Lautstark

Nicht zufällig findet die renommierte Indie-Musikmesse South By Southwest alljährlich ausgerechnet in Austin statt. Die texanische Universitätsstadt gilt seit langem als fruchtbarer Nährboden für Außenseiter mit einer Vorliebe für schräge Klänge – hier machten sich Mitte der sechziger Jahre die 13th Floor Elevators einen Namen; hier wurde seinerzeit auch das Underground-Trio The Red Krayola bei einem psychedelischen Happening in einem Einkaufszentrum entdeckt. Diesem Genius loci hat sich nun ein weiteres Dreigespann verpflichtet, das so richtig in keine popmusikalische Schublade passen will: „Uns geht’s nur darum, Klänge zu erzeugen, die uns gefallen, und da wir Schlagzeug, Gitarre und Baß dabei haben, klappt das fast von ganz alleine“, scherzte White Denims Baßgitarrist Steve Terebecki jüngst.  

In die Saiten der besagten Gitarre haut James Petralli, das Schlagzeug spielt Josh Block. Schon kurz nach seiner Gründung 2005 machte das Trio durch mitreißende Live-Shows und einen vollgepackten Auftrittskalender von sich reden. Innerhalb von zwei Jahren hatten sie zwei EPs eingespielt und über das Internetportal MySpace zweitausend virtuelle Freunde gewonnen. Ihr Auftritt bei ebenjenem Indie-Festival im vergangenen Jahr verhalf ihnen dann auch zum internationalen Durchbruch, die darauf folgende Europatournee machte sie zum heißesten Geheimtip in der britischen Konzertszene. Nun mußte endlich eine LP her, die die Jungs für die Plattenfirma Full Time Hobby aus Studioaufnahmen der letzten zwei Jahre zusammenflickten und unter dem Titel „Workout Holiday“ auf den europäischen Musikmarkt warfen. Trotz dieser etwas ungleichmäßigen Qualität, die an die phantasievollen Bühnenauftritte nicht heranreicht, bestätigten enthusiastische Pressestimmen, was die Fans längst wußten: Mit soliden Alternative-Rock-Nummern meldete sich hier lautstark eine Band zu Wort, die so schnell nicht wieder verstummen würde.

Nach ihrer sechsmonatigen Tournee im vergangenen Jahr zogen sich White Denim ins Studio  zurück – ein Wohnmobil aus den 1940er Jahren mitten im Wald – und spielten mit „Fits“ (Full Time Hobby) ihr erstes echtes Album ein. Auf eine hammerharte erste Hälfte folgt eine Pause von dreißig Sekunden, nach der es sanftmütiger weitergeht. White Denim erweisen sich hier als musikalische Elstern, die schamlos alles Glitzernde aus vierzig Jahren Rock-Geschichte – von Garage über Prog-Rock und Psychedelia bis hin zu Punk-Funk und Jazz – zusammenklauben, um ihr Nest damit zu schmücken. Daß sie daraus einen unverkennbar eigenen Klang schaffen, ist die eigentliche Kunst.

„Fits“ rockt los mit „Radio Milk: How Can You Stand It“, einem Garage-Kracher mit funkig-fetten Baßakkorden, dann geht‘s mit dem Preßlufthammer durchs Hard-Rock-Paradies. Der Kopf dröhnt, die Ohren schwitzen, die Sitar vibriert bei dem Bluesrocker „Say What You Want“: psychotische Tempowechsel, Tex-Mex-Sprechgesang-Einlagen in „El Hard Attack DCWY“. Erholung bietet erst die Single-Auskopplung „I Start to Run“, der Kuhglocken einen ganz eigenen Charme verleihen.

Weil’s so schön war, begleiten die Glocken auch noch durch das furiose „Mirrored and Reversed“ und stimmen auf die besinnlichere zweite Hälfte ein, sozusagen die B-Seite. „Paint Yourself“ ist ein funkiges Stück Sonnenschein-Folk mit Anklängen an Mark Bolan, das sanft überleitet zu dem ähnlich frohsinnigen „I‘d Have It Just the Way We Were“. Petralli schmachtet ins Mikrophon, als wäre an ihm ein Schlagerstar verlorengegangen. Mit „Regina Holding Hands“ und „Synch“ folgen dann noch zwei Ausflüge ins Fata-Morgana-Land des Nu Folk, um die Verwirrung vollkommen und eines der interessantesten und originellsten Alben des kürzlich vergangenen Jahres vollständig zu machen.

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