Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Politik und die Theologie

Die Tür der Schloßkirche von Wittenberg, an der Martin Luther seine 95 Thesen befestigt haben soll, verbrannte 1760. Ob Luther am 31. Oktober 1517 tatsächlich zum Hammer griff, weiß niemand. Der Konflikt wegen des Ablaßhandels setzte eine revolutionäre Lawine in Gang. „Bald waren Menschen bereit, sich gegenseitig zu verbrennen und zu foltern“. Religiöse Streitigkeiten mündeten in Kriege. Diarmaid MacCulloch, englischer Historiker, präsentiert ein großartiges Werk, das auf über tausend Seiten die Geschichte Europas von 1490 bis 1700 ausbreitet. Meisterhaft erfaßt und strukturiert er die Komplexität der Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf der Religionspolitik jener Epoche. MacCulloch analysiert die Spaltung Europas. Auch die innere Entwicklung vieler europäischer Länder betrachtet er intensiv. Weder Martin Luther noch Papst Leo X. erkannten zunächst die Brisanz des Thesenanschlags. Eigentlich wollte Luther nur die katholische Gnadenlehre kritisieren. Daß der Mensch dank „guter Werke“ die Erlösung finde, sei falsch. Jeder Lebensweg ist vorherbestimmt und daher nicht zu beeinflussen. Nur durch den Glauben, predigte Luther, erhalten Christen die göttliche Gnade. Allmählich erkannte man in Rom die Konsequenz der Lutherschen Doktrin. Nun fürchtete der Papst, Unfehlbarkeit und Suprematie zu verlieren. Zahlreiche Fürsten unterstützten Luther, um ihre Hoheit und Macht als Landesherrn zu stärken. Daraus folgte ein problematisches Verhältnis zwischen evangelischer Kirche und Obrigkeit. 1521 hatte Luther in Worms dem Kaiser widersprochen, betonte aber, daß ein Christ der Staatsgewalt gehorchen müsse. Gut interpretiert MacCulloch des Reformators „paradoxes“ Verständnis von Freiheit: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan.“ Luther forderte, rebellische Bauern totzuschlagen; sie gefährdeten sein Bündnis mit den Fürsten. Außerdem stecken Menschen tief im Pfuhl der Sünde. Der Untertan benötige obrigkeitliche Zucht, gegen die er nicht opponieren dürfe. Nur religiöse Freiheit ist erlaubt, jenseits des Irdischen. So prägte Luther wesentlich den „unpolitischen Deutschen“. Luthers finsteres Welt- und Menschenbild teilten weder die Humanisten noch andere protestantische Gruppen. Erasmus glaubte an die Willensfreiheit. Puritaner und Calvinisten lehnten obrigkeitshöriges Denken ab. Diarmaid MacCulloch: Die Reformation 1490-1700. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008, gebunden, 1.022 Seiten, Abbildungen, 49,95 Euro

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