125. Todestag Vincent van Gogh

Er kämpfte gegen Konventionen

„Ich wollte, es wäre nun zu Ende“, stöhnte Vincent van Gogh am Morgen des 29. Juli 1890, nachdem er sich wenige Stunden zuvor schwerverletzt, mit einer Kugel in der Brust, die Treppe zu Ravoux’ Gasthaus in Auvers-sur-Oise hinaufgeschleppt hatte. Damit schien für seinen Arzt und den herbeigeeilten Bruder Theo klar, daß die tödliche Verletzung nur in suizidaler Absicht entstanden sein konnte – und Heerscharen von mehr oder weniger kompetenten Van-Gogh-Hagiographen verkündeten seitdem das gleiche.

Das löste ein allgemeines Spekulieren über die Beweggründe des Selbstmörders aus, an dem sich auch Geistesgrößen wie Stefan Zweig beteiligten: Waren es einfach nur die in Abständen zutage tretenden psychischen Probleme oder der Absinth beziehungsweise Liebeskummer, trieb ihn die Verzweiflung über den anhaltenden Mißerfolg bei der Vermarktung seiner Werke, wollte er gegen die immer kälter werdende Gesellschaft protestieren, die schwierige Menschen wie ihn zum Außenseiter stempelte, oder ging das Trachten des streckenweise recht frömmlerisch auftretenden Pastorensohnes möglicherweise gar dahin, sich gleich Jesu für die sündige Menschheit zu opfern?

Van Goch wurde zum Archetypen aller gescheiterten Künstler

Dabei könnte alles aber auch ganz anders gewesen sein: Vielleicht starb van Gogh ja infolge eines ganz banalen Unfalls? Das jedenfalls glauben die amerikanischen Pulitzerpreisträger Steven Naifeh und Gregory White Smith, welche inzwischen auch Unterstützung von seiten des texanischen Gerichtsmediziners Vincent Di Maio erhielten. Ihrer Ansicht nach wurde der Maler von keiner Kugel aus der eigenen Waffe getroffen, sondern von einem Projektil, das der Nachbarsjunge René Secretan versehentlich abgefeuert hatte.

Jedenfalls segnete van Gogh bald nach seinem resignativen Stoßseufzer das Zeitliche, woraufhin er im Verlaufe nur eines Jahrzehntes zum tragischen Helden und Archetypen aller gescheiterten Künstler avancierte, deren Genie die Zeitgenossen leider immer erst nach dem plötzlichen Tode des Meisters erkennen. Sichtbarster Ausdruck dieser Entwicklung waren die fünf großen Gedächtnisausstellungen zu Ehren van Goghs, die zwischen 1901 und 1912 stattfanden; darüber hinaus war er in der legendären Exposition „Manet and the Post-Impressionists“ von 1910/11 mit 25 Werken vertreten.

Zugleich explodierten die Preise für die Bilder des am 30. März 1853 in Groot-Zundert, einer Kleinstadt in Nordbrabant, geborenen Holländers. Während zu Lebzeiten des Malers nur ein einziger sicher dokumentierter Verkauf stattfand, der gerade einmal 400 Francs erbrachte – für diese Summe erwarb die belgische Malerin Anna Boch Anfang 1890 das Ölgemälde „Der rote Weingarten von Arles“ –, zahlte die Kunsthalle Bremen 1910 dann schon 30.000 Goldmark für das „Mohnfeld“. Dies wiederum löste den Bremer Künstlerstreit aus, in dem van Gogh als „Vertreter des Farbirrsinns“ abqualifiziert wurde, worauf Klagen über die „große Invasion“ ausländischer Kunstwerke folgten.

Van Gochs Werke gehören zu den teuersten überhaupt

Nach dem Zweiten Weltkrieg wiederum gehörten die Bilder des frühzeitig Verstorbenen dann zu den teuersten Kunstwerken überhaupt. So erzielten die „Sonnenblumen“, mit denen van Gogh einstmals seinem Malerkollegen Paul Gauguin eine Freude machen wollte, Anfang 1987 den seinerzeit beispiellosen Preis von 24,75 Millionen englischen Pfund.
Dem schloß sich noch im gleichen Jahr die Versteigerung der „Schwertlilien“ für 53,9 Millionen Dollar an.

