Pankraz, Edgar Morin und die griechische Schuld

Griechenland sitzt zur Zeit tief im Keller, ist als ungetreuer, den Euro zerstörender Kaufmann auffällig geworden und von der EU gleichsam in Beugehaft genommen. Da muß es auf die griechische Seele wie Balsam wirken, daß jetzt Edgar Morin (88), hochangesehener Nestor der französischen Kulturwissenschaft, ein machtvolles Plädoyer für das Land und seine Traditionen gehalten hat. Dergleichen hat man lange nicht mehr vernommen.

In der letzten Wochenendausgabe der spanischen Zeitung El País verlautbart der Pariser Patriarch, daß es ohne die Griechen einen europäischen „Westen“ nie gegeben hätte. Der „Westen“ sei im Kern kein „christliches Abendland“, auch kein christlich-jüdisches, sondern ein genuin griechisches, von hinten bis vorn und von oben bis unten Produkt griechischen Geistes und griechischer Weltläufigkeit. Nicht Jerusalem, sondern Athen sei die Symbolstadt des westlichen Europa, sei es immer gewesen und werde es immer bleiben. Wer das ignoriere, lege Hand an die Wurzeln der europäischen Identität.

Als Quellgrund europäischer Identität markiert Morin jenes Amalgam aus Neugier und Schlauheit, das schon den Denkstil der frühesten griechischen Naturphilosophen, der Thales und Anaximenes, Demokrit und Empedokles, prägte. Man begnügte sich nie damit, dem Walten der Götter und Dämonen einfach zu lauschen und sich ihrem ewigen Ratschluß einzufügen, man wollte sie vielmehr  „verstehen“, ihnen auf die Spur kommen. Und man wollte sie nachmachen, sie gegebenenfalls sogar überlisten. Selbst der fromme Pythagoras, gerade er, suchte den „meßbaren Gott“, den man gewissermaßen in ein Netz mathematischer Formeln verwandeln konnte.

Bei Lichte betrachtet, war das himmelweit entfernt von der Einstellung der übrigen alten Völker, von Ägypten bis China. Dort beanspruchten die Mächtigen, die Pharaonen und Oberpriester, selber göttlichen Rang, ließen sich anbeten und in den Himmel heben. Die Griechen ihrerseits blieben stets terre à terre, richteten sich in kleinen, überschaubaren Verhältnissen ein und achteten pingelig darauf, daß sich kein Tyrann aus den eigenen Reihen je allzu weit von der Truppe der „Edlen“, der Schlauen und Berechnenden, entfernte. Aus diesem Milieu erwuchsen dann Demokratie und Naturwissenschaft, das meint: all das, was das Abendland, das Westland, später auffällig und einflußreich machen sollte.

Verglichen mit solcher athenischen Singularität, meint Morin, nimmt sich „Jerusalem“ (also Christentum und jüdisch-christlicher Monotheismus) geradezu asiatisch und ozeanisch aus. Hätte es im sogenannten Mittelalter ein Christentum ohne griechische Vor-Erinnerung, ohne latent fortdauernde physikalische Schlauheit und Berechnungswut gegeben, so hätte es auch kein Abendland gegeben. Der „Westen“ hätte sich nie unterscheidbar von der asiatischen Landmasse abgehoben, wäre nichts als eine beiläufige, randlägerige Zerfaserung und Ausfransung dieser Landmasse geblieben, eine Peninsula, die keinerlei Aufmerksamkeit lohnte.

Wie gesagt, Balsam für die verwundete griechische Seele im Schuldturm der EU. Trotzdem hat Morin mit seinen Zuspitzungen unrecht, zumindest blendet er viele Perspektiven fahrlässig aus, allzu viele. Gänzlich unreflektiert bleibt, daß es „den“ griechischen Geist in klinischer Reinheit nie gegeben hat. Alexander der Große, Schüler und Ziehsohn von Aristoteles, zog in die Welt, „unterwarf“ sie, aber nicht, um ihr griechische Schlauheit zu bringen, sondern um sich seinerseits dem Osten zu unterwerfen und seine Griechen zu persischen Vergöttlichungs-ritualen und zur Anbetung undurchschaubarer orientalischer Gottheiten zu drängen. 

Später, unter römischer Herrschaft, verwandelte sich die große Stadt Alexandria, soeben noch glorioses Zentrum griechischer Naturwissenschaft, wo schon Dampfmaschinen konstruiert wurden, in eine Hochburg entfesselter metaphysischer Spekulation. Man wollte nun plötzlich „erlöst“ werden von jeglicher Erdenschwere, es wimmelte von Gottessöhnen aller Art, die einem den Weg zur Gnade und zum Eingang ins Paradies verhießen – und aus deren Schar schließlich Jesus von Nazareth als Sieger hervorging.

Das Christentum war allenfalls an seinem Anfang „Jerusalem“; ausgefaltet und in Form gebracht wurde es von überwiegend griechischen (oder syrischen, griechisch denkenden und sprechenden) Gnostikern und Apokalyptikern, die an ihrer eigenen Schlauheit und Berechnungswut irre geworden waren und verzweifelt nach dem rechten Maß zwischen Wissen und Glauben, Empirie und Transzendenz suchten. Nicht der Triumph der einen oder der anderen Seite prägte und prägt seitdem das Abendland, sondern das ständige Auf und Ab von „Aufklärung“ und Rückbesinnung, Erdverbundenheit und Transzendenz. Der „Westen“ ist ein Kampfplatz, kein Faulbett.

Natürlich ist das kein Kampf  zwischen Gut und Böse, wie uns mächtige Dummköpfe einzureden versuchen, es ist überhaupt kein richtiger Kampf, sondern eine gleichsam natürliche Wellenbewegung, die die Menschen auch in anderen Weltgegenden spüren und der sie sich anzupassen streben. Mag sein, die einzigartige Geographie Europas, seine landschaftliche wie ethnische Differenziertheit und die  allerorten spürbare Meeresnähe haben die Europäer besonders empfindlich gemacht für derlei Wellen und ihnen so einen gewissen gesellschaftlichen Vorteil gegenüber anderen Völkern, eine Vorbildfunktion verschafft. Doch darauf braucht sich niemand etwas einzubilden.

Wenn sich das Pendeln der Waage verklemmt oder durch allzu einseitige Belastung ganz aufhört, ist höchste Gefahr im Verzug. Die gegenwärtigen Griechen in ihrer Schuldenfalle liefern dafür zur Zeit ein eindrucksvolles Beispiel. Sie sind allzu schlaumeierlich gewesen, haben sich zudem von schnöden internationalen Finanzkräften üble Verschleierungstricks aufschwatzen lassen. So haben sie nicht nur sich selbst, sondern die ganze EU in heillose Schwierigkeiten gebracht.

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