Joachim Kuhs

 

Pankraz, der Handwerker und die bleierne Decke

Der Ruf nach Rückkehr zu solidem Handwerk breitet sich in höheren Kreisen immer weiter aus. Soeben hat der eminente Theatermann Peter Stein (in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung) bewegt darüber Klage geführt, daß auf deutschen Bühnen „eine richtiggehende Rebellion gegen jede Art von Handwerklichkeit“ abrolle. Überall bei Regisseuren und Schauspielern  nur noch Eventgeilheit und Effekthascherei auf Kosten wahren handwerklichen Könnertums. Es sei eine Katastrophe, die leider auch in vielen anderen Lebensbereichen Parallelen finde.

Großen Eindruck macht zur Zeit das Buch „The Craftsman“ („Der Handwerker“) von Richard Sennett, das voriges Jahr – unter dem etwas irreführenden Titel „Handwerk“ – auch auf deutsch erschienen ist. Es bietet einen großen Lobpreis produktiver Sorgfalt und individueller Kunstfertigkeit und genießt in Seminaren und Designerkursen bereits „Kultstatus“, obwohl die professionelle Kritik damals überwiegend säuerlich reagierte.

Wenn man will, kann man auch das aktuelle Gedenken an „90 Jahre Bauhaus“ als Ausdruck grassierender Craftsman-Stimmung deuten. Zwar war das reale „Bauhaus“ der Walter Gropius und Hannes Meyer alles andere als handwerkerfreundlich, fast im Gegenteil, aber als Programm-Ideologie und Start-Impuls waltete auch und gerade in ihm das Pathos engagierten Handwerkertums. Die mittelalterliche „Bauhütte“ lieferte ja sogar den Namen für die Bewegung.

Und auch für das Bauhaus galt schon jener universale Anspruch, den heute Sennett und Stein erheben. Der Bauhäusler ist demnach keine partikulare Spezialerscheinung im Schöpfungsgefüge der Moderne, geschweige denn ein mittelalterliches Überbleibsel, sondern er ist (oder sollte sein) der Inbegriff  und die Inkarnation schöpferischer Tätigkeit insgesamt, eine „Gestalt“, die sich sowohl in materiellen wie geistigen Produktionsprozessen verkörpert und beide vorantreibt, den Häuserbau wie die Philosophie, die Schusterei wie das Ballett auf der Bühne usw.

So betrachtet ist der Sennett/Steinsche Handwerker nichts anderes als die in voller Absicht plazierte Gegengestalt zu jenen Symbolgestalten neuzeitlicher Produktivität, wie sie im  zwanzigsten Jahrhundert entworfen wurden: zum „homo faber“ des Oswald Spengler, zum „Arbeiter“ des Ernst Jünger, zum „Arbeitnehmer“ der Ludwig Erhardt und Alfred Müller-Armack, zum aufgedonnerten Kreativbolzen des Bazon Brock. Zu allen diesen Gestalten hält der Handwerker Distanz, er möchte sie überwinden, indem er sie teils zurücknimmt, teils übersteigt.

Spenglers „homo faber“ gerät ihm ins Visier, weil er, die typische Identifikationsfigur der abendländischen Neuzeit, das Produzieren selbst über das Produkt stellt. Er will „die Welt verändern“, ohne exakt danach zu fragen, was am Ende dabei herauskommt. Sein Ziel ist nicht die Gediegenheit, der natürliche Charme des Hergestellten, sondern der Profit, den es eventuell einbringt.

Gegen den Jüngerschen „Arbeiter“ hat der Handwerker einzuwenden, daß er Produktion prinzipiell mit Krieg verwechselt. Geprägt von frühen Klassenkämpfen und realen, granatendurchtosten Weltkriegen, versteht er jede schöpferische Tätigkeit letztlich nur noch als Produktions-„Schlacht“. Die Stahlgewitter haben ihn mit „Organisation“ bekannt gemacht, als da sind: höchste Wachheit an dem ihm zugewiesenen Platz, höchste Verläßlichkeit, Sicherheit beim Umgang mit technischem Gerät. Doch Sieg ist in seiner Perspektive immer nur Trümmerfeld, Produktion ist immer nur Wiederaufbau – bis zum nächsten Feuerzauber.

Mitleid und Verachtung ziehen „Arbeitnehmer“ und „Kreativbolzen“ auf sich. Ersterer hat überhaupt keine Beziehung zum Hergestellten mehr, und auch die Maschinen und Werkzeuge des Herstellungsprozesses sind ihm existentiell gleichgültig. Sie dienen ihm nur als Mittel zur Daseinssicherung, und so zieht er von einer Werkstätte zu anderen, geduldig zwar, anpassungsfähig und kaltblütig, aber eben, wie Sennett sagt, Nomade ohne Liebe zum Nomadendasein, Produzent ohne Liebe zum Produkt.

In der Regel unterschätzt der Arbeitnehmer seine individuellen