Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Sichtbare Schadstellen

Ein Staatsakt besiegelte vergangenen Donnerstag die Fertigstellung des Berliner Neuen Museums. Unter hysterischem Pressejubel und im Beisein der Prominenz aus Land, Bund, Preußischem Kulturbesitz und den Staatlichen Museen wurde der Bau als architektonisches Gesamtkunstwerk Medienvertretern und Gästen präsentiert. Zur anschließenden dreitägigen Publikumsöffnung strömten 35.000 Neugierige herbei. Zu besichtigen war eine gewaltige Architekturcollage, entstanden aus dem Ruinentorso des 1943/45 zerbombten Museumsbaus von Friedrich A. Stüler. Der ergänzt das Ensemble der Museumsinsel wieder zu seinen zwischen 1830 und 1930 entstandenen fünf Großbauten. Berlin erhält ein Museum zurück, das sechzig Jahre nicht mehr existierte.

Weniger erfreulich, daß sich bei der „archäologischen Wiederherstellung“ die üblichen Verdächtigen durchgesetzt haben: West gegen Ost, Kunstkritik gegen Bildungsbürger, Postmoderne gegen Traditionsbewahrer. Das neue Haus „rekonstruiert“ seinen Vorgänger nicht originalgetreu, „konserviert“ vielmehr die unterschiedlichen Grade der Zerstörung, „montiert“ also ein ganzes Spektrum von Erhaltungszuständen ästhetisch und baulich. Das reicht von der Restaurierung fast unbeschädigter Innenräume bis zum kompletten Neubau etwa des Nordwestflügels oder des legendären Treppenhauses.

Zur Besänftigung der kritischen Front geben Bauherren und Architekt das Ergebnis nun als behutsame Synthese von Alt und Neu aus. Hingegen erfreut, daß ihre medialen Sekundanten im Hochgefühl des Triumphs diese verlogene Harmonisierungsrhetorik fortwischen und Klartext reden. Das Resultat sei kein betulicher „Architekturdialog“, pointierte die taz, vielmehr werde der „bauliche Widerspruch“ und „harte ästhetische Bruch“ ins Werk gesetzt. Die unerbittliche Konfrontation des Hauses mit seiner Geschichte münde in seine „Dekonstruktion“, die „sichtbare Schadstellen“ und aktuelle „architektonische Drastik“ polarisiere. Dies sei, so die Frankfurter Rundschau, „alles andere als eine Ästhetik des Schönen“, vielmehr ein „Hybrid“, der Bau ein „transitorischer Raum des Vielfältigen“. Solch modisches Vokabular durchzieht den Beifallschor, von der FAZ bis zum Neuen Deutschland. Nur die Welt wagte kritischen Einspruch, analysierte die Zerstörung von Stülers Konzept und distanzierte sich von dem „bis zur Unkenntlichkeit verfremdeten“ Museumsbau.

Entstanden ist er zwischen 1843 und 1855. Gebaut hat ihn Schinkels spätklassizistischer Meisterschüler Friedrich A. Stüler im Übergang vom Biedermeier zur Gründerzeit. Klare Formgesinnung und ästhetische Sorgfalt verbanden sich mit technologischer Innovationsfreudigkeit. Revolutionär war die technische Baustelleneinrichtung; der Eisengießer August Borsig lieferte Maschinen und fertige Bauteile, so die charakteristischen Bogen-Sehnen-Träger.

In das um zwei Innenhöfe gruppierte neue Haus zogen ebenerdig Ägypten und die „vaterländische Sammlung“ (Keimzelle des Museums für Vor- und Frühgeschichte) ein; 1.000 Abgüsse veranschaulichten in der Belle Étage die Stilgeschichte der Plastik; unterm Dach fanden Brandenburgische Kunstkammer und Kupferstichkabinett ihren Platz. Besonders anspruchsvoll stellten sich Selbstdeutung und Ausstellungdidaktik des Museums dar. So waren sämtliche Räume dekoriert mit tiefsinnigen Bildprogrammen und sprechenden Inschriften. Sie betteten die Sammlungen in eine weltgeschichtliche Vision ein. Insgesamt gelang Stüler „eine singuläre Harmonie von klassischer Formensprache, bildungsbürgerlicher Ikonographie, angemessener Funktionalität und moderner Bau- und Ingenieurtechnik“ (B. Maaz).

Nach der Zerstörung war man in der Endphase der DDR zur Sicherung der Ruine und einer sorgfältigen Totalrekonstruktion entschlossen; doch 1990 entstand eine neue Lage. David Chipperfield wurde 1997/98 mit dem Wiederaufbau des Torsos und dem Projekt eines neuen Eingangsgebäudes am Kupfergraben betraut. Seine Planung provozierte scharfe Kontroversen. Brachte beim Separatbau nun 2007 das Umdenken des Architekten Beruhigung, so wollte der Streit ums Restaurierungskonzept nicht verstummen. Er hält an bis heute – wie die erneute Kritik der Gesellschaft Historisches Berlin (GHB) erst dieser Tage verdeutlicht hat.

Obschon durch die normative Kraft des baulichen Faktums an sich nun hinfällig, bleibt grundsätzlicher Einspruch bestehen. Er zielt ab auf die Konservierungsmethode des Alten und stellt die Lösung der Neubauten in Frage, vor allem Nordflügel und Treppenhaus. Authentizitäts- und Materialfetischismus werden zu Recht kritisiert als „Ruinenkult“: Durch Festschreibung der Zerstörungsgrade hat man das penible Herauspräparieren aller Risse und Schrunden zum Prinzip gemacht. So zeigen die meisten Räume schimmligen Fleckencharme. Diese angewandte „Schichtentheorie“ macht das Haus zu einem „historischen Dokument“ und zwingt ihm verschärfte Selbstreflexivität ab. Auch dies eine Säkularisierung: Der alte Idealismus als einigende Klammer wird 2009 „innerweltlich“ transformiert im Zeichen einer modernen Hörigkeit für Materialität und Zeitlichkeit. Dabei spielt der Unheilsdiskurs der Befürworter demonstrative „Gebrochenheit“ aus gegen die (als verlogen denunzierte) stilistische Einheitsidee der konservativen Gegenseite.

Für die modern ergänzten Raumvolumina schuf Chipperfield eine klobige Minimalästhetik aus poliertem Weißbeton. Das mag man in den Ausstellungssälen goutieren, den monströsen Klotz des Treppenhauses macht es zum Alptraum. Stülers erhaben-anmutige, dreiarmige Anlage mit dem zierlichen Geländer war seinerzeit eingefaßt von Kaulbachs freskierter Weltgeschichte. Hat der Architekt auch die Grundstruktur des Raums beibehalten, so Form und Sinn ins Gegenteil verkehrt. Eisberggleich usurpiert jetzt seine sprachlose Unform die zentrale Erschließungsachse und tötet den Nerv des Gebäudes. Daneben starren riesige, unverputzte Ziegelwände. Die GHB spricht vom „Bunkercharakter“ des Baus.

Fassungslos verharrt der Besucher auf der Stiege, verloren in einer Zyklopenarchitektur, während der Troß der Prominenz mit triumphaler Geste atemlos weiterstürmt. Die Paradoxien der Berliner Republik liegen einmal mehr zutage. Eine außenpolitisch erbärmliche Führung, die im Inneren jede staatliche Symbolik verweigert und das hauptstädtische Leben erbarmungslos horizontalisiert, klotzt Berlin gleichwohl mit ehrgeizigen Bauten zu, deren Anspruch ins Leere läuft.

Fotos Oben: Treppenhalle im Neuen Museum: Unerbittliche Konfrontation,  Unten: Westfassade des Neuen Museums: Das Gebäude als Dokument

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