Stilelemente

Vor neunzig Jahren, am 23. März 1919, wurde mit den Fasci di Combattimento, den „Kampfbünden“ Mussolinis, die erste im eigentlichen Sinn faschistische Bewegung gegründet. Häufig findet man die Behauptung, daß der Begriff „Faschismus“ sich von den Fasces herleite, jenem Rutenbündel mit der Axt in der Mitte, das auf römische, vielleicht auch auf etruskische Ursprünge zurückgeht. Die Fasces wurden von den Liktoren getragen, Amtsdienern, die die Senatoren (sechs Liktoren) beziehungsweise den Diktator (zwölf Liktoren) der römischen Republik begleiteten. Die Ruten dienten dabei ganz praktisch zur Auspeitschung, die Axt zur Verstümmelung oder Hinrichtung von Straftätern auf Befehl der Magistrate. Gleichzeitig symbolisierten die Fasces aber auch deren Amtsgewalt.

Die Ableitung des Begriffs Faschismus von den Fasces beruht allerdings auf einem Irrtum. Die Faschisten nannten sich schon Faschisten, bevor sie die Fasces verwendeten, denn fascio war eine in der italienischen Linken, vor allem im Syndikalismus, dem Mussolini vor dem Ersten Weltkrieg nahegestanden hatte, verbreitete Bezeichnung für alle möglichen Organisationsformen der Arbeiterbewegung.

Die Fasci d’Azione Rivoluzionaria, die „Revolutionären Aktionsbünde“, die der damals schon so genannte duce 1915 gründete, um den Kriegseintritt Italiens zu erzwingen, und auch die 1919 gebildeten Fasci di Combattimento trugen diesen Namen jedenfalls schon, bevor die Faschisten die Fasces als Emblem übernahmen. Deren „Erfinder“ war vermutlich der exzentrische Dichter-Soldat Gabriele d’Annunzio, der bei seiner Besetzung des Stadtstaats Fiume für seine Freikorps zahlreiche neue Symbole geschaffen hatte und einem ausgeprägten Romkult anhing, für den der imperiale Adler und die Fasces natürlich eine wichtige Rolle spielten.

Mussolini sympathisierte mit d’Annunzio, sah ihn aber auch als Konkurrenten. Als es ihm gelang, nach dem Scheitern des Fiume-Unternehmens den größten Teil von dessen Anhängerschaft zu sich herüberzuziehen, bemächtigte er sich auch des symbolischen Inventars. Schon bei den Wahlen von 1919 sollen seine Anhänger mit den Fasces geworben haben, 1921 wurden sie – auf einen Schild in den italienischen Nationalfarben gelegt – zum Abzeichen des neugegründeten Partito Nazionale Fascista (PNF). Nach der erfolgreichen Machtübernahme, dem „Marsch auf Rom“ von 1922, ließ Mussolini das Zeichen auf die Briefbögen der Ministerien drucken, aber erst nach Ausschaltung der Opposition und Errichtung des „totalitären“ Staates, am 30. Dezember 1926, wurden die Fasces in das Staatswappen Italiens aufgenommen und zu beiden Seiten des Schildes eingefügt. Seitdem fanden sie sich in allen möglichen Symbolen des faschistischen Regimes und auch in den Wappen der vor und während des Krieges okkupierten Gebiete. Kleinere faschistische Bewegungen außerhalb Italiens – in der Schweiz, Frankreich, Bulgarien sowie in Großbritannien – übernahmen mit der Bezeichnung und anderen Elementen des politischen Stils oft auch die Fasces als Symbol. Eine Machtergreifung gelang ihnen allerdings nirgends, und vielfach stellte die offensichtliche Kopie des italienischen Musters ein erhebliches Problem für den politischen Erfolg dieser Faschismen dar.

Als Mussolini zuletzt 1943 durch den Großrat des PNF abgesetzt wurde und seine kurzlebige Soziale Republik in Norditalien unter deutschem Schutz gründete, kehrte er nicht nur ideologisch zu seinen radikalen Anfängen zurück, er ließ auch eine neue Staatsflagge einführen, die auf der Trikolore einen römischen Adler zeigte, die Fasces in den Krallen – ganz nach jenem Muster gestaltet, das schon d’Annunzio in Fiume verwendet hatte.

Nach dem Untergang des Faschismus 1945 geriet das italienische Regime nie unter dasselbe Verdikt wie das deutsche, was erklärt, warum auch die Fasces nie als so diskreditiert galten wie das Hakenkreuz. An vielen öffentlichen Gebäuden Italiens ist das Symbol der Ära Mussolini bis heute zu sehen, ohne daß die Tilgung gefordert würde. Das hat verschiedene Gründe, aber es spielt auch eine Rolle, daß die Fasces zum Kanon der politischen Symbole Europas seit Beginn der Neuzeit gehören und Bedeutung für die Staatszeichen der Siegermächte (vor allem USA und Frankreich) hatten. Ein Sachverhalt, auf den zurückzukommen ist.

Die JF-Serie „Politische Zeichenlehre“ des Historikers Karlheinz Weißmann wird in zwei Wochen fortgesetzt.

Foto:  Varianten der PNF-Parteiflagge: Romkult

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