Der Hölle folgte die Sklaverei

Über 50.000 Volksdeutsche starben zwischen Oktober 1944 und März 1948 in den Internierungslagern der jugoslawischen Tito-Partisanen. Nach Auflösung der Lager war der Leidensweg der fast 100.000 in Jugoslawien verbliebenen Donauschwaben aber nicht zu Ende. „Sie wurden zwar nicht mehr ermordet, aber sie waren auch nicht wirklich frei“, erklärt Herbert Prokle, der mit seinem soeben erschienenen Buch „Der Weg der deutschen Minderheit Jugoslawiens nach Auflösung der Lager 1948“ eine weitgehend unbekannte Thematik aufgreift. So verrät beispielsweise eine Lehrerhandreichung Baden-Württembergs, das immerhin offizielles Patenland der Donauschwaben ist, zum Themenkomplex Umsiedlung, Flucht und Vertreibung aus dem Jahre 2002 völlige Unkenntnis, wenn dort falsch behauptet wird: „Der Rest der Bevölkerung wurde bis 1949 aus den Lagern entlassen und über die Grenze nach Ungarn und Österreich abgeschoben.“ Eine systematische Darstellung über das Schicksal der Völkermord-Überlebenden war also dringend geboten. Prokle, 1933 im Banat geboren, 1945/46 über Rumänien, Ungarn und Österreich nach Deutschland geflüchtet und von 1998 bis 2002 Vorsitzender der Heimatortsgemeinschaft Modosch (Jasa Tomic), leistete hier Pionierarbeit. Herausgeber seiner Untersuchung ist die in München ansässige Donauschwäbische Kulturstiftung (DKS), die bereits zwischen 1991 und 1995 die vierbändige Dokumentation „Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien“ veröffentlichte. Auf über 4.000 Seiten wurden dort die Jahre 1944 bis 1948 detailliert beleuchtet. Insofern ist es nur konsequent, daß die DKS nun den Blick auf die Zeit nach 1948 lenkt. Das Jahr 1948 gilt als Einschnitt, weil die Lager für deutsche Zivilpersonen aufgelöst und die volksdeutschen Kriegsgefangenen aus der Gefangenschaft entlassen wurden. Allerdings bedeutete das für die geschundene deutsche Volksgruppe keineswegs die Freiheit. „Die ganz große Mehrheit“ (Prokle) wurde direkt und ohne Mitspracherecht in Zwangsarbeitsverhältnisse überführt, offenkundig als Ersatz für die entlassenen reichsdeutschen Kriegsgefangenen. In der Regel war die Zwangsverpflichtung auf drei Jahre begrenzt. Der Arbeitswohnsitz durfte nicht verlassen werden, der Betroffene erhielt keinen Personalausweis. Ohnehin war den Jugoslawiendeutschen durch die Beschlüsse des Avnoj (Antifaschistischer Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens) vom November 1944 die Staatsbürgerschaft entzogen worden. Erst nach Ablauf der Zwangsarbeit, die durch Willkürakte des Arbeitgebers auch verlängert werden konnte, gab es die jugoslawische Staatsbürgerschaft zurück. Dies war oberflächlich betrachtet ein Fortschritt, weil die Volksdeutschen damit endlich wieder ihre bürgerlichen Rechte inklusive Freizügigkeit im ganzen Lande erhielten. Bei näherem Hinsehen war das für die Donauschwaben, die keinen anderen Wunsch hegten, als endlich das Land ihrer Peiniger verlassen zu dürfen, allerdings verheerend. Die jungen Männer wurden nämlich als Staatsbürger sofort für zwei Jahre zum Militär eingezogen. Aber auch für die übrigen Deutschen ging der Alptraum weiter, weil sie sich nun von der jugoslawischen Staatsbürgerschaft gegen eine hohe Gebühr loskaufen mußten, um eine Ausreisegenehmigung zu erhalten. Nur eine kleine Gruppe, welche die Einbürgerung konsequent verweigerte und sich von massiven Bedrohungen nicht einschüchtern ließ, konnte zu Beginn der fünfziger Jahre – weil staatenlos – verhältnismäßig unkompliziert ausreisen. Viele Donauschwaben mußten allerdings hart arbeiten und eisern sparen, um die Gebühr für die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft aufzubringen. Das ist neben den langsamen Mühlen der Bürokratie der Hauptgrund, warum eine große Zahl an Donauschwaben erst Mitte der fünfziger Jahre Jugoslawien verließ. Keine Ausreisemöglichkeit gab es zunächst für die in staatliche Heime verschleppten Kinder, deren Eltern gestorben, deportiert oder in Kriegsgefangenschaft geraten waren. Nachdem im ersten Jahr in den Vernichtungslagern 6.000 Kinder umgekommen waren, wurden 1946 die verbliebenen 7.000 – rigoros von ihren Geschwistern getrennt – im ganzen Lande verteilt und einer systematischen ethnischen Umerziehung (Verbot der deutschen Sprache) mit kommunistischer Indoktrinierung („Tito ist euer Vater, der Staat eure Mutter“) unterworfen. Nach der Auflösung der Lager 1948 wurden erneut alleinstehende Kinder in derartige Heime eingeliefert. Als dann die Eltern nach Deportation und Kriegsgefangenschaft von Deutschland beziehungsweise Österreich aus versuchten, ihre Kinder zurückzuerhalten, bestritt Jugoslawien schlicht deren Existenz und wehrte fünf Jahre lang eine Rückführung ab. Erst auf Vermittlung des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, kirchlicher Organisationen und anderer engagierter Personen gelang es, die ihren Familien zum Teil völlig entfremdeten Kinder auszulösen. Insgesamt siedelten zwischen 1950 und 1960 schließlich etwa 75.000 deutsche Volkszugehörige legal aus Jugoslawien aus. Etwa 1.000 elternlose Kinder blieben jedoch slawisiert zurück. Nach einer Erhebung des Kirchlichen Suchdienstes in München befanden sich zu Beginn der sechziger Jahre noch 17.868 namentlich bekannte Deutsche unter Titos Regime. Die Volkszählung von 1981 ermittelte 8.000 Deutsche. Es ist Prokle sehr gut gelungen, den Opfergang der Jugoslawiendeutschen zwischen 1948 und 1960 zu beschreiben. Untermauert werden seine zeitgeschichtlichen Ausführungen (Kapitel I) durch jugoslawische und deutsche Zeitdokumente der Betroffenen (Kapitel II). Durch die sich über vierzig Seiten erstreckenden Dokumente sowie durch sieben die Dokumente stützende Erlebnisberichte (Kapitel III) wird Prokle zweifellos seinem Anspruch gerecht, eine bestehende Lücke in der historischen Forschung zu schließen. Eine geschichtliche Einordnung (Kapitel IV) rundet die 144 Seiten umfassende Veröffentlichung ab, um auch mit der Thematik weniger vertrauten Lesern einen Zugang zu erleichtern. Bild: Eine Mutter herzt ihre Tochter beim Empfang von zweihundert volksdeutschen Kindern, die nach jahrelangem Entzug von den Eltern aus Jugoslawien repatriiert wurden, München 1951: „Sie wurden zwar nicht mehr ermordet, aber sie waren auch nicht wirklich frei.“ Herbert Prokle: Der Weg der deutschen Minderheit Jugoslawiens nach Auflösung der Lager 1948. München 2008, gebunden, 144 Seiten.Das Buch kann auch direkt bei Herrn Prokle, Firnhaberstr. 3, 82340 Feldafing (Telefon 0 81 57/40 50, Fax 0 81 57/40 64) für 9 Euro zuzüglich Versandkosten bestellt werden

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