Pankraz, die Feuerzangenbowle und die Anonymen

Viel geistespolitisches Porzellan ist zu Bruch gegangen, als vorige Woche der Bundesgerichtshof in Karlsruhe dem Internetforum „Spickmich.de“ ausdrücklich höchsten juristischen Segen erteilte. „Spickmich.de“ ist ein Portal, in dem anonym bleibende Schüler Lehrern, die mit Namen und voller Hausnummer genannt werden, Zensuren erteilen. Beurteilt wird zum Beispiel, ob sie „cool“ und „sexy“ seien. Eine Lehrerin hatte dagegen geklagt und wurde nun in letzter Instanz abgewiesen. Die Schüler hätten „ein Recht auf Meinungsfreiheit“, entschied das Gericht. Das müßten die Lehrer aushalten.

Der Richterspruch ist absurd. Es geht hier nicht um Meinungsfreiheit, sondern um Denunziation aus dem Dunkel heraus. Und die Folgen sind absehbar verheerend. Das Internet operiert bekanntlich landesweit, ja, weltweit. Ein an einem ganz konkreten Ort, in einer ganz konkreten Situation tätiger Lehrer wird über Nacht gewissermaßen weltweit an den Pranger gestellt, eventuell zur Lachnummer gemacht wie irgendein Professor Unrat, ohne daß er sich im geringsten dagegen wehren kann. Der pädagogische Eros, um es anspruchsvoll zu sagen, wird bis auf den Grund zerstört.

Pädagogischer Eros heißt, daß zwischen Schüler und Lehrer immer – auch noch unter den trübseligsten Umständen – ein Verhältnis vertrackter Intimität besteht. Lehrer und Schüler wissen oft mehr übereinander als selbst Eltern über ihre Kinder und Kinder über ihre Eltern. Es werden ja nicht nur „harte Fakten“ vermittelt, sondern Lebenshaltungen, Seelenlagen, Glaubenssätze und einzuhaltende Tugenden. Und das ist nur möglich durch eine Art Urvertrauen in die Sinnhaftigkeit des gegenseitigen Tuns, das beide Seiten aufrechterhalten.  Einrichtungen wie „Spickmich.de“ aber untergraben dieses Urvertrauen.

Sie sind noch schlimmer, viel schlimmer, als jede rabiate Rohrstockpädagogik vergangener Zeiten. Während diese die Schüler „nur“ zu – blindem oder zähneknirschendem – Kadavergehorsam erzog, erzieht Spickmich heute zu Dümmlichkeit, Feigheit und Hinterhältigkeit. Zwar kommen unter den Bewertungskriterien des Portals auch Sachen wie „fachliche Kompetenz“ und „methodisches Geschick“ vor, doch eindeutig dominieren alberne Zeitgeistforderungen wie „Coolness“, „sexuelle Ausstrahlung“, „modernes Outfit“ usw.

Der Lehrer wird also primär nicht nach dem beurteilt, was er an Neuem und Ungewohntem mitzuteilen hat, sondern nach dem, was Schüler, die sich für Spickmich betätigen, ihrer Meinung nach selber schon längst wissen und besser wissen. Sie wollen nicht wirklich unterrichtet, sondern lediglich in ihren Vorurteilen bestätigt werden. Sie wollen keine Fakten, mit denen man sich ernsthaft auseinandersetzen muß, sondern allenfalls einige Tricks und Gebrauchsanweisungen, mit denen sie später „im Leben“ möglichst widerstandslos über die Runden kommen.

Was gefordert wird und in der Bewertung ganz nach oben führt, ist hemmungslose Anpasserei, sowohl bei den Lehrern wie auch bei den Schülern. Der Lehrer darf auf keinen Fall nach irgendeiner Richtung hin unbequem sein. Dickköpfe, Kuriositätenliebhaber oder sonstige Originale, wie sie früher vor allem die humanistischen Gymnasien üppig bevölkerten und sich in Filmen wie der legendären „Feuerzangenbowle“ abspiegelten, haben keine Chance mehr. Gefragt sind Stromlinientypen wie jener „jugendliche Reformpädagoge“ in der „Feuerzangenbowle“, der stets den „Fortschritt“ vertritt, dessen Richtung er der jeweiligen Tageszeitung entnimmt.

Heute ist an die Stelle der Zeitung weitgehend das Internet getreten. Der Lehrer, der bei Spickmich gut abschneiden will, muß Internet-Jargon sprechen. Vor allem dadurch beweist er seine Modernität und sein Verständnis für die „Anliegen der jungen Generation“. Er weiß auch schon genau über das Vorhandensein von Spickmich und dessen denunziatorische Möglichkeiten bescheid und richtet sein Auftreten entsprechend ein. Natürlich ist er ein entschiedener Anhänger von Political Correctness und kümmert sich bevorzugt um Schüler mit „Migrationshintergrund“. So macht er Pluspunkte bei den Schulbehörden, in der Elternversammlung und eben bei Spickmich; genau betrachtet ist er aber ein Feigling.

Bei den jugendlichen Spickmich-Bewertern tritt zu Feigheit die Hinterhältigkeit. Sie sind über die Macht, die ihnen die Anonymität des Internet verleiht, genau im Bilde und nutzen sie planvoll aus. Lehrern, die sich nicht so gut im Netz auskennen oder sich nicht dafür interessieren, wird um einige Ecken herum mitgeteilt: „He, du stehst im Internet, schau doch mal rein, du wirst Augen machen.“ So wird tatsächlich der pädagogische Eros voll zerstört. An die Stelle  direkter Kommunikation tritt der elektronische Apparat, an die Stelle leidenschaftlicher Diskurse der kühle Schiedsspruch aus dem Dunkel. Auch so erzeugt man Kadavergehorsam diesmal auf dem Weg über die Lehrer, doch nicht weniger wirksam.

Verbessert wird der Unterricht dadurch natürlich nicht, geschweige denn die Meinungsfreiheit, von der zur Zeit im Zusammenhang mit Spickmich so viel die Rede ist. Eine freie Meinung besteht, wie schon der Name sagt, darin, daß sie frei geäußert wird. Anonyme Meinungen sind gerade keine freien, genau betrachtet sind es nicht einmal Meinungen. Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut, sagte schon Perikles, eine freie Meinung erfordert Mut. Die „Meinungen“, die in Spickmich geäußert werden, erfordern aber keinen Mut und können deshalb auch nicht Gegenstand juristischer Erörterungen sein, das hätte der Karlsruher Gerichtshof als mindestes bedenken müssen.

Leute, die das Karlsruher Urteil begrüßen, sprechen jubilierend von einer modernen „Feedback-Kultur“, die dadurch endlich juristisch begründet sei. „Feedback“ ohne Freiheit ist jedoch keine Kultur. Wie man es auch dreht und wendet, der Gang zum Bundesverfassungsgericht ist jetzt unerläßlich.

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