Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Ungezählte Schändungen

Wer aus einem Vertriebenenhaushalt stammt, wird zweierlei bestätigen oder nachempfinden können: zum einen, daß die Erfahrungen der Eltern und Großeltern keinen oder nur verhaltenen Niederschlag in der öffentlichen Wahrnehmung gefunden haben. Daß Andreas Kossert mit seinem Sachbuch „Kalte Heimat“ über die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945 auf die Auswahlliste zum Preis der Leipziger Buchmesse 2009 gelangt ist, darf schon als mittlerer Tabubruch gewertet werden.

Was weithin und ohne Zahl über die vergangenen Jahrzehnte (ob romanhaft, per Schulbuch, Feuilletondebatte oder Talkformat) bewältigt wurde, war vor allem die Vergangenheit derer, die durch den Krieg kamen ohne den Makel, zum Tätervolk gehörig zu sein. Ob aus Gründen der Scham oder einer gezielten Schuldpolitik – deutsche Opfer zu beklagen, galt lange als unstatthaft.

Der andere Eindruck, den viele aus der zweiten und dritten Generation von Vertriebenenfamilien teilen, ist der: Was damals geschah, in den Januartagen des Jahres 1945 und danach, fiel unter ein Tabu, das auch innerfamiliär kaum je gebrochen wurde. Erzählt wurde nur skizzenhaft, schematisch beinahe. Das Grauen, das die bloßen Zahlen nahelegten, fand kaum Niederschlag in persönlichen, gar detaillierten Berichten.

Fakt ist: Etwa 15 Millionen Deutsche wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus den östlichen Provinzen des Reiches oder ihren angestammten Siedlungsgebieten in Ost- und Südosteuropa vertrieben. Mindestens 500.000 Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, wurden aus diesen Gebieten verschleppt und in sowjetischen Arbeitslagern geknechtet. Dies alles geschah unter Bruch des Völkerrechts und häufig durch Anwendung brutalster Gewalt. Die Zahl der Vergewaltigungen kann nur geschätzt und hochgerechnet werden; vorsichtige Annahmen gehen von zweieinhalb Millionen solcher Vorfälle aus. Zum hausgemachten Umgang mit deutschen Flüchtlingsschicksalen gehört auch, daß Angehörige von Vertriebenenverbänden (und zwar ganz abgesehen von der Causa Steinbach) als harte Hunde und kalte Revisionisten gebrandmarkt wurden – wo man sie nicht als weinerliche Opfer dritter Klasse verhöhnte.

Max Färberböcks vieldiskutierter Spielfilm „Anonyma“ hatte 2008 das Geschehen rund um die Eroberung Berlins 1945 durch die Rote Armee wieder auf den Tisch gebracht. Wie auch immer man den Film und seine per Tagebuch verbriefte Grundlage der Journalistin Marta Hiller bewerten mochte: Das Leid der gedemütigten und geschändeten Kriegsfrauen war selten zuvor unter solch grellen Lichtkegel gestellt worden (JF 44/08).

Die ZDF-Journalistin Ingeborg Jacobs, Jahrgang 1957 und gelegentliche Mitarbeiterin von Guido Knopp, weiß um die Einbettung und damit die Kompliziertheit der Vorgänge. Sie weist im Vorwort ihres Buches „Freiwild“ auf die moralische Empörung hin, die sie hervorrief, als sie 1994 dem Sender vorschlug, einen Film über ein deutsches „Wolfskind“ zu produzieren, über eine ostpreußische Kriegswaise, die in Litauen den Nachkrieg überlebt hatte. Es ist, vielleicht auch darum, an keiner Stelle eine Gegenrechnung, die Jacobs hier aufmacht.

Die Autorin hat mit über einhundert Frauen aus dem reichsdeutschen Osten über deren Spät- und Nachkriegserlebnisse, gesprochen. Einige davon läßt sie hier im Detail zu Wort kommen, weitere Originaltöne fügt sie hinzu. Sie hat das, was die Geschichtswissenschaft „oral history“ nennt, mündlich vorgetragene Zeitzeugenberichte also, sorgfältig zusammengetragen, hat den Schrecken und das Grauen zur Lesbarkeit aufbereitet und uns damit Dokumente geliefert, die man nicht unter Statistiken wird abheften können. Es ist ein, bei aller Redlichkeit, ganz furchtbarer Sog, den das Buch entfaltet. Man kann es nicht beiseite legen, man wird es schwer nur als Bettlektüre nehmen können. Kerzengerade wird man es lesen, bis zur letzten Seite. Dabei werden hier nirgends – das alles gab es ja auch schon! – Äußerungen und Beschreibungen zusammengebastelt und auf möglichst grausame Höhepunkte hin arrangiert, um ein emotionales Feuerwerk abzubrennen. Das ist nicht nötig.

