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Nußknacker
Nußknacker-Aufführung am Staatsballett Berlin (2016): Darsteller mit weiß geschminktem Gesicht Foto: picture alliance / Eventpress Hoensch | Eventpress Hoensch

Nach Rassismusvorwürfen
 

Ex-Intendant des Staatsballetts Berlin fordert Diversitätsquote

HAMBURG. Der frühere Direktor des Staatsballets Berlin, Johannes Öhman, hat sich dafür ausgesprochen, Klassiker wie den „Nußknacker“ von Tschaikowski nicht mehr in seiner jetzigen Form aufzuführen. Die bisherige Art und Weise, wie solche Stücke präsentiert würden, sei ein „Desaster“, sagte Öhman der Zeit.

„Ein ‘Nußknacker’, bei dem der chinesische Tanz als Parodie aufgeführt wird oder bei dem es Blackfacing gibt, weiße Menschen sich die Gesichter schwarz bemalen. Auch ‘La fille mal gardée’, da wird ein kognitiv beeinträchtigter Mensch auf einem Marktplatz gequält, untermalt von lustiger Musik.“ Die meisten Ballettdirektoren ordneten solche Stücke gar nicht richtig ein, klagte Öhmann.

Der 53 Jahre alte Schwede war im Januar 2020 als Direktor des Staatsballetts zurückgetreten. Ende vergangenen Jahres wurden dann Rassismusvorwürfe gegen seinen früheren Arbeitgeber laut. So hatte sich die dunkelhäutige Ballerina Chloé Lopes Gomes unter anderem darüber beklagt, sie habe sich am Staatsballett in Berlin für eine Schwanensee-Aufführung weiß schminken müssen.

Öhman bestätigt Vorgang

Die kommissarische Intendantin des Staatsballetts, Christiane Theobald, kündigte daraufhin Anti-Rassismusschulungen für alle Mitarbeiter an. Gleichzeitig versprach das Staatsballett, künftig die „künstlerische Strahlkraft der Diversität“ abzubilden und sich von „überholten Aufführungsweisen“ zu trennen.

Auf die Vorwürfe von Lopes Gomes von der Zeit nun angesprochen, bestätigte Öhman den Vorfall und erläuterte, er habe sich damals hinter die Tänzerin gestellt und mit den Ballettmeistern gesprochen. Er habe auch deutlich gemacht, daß er Rassismus nicht dulde. Lopes Gomes habe das aber nicht genügt. Sie habe ihn gefragt, ob er die zuständige Ballettmeisterin feuern könne. „Ich sagte ihr, die Voraussetzung dafür sei ein vorheriges gemeinsames Gespräch. Das bot ich Chloé an. Sie wollte nicht.“

„Ich habe jedes Blackfacing untersagt“

Die Empörung über Blackfacing könne er aber verstehen. „Ich habe jedes Blackfacing untersagt. Und auch, daß sich die Tänzer weiß anmalen müssen, um gleich auszusehen“, betonte er. Solche Verbote seien richtig. „Es gibt zu viele Leute in der klassischen Ballettcommunity, die allen Veränderungen in der Gesellschaft völlig ignorant gegenüberstehen. Sie glauben, daß sie weiterhin ‘Zigeunerschnitzel’ sagen dürfen und nicht rassistisch sind. Aber genau das sind sie.“

Laut Öhman müsse Ballett künftig diverser und vielfältiger werden. Es liege aber nicht in der Hand eines Direktors, ob es mehr „Tänzer of Colour“ auf der Bühne gebe. „Theater und Opern werden mit Steuergeldern finanziert. Daher sollten Politiker Richtlinien schaffen, nach denen ein Teil des Geldes für eine repräsentative Diversität eingesetzt wird.“ Er sei deshalb für eine Quote. „Natürlich darf es dabei keine Qualitätsverluste geben. Aber Qualität ist im Ballett meßbar. Und bei zwei gleich qualifizierten Tänzerinnen oder Tänzern muß die Quote entscheiden.“ (krk)

Nußknacker-Aufführung am Staatsballett Berlin (2016): Darsteller mit weiß geschminktem Gesicht Foto: picture alliance / Eventpress Hoensch | Eventpress Hoensch
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