Und im Mai 1990 kam dann gar das „Porträt des Dr. Gachet“ für 82,5 Millionen Dollar unter den Hammer – dieser Rekord wurde erst 2004 überboten, als ein anonymer Krösus 104 Millionen US-Dollar auf den Tisch legte, um in den Besitz von Picassos epochalem Werk „Junge mit Pfeife“ zu kommen. Dabei waren die Käufer zumeist Spekulanten aus Fernost, welche auf weitere „Kursgewinne“ hofften, die aber ausblieben, weil nachfolgende Finanzkrisen dazu führten, daß die Schicht der solventen Interessenten empfindlich schrumpfte.

Die hohen Preise für Gemälde van Goghs verstehen sich dabei nicht von selbst, denn immerhin existieren ja rund 860 dieser Kunstwerke; dazu kommt eine enorme Anzahl von Zeichnungen, die entstanden, weil der Maler oft kein Geld für teure Ölfarben hatte. Vermutlich besticht aber die ungeheure Präsenz, ja Wucht seiner Schöpfungen, die zugleich auch eine kindlich-naive Identifikation mit der Welt ausstrahlen, die den Betrachter meist versöhnlich und heiter stimmt, obwohl er in der Regel um das wenig beneidenswerte Schicksal van Goghs weiß.

Ausreifung seiner Technik

Darüber hinaus kommen seine Bilder höchst vielgestaltig daher, was auf die unterschiedlichen Schaffensperioden zurückzuführen ist. Während van Goghs Zeit in Brüssel, Antwerpen, Den Haag und Nuenen, die von 1880 bis 1885 andauerte, orientierte er sich sehr an Künstlern wie Rembrandt und Frans Hals, welche vorrangig dunkle, quasi erdige Farben verwendet und mit schnellen, gut sichtbaren Pinselstrichen auf die Leinwand gebracht hatten. Diesen Stil übernahm van Gogh nicht zuletzt deshalb, weil er seinem ungeduldigen Wesen entgegenkam.

1886 erfolgte der Wechsel nach Paris, wo er sowohl den Impressionismus als auch den japanischen Farbholzschnitt kennenlernte. Das veranlaßte ihn, mit helleren und reineren Farben zu experimentieren. Hinzu kam die wachsende Vorliebe für Bildkompositionen mit fehlenden Schatten und ungewöhnlichen Perspektiven.

Im Februar 1888 wiederum ging van Gogh dann nach Arles in der Provence, um die „blauen Töne des Südens“ zu finden. Deshalb ist es nur zu verständlich, daß sich die Farbpalette des Holländers jetzt noch weiter aufheiterte. Außerdem reifte nun auch seine Technik des verschwenderischen Farbauftrags und der plastischen Strichführung in Wellenlinien, Kreisen und Spiralen zur Vollendung, wobei die Vereinfachung der Formen mit einem immer größeren Mut zu ungewöhnlichen Farbkombinationen kontrastierte. So entstanden innerhalb von 16 Monaten 187 Gemälde in typischer Van-Gogh-Manier.

Letzter Schaffensrausch

Allerdings bescherte die hierdurch verursachte Arbeitsüberlastung dem Maler Wahnvorstellungen und Depressionen, was einen einjährigen Aufenthalt in der privaten Nervenheilanstalt Saint-Paul-de-Mausole in Saint-Rémy-de-Provence nötig machte. Im Anschluß hieran zog van Gogh im Mai 1890 nach Auvers-sur-Oise bei Paris, wo er einen nochmaligen Schaffensrausch von siebzig Tagen erlebte, in dessen Verlauf weitere 80 Gemälde und 60 Zeichnungen entstanden.

Schließlich fiel der mysteriöse Schuß im Weizenfeld, der seinem unangepaßten, vom ständigen Kampf gegen die sozialen und künstlerischen Konventionen geprägten Leben ein Ende setzte. Dabei kann man davon ausgehen, daß gerade dieser Aufstand gegen den gesellschaftlichen Konformitätsdruck zum Ende des 19. Jahrhunderts ein weiterer Grund dafür ist, daß Vincent van Gogh heute sowohl als der weltweit bekannteste als auch beliebteste Maler gilt. Er konnte also nicht zuletzt deshalb Unsterblichkeit erlangen, weil er es abgelehnt hatte, sich dem Zeitgeist zu unterwerfen. Das ist wohl ein ebenso inspirierendes Vermächtnis wie seine Bilder.

JF 31-32/15

Vincent van Goch: Selbstporträt von 1887 Foto: Wikimedia; Lizenz: gemeinfrei

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