Wir lesen nicht nur von Kindsmorden, von „Schändungen“, wie sexuelle Übergriffe genannt wurden, sondern auch von geradezu heldenhaften russischen Offizieren als Beschützer. Wir lesen vom schönen, warmen Frühling rund um Königsberg, wo es aber „keinen Baum“ gab, „der an den unteren Ästen Blätter hatte“, weil die Kinder von Gras, Löwenzahn und Lindenblättern zu leben gezwungen waren. Wir lesen von dem Mädchen, das seinen Peinigern nicht entkam, aber jahrzehntelang unter der Schuld litt, in ihrer Verzweiflung den Soldaten zugerufen zu haben: „Geht doch zu den Frauen ins Hinterhaus!“  Oder von Jürgen Schuberts Geschichte, der mit dem Stempel „geisteskrank“ als Heimkind aufwuchs und erst spät die Geschichte seiner Eltern entdeckte: Die Mutter hatte als Vergewaltigte einen Abtreibungsschein erhalten, brachte die Tat aber nicht übers Herz. Für den Mann aber war dieses Kind eine solche Schande, daß die Frau sich davonstahl, um den Sohn auf die Welt zu bringen und ihn einem Heim zu übergeben. Solche Wunden heilen nie; jahrzehntelange Odysseen durch Psychiatrien standen auch jenen bevor, die in der DDR als „Umsiedler“ galten. Das Unrecht, das ihnen vom russischen „Brudervolk“ widerfahren ist, hatte keinen Namen.

Wie konnte all dies soweit kommen? Daß in den Reihen der Täter etliche waren, die vordem „schlimme Erfahrungen mit Wehrmachtssoldaten oder SS gemacht“ hatten, ist das eine. Jacobs verweist wiederholt darauf. Zudem nennt sie Alkoholexzesse und russische Haßpropaganda als Ursachen; „auch Disziplinlosigkeit in der Sowjetarmee und die Gewalterfahrungen in stalinistischen Lagern trugen dazu bei“.

Wenige Fotografien illustrieren das beklemmende Buch. Es sind mitnichten jene furchtbaren Bilder, die auch existieren, die einem durch entlegene Bildbände bereits vor Augen traten – keine weißen Mädchenleichen mit hochgezogenem Rock oder dergleichen. Wir sehen Jürgen Schubert, jenes elternlose „Russenbalg“, als Kommunionkind. Wir sehen, bezopft und bescheiden, eine Wanda Schultz fünfzehnjährig auf ihrem Konfirmationsfoto von 1944, wir sehen dieselbe als junge Frau 1948. Da ist ihr Gesicht gedunsen von der Wassersucht. Die Schändungen ihres Leibs hatte sie nicht zählen können. Oder: Wir sehen eine Marta Perplies mit würdig-gefaßtem Foto-Lächeln 1946 und vieren ihrer (ebenso artig lächelnden) verbliebenen Kinder. Daß drei weitere einst unter einem Grabstein ruhten, der längst bürokratisch eingeebnet wurde, daß die Existenz einer (soll man sagen Stief-?)Tochter dem Gatten jahrelang unbekannt war, weiß nur der, der das Trauma der Perplies kennt. Nach der Lektüre dieses Buches kennt man es. Es ist eine peinvolle Lektüre, eingerechnet selbst – oder gerade? –, daß sie in wohlig warmer Stube und mit sattem Magen vorgenommen wurde.

 Man lobt für gewöhnlich die „Lesbarkeit“ eines Sachbuchs, wenn sein Inhalt ohne Durststrecken den fachfremden Leser erreicht, wenn es die Spannung des Themas auch für den interessierten Laien zu halten vermag. Das ist hier mit Sicherheit der Fall. Und doch: Es ist, in anderer Hinsicht, ein nur schwer lesbares Buch.

Ingeborg Jacobs: Freiwild. Das Schicksal deutscher Frauen 1945. Propyläen Verlag, München 2008, gebunden, 259 Seiten, 19,90 Euro

Foto:  Filmszene aus „Anonyma“ mit Nina Hoss und Jewgeny Sidikhin: Trauma einer ganzen Generation

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