Buchpräsentation
 

Lachen gegen die Angstformel

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Thilo Sarrazin: „Ich kenne keine einzige Drachme, die den Weg in die deutsche Staatskasse gefunden hätte“ Foto: JF

Laut Friedrich dem Großen, dessen 300. Geburtstag Potsdam feiert, muß eine Regierung „sparsam sein, weil das Geld, das sie erhält, aus dem Blut und Schweiß ihres Volkes stammt“. Angesichts der akuten Staatsschulden- und der damit verbundenen Eurokrise schien es deshalb nur folgerichtig, daß Thilo Sarrazin – der als Finanzsenator Berlins einst die Neuverschuldung Berlins beendet hatte – seinen neuen Buchtitel „Europa braucht den Euro nicht“ im Nikoalaisaal Potsdam erstmals der Öffentlichkeit vorstellte.

Bereits seinen Vorgängertitel „Deutschland schafft sich ab“ hatte Sarrazin hier zuerst vor allgemeinem Publikum präsentiert. Während der Veranstaltungsort damals von einem Großaufgebot der Polizei geschützt werden mußte, weil eine aufgebrachte „antirassistische“ Menschenmenge gegen die Veranstaltung protestierte, war diesmal vor Veranstaltungsbeginn kein einziger Demonstrant auszumachen. Der geparkte Polizeibus erschien eher wie eine deplazierte Requisite.

Wirkmächtige „Angstformel“

Während schon am Vormittag – zur Pressevorstellung im Hotel Adlon – keine einzige seriöse Frage gestellt wurde, die Sarrazin fachlich zum Widerspruch herausgefordert hätte, wirkte der Auftritt in Potsdam wie ein Heimspiel. Während der vormalige Bundesbanker zunächst eine hypothetische Regierungserklärung für den Fall, er würde unter Merkel zum neuen Bundesfinanzminister berufen, vortrug und in diesem Zusammenhang ein fiktives Gespräch zwischen Merkel und Hollande schilderte, in dem die Kanzlerin dem französischen Präsidenten damit droht, notfalls aus der Europäischen Währungsunion auszutreten, brandet im Saal anhaltender Applaus auf.

In Merkels Diktum, demzufolge das Scheitern Euros zugleich das Scheitern Europas bedeute, sieht Sarrazin eine wirkmächtige „Angstformel“, die ihre Truppen beisammen halten soll. Sein Buchtitel sei daher als eine „gelassene Antwort“ darauf zu verstehen, die helfen soll, dieses „Raunen von Endzeitgeschehen“ zu beenden.

Ein wenig davon versucht der Moderator des Abends Klaus Rost, Chefredakteur der Märkischen Allgemeinen, dennoch zu retten, indem er gegen Sarrazin drei mühsam konstruierte Kritikpunkte ins Feld führt, darunter den hanebüchenen Vorwurf, der Autor würde für seine Euro-kritischen Thesen den Holocaust instrumentalisieren.

Deutschland hat keine Verhandlungsposition

Als Sarrazin den überforderten Chefredakteur vor vollbesetztem Saal nochmal aufgeklärt hat, daß es doch gerade die politische Klasse sei, die diesen Zusammenhang herstelle, greift Rost zum vermeintlich letzten rettenden Strohhalm – und faßt daneben: Als er Sarrazin herausfordern will, indem er von namhaften Kollegen spricht, die ihn kritisierten, fragt Sarrazin trocken: „Wen???“ – da dem Moderator vor Schreck kein einziger Name einfällt, lacht ihn der ganze Saal aus, es hat etwas befreiendes. Letzteres scheint überhaupt das geheime Motto des Abends zu sein: Die „Angstformel“ Merkels und des beherrschenden medialen Mainstreams einfach wegzulachen.

Nachdem Chefredakteur Rost die Pflicht-„Kritik“ absolviert hat, beginnt die eigentliche Kür des Abends. Auf die Frage, warum Merkel – wie von Sarrazin hypothetisch skizziert – es nicht wage, die eigenen Positionen deutlich zu behaupten, wechselt Sarrazin ins Abstrakte: „Große Politiker erkennen das Einfache, kleine Politiker halten sich an das Komplizierte.“

Entscheidend für Deutschlands Schwäche sei aber der Umstand, daß es gar „keine Verhandlungsposition“ besitze. Deshalb sei es „erpreßbar“. Mit Blick auf das fiskalische Schuldbewußtsein Deutschlands wies er zudem darauf hin, daß das deutsche Schuldenaufkommen als Rechtsnachfolger des Dritten Reiches bereits 1953 geregelt worden sei.

Sarrazin gegen deutsches Spardiktat

Wichtig sei aber auch die Relation, so Sarrazin. Die Hellenen hätten bislang schon 350 Milliarden Euro an Rettungsmaßnahmen erhalten – „wenn wir ähnlich hilfebedürftig wie Griechenland wären, bräche die Weltwirtschaft zusammen.“ Auch seien die so oft zitierten Export-Erfolge in Europas Süden eine Täuschung, denn „die erzielen wir ja nur, weil wir deren Schulden tilgen“.

Zugleich warnte Sarrazin davor, in den hochverschuldeten Euro-Ländern ein deutsches Spardiktat einzuführen. Die Wirkung dürfte ähnlich sein wie die der Besser-Wessis in der einstigen DDR. „Viel Spaß“, lautete sein lakonischer Kommentar.

Unterhaltsam geriet auch der Rückblick auf die einstigen europäischen Währungen, in dem Sarrazin die Drachme als etwas beschrieb, das nur „infinitesimal“ darzustellen gewesen sei. Große Erheiterung löste am Ende auch Sarrazins Fazit aus: „Ich kenne keine einzige Drachme, die den Weg in die deutsche Staatskasse gefunden hätte“.

Euro-Einführung als „Maßnahme zur Vertrauensbildung“

Zu den Euro-Legenden, mit denen Sarrazin aufräumen will, gehört auch die Theorie, derzufolge der Euro der französische Preis für die Schaffung der deutschen Einheit gewesen sei. Tatsächlich, so Sarrazin, sei die deutsche Einheit mit der Währungsunion schon längst besiegelt gewesen. England und Frankreich hätten – im Gegensatz zur UdSSR und den USA – keine relevante Rolle gespielt.

Kohl habe die Deutsche Mark gegen den Euro getauscht als eine „Maßnahme zur Vertrauensbildung – das war ein politisch völlig unnötiger Preis“. Das Publikum in Brandenburg indes wird davon keine Kenntnis erhalten, zumindest nicht im Radio. So hatte eine Mitarbeiterin des RBB-„Rotfunks“ für den Hörfunk-Pool der ARD durchweg zustimmende Zuschauerstimmen aufgenommen – offenbar die falschen Meinungen für den Sendebetrieb des RBB-Rundfunks.

Die für den Folgetag im Hauptsender der Landesanstalt geplante Ausstrahlung wurde dem betreffenden Moderator von der Sendeleitung nicht zur Verfügung gestellt, Begründung: Man brauche das Thema nicht mehr.

> Sarrazins Buch „Europa braucht den Euro nicht“ im JF-Buchdienst

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