Schach mit dem Sensenmann

Max von Sydow ist kerngesund als Schauspieler, robust und technisch zuverlässig“, sagte der schwedische Meisterregisseur Ingmar Bergman (1918–2007) einmal in einem Interview. Und eben darum war er die Idealbesetzung für viele der fragilen, psychisch gefährdeten Charaktere von Bergmans Filmen. „Falls ich einen Psychopathen gehabt hätte, der dieser schweren psychopathischen Rollen hätte darstellen müssen, er wäre er unerträglich gewesen.“

Max von Sydow, geboren am 10. April 1929 als Carl Adolf von Sydow in der südschwedischen Universitätsstadt Lund, 1,90 Meter groß, hellblond, hager, mit einem länglichen, asketischen Gesicht, das Würde, Männlichkeit und Melancholie gleichermaßen ausstrahlt, ist physisch der Urtyp des nordischen Menschen, wie er im Buche steht. Eine Aura von aristokratischer Distanz umgibt ihn, sein Habitus hat etwas Statuarisches an sich. Es fällt nicht schwer, sich ihn als Wikingerfürsten, wortkargen Fischer auf den Färörer-Inseln oder wettergegerbten Polarforscher vorzustellen – aber auch als strengen protestantischen Pastor und Philosophen in der Tradition Kierkegaards.

All diese Qualitäten vereinte Sydow in jenem Film, der ihn und seinen Regisseur Ingmar Bergman weltberühmt machte: In „Das siebente Siegel“ (1957) war Sydow gerade 28 Jahre alt, er wirkte aber viel älter als desillusionierter Kreuzritter, der nach langen Jahren nach Schweden zurückkehrt, ohne im „Heiligen Land“ Gott gefunden zu haben. Statt dessen empfängt ihn am Meeresufer der Heimat im schwarzen Umhang der Sensenmann, den er zu einer aussichtslosen Partie Schach überreden kann.

Trotz des allegorischen mittelalterlichen Gewandes war Sydows schwermütiger Ritter vor allem eine Figur des 20. Jahrhunderts, besonders des Existentialismus, der zur gleichen Zeit in Sartre und Camus seine wichtigsten Exponenten fand.

In Bergmans zweitem, Oscar-gekrönten Ausflug ins Mittelalter, „Die Jungfrauenquelle“ (1960), zeigte sich Sydow von einer noch düstereren Seite. Als seine Tochter von Wegelageren vergewaltigt und ermordet wird, greift er zum Schwert, um in einer gewaltigen, unvergeßlichen Szene blutige Rache zu üben, für die er am Ende die religiöse Buße auf sich zu nehmen bereit ist. Noch stärker als Alter ego Bergmans erschien Sydow in der Trilogie „Die Stunde des Wolfs“ (1967), „Schande“ (1968) und „Passion“ (1968) an der Seite von Liv Ullmann. Die Figuren dieser Filme waren feinnervige, labile Künstlertypen, in ständiger Gefahr, von ihren inneren Dämonen verschlungen zu werden.

Der Bergman-Boom der sechziger Jahre verschaffte Sydow bald Engagements in den USA, die deutlich von dem Image inspiriert waren, das sich mit dem „Siebenten Siegel“ gefestigt hatte. In „Hawaii“ (1965) scheiterte er als puritanischer Missionar im 19. Jahrhundert an der Bekehrung der Heiden, in dem Monumentalschinken „Die größte Geschichte aller Zeiten“ (1965) von George Stevens spielte er gar Jesus Christus, den blonden Bart schwarz gefärbt, und 1974 war er als Hesses „Steppenwolf“ in einer modisch-psychedelischen Verfilmung zu sehen.

Sydows kühle, kontrollierte Erscheinung und seine europäische „Exotik“ ließen ihn allerdings auch bald zu einem beliebten Darsteller in Spionagefilmen werden, vorzugsweise in der Schurkenrolle, so in „Brief an den Kreml“ (1969), „Die drei Tage des Condor“ (1974) und als Widersacher James Bonds in „Sag niemals nie“ (1983).

Für das Massenpublikum ist seine bekannteste Rolle wohl der „Exorzist“ aus dem gleichnamigen Skandalschocker von William Friedkin aus dem Jahr 1973. Seither ist Sydow im Kunstkino wie im Trivialfilm gleichermaßen zuhause, und er war sich nie zu schade, etwa auch Schwarze­negger-Vehikel („Conan der Barbar“, 1983) oder Stephen-King-Verfilmungen („Needful Things“, 1993) durch seine Leinwandpräsenz zu adeln.

Trotz aller internationalen Engagements blieb Sydow stets den skandinavischen Themen treu. Für seine Darstellung als schwedischer Emigrant in Dänemark in Bille Augusts „Pelle der Eroberer“ (1987) wurde er für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert, und er brillierte in der Titelrolle von Jan Troells „Hamsun“ (1996) als norwegischer Dichterfürst.

Privat ist der Schwede seit 2002 französischer Staatsbürger und lebt in Paris mit seiner zweiten Frau Catherine Brelet. Auch im hohen Alter von 80 Jahren arbeitet der Ausnahmedarsteller, dessen Leinwanddebüt unglaubliche sechzig Jahre zurückliegt, kontinuierlich weiter. Noch dieses Jahr soll er in Martin Scorsese neuestem Thriller „Shutter Island“ zu sehen sein.

Foto: Max von Sydow in dem Film „Die drei Tage des Condor“ (1975): Kühle, kontrollierte Erscheinung

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