouTube channel just for this. Amelia teaching the world about British contributions. Real reasons to be proud of your ancestry and history.
Never be ashamed of being great. pic.twitter.com/gwPP1lB0tU
— Kabrutus (@kabrutusdeid) January 18, 2026
Der witzigste Umstand des Memes sei, so ein weiterer Nutzer, „daß sie exakt dieselbe Figur ist wie im Spiel ‘Pathways’, welches die britische Regierung entwickelt hat. Wir haben nichts an ihr geändert. Wir haben sie einfach nur befreit.“
Wie so häufig im digitalen Zeitalter verschwimmen dabei die Grenzen zwischen ironischer Distanz und Mythenbildung, die rechte Idealfreundin ist irgendwie ein Gag, ganz sicher ein Mittelfinger in Richtung der britischen Regierung, aber zugleich natürlich auch tatsächlich ein Symbol. Kaum überraschen kann die romantische und auch latent sexuelle Aufladung des Memes. Sicherlich würden ihr viele junge Briten ganz real gern einmal über den Weg laufen.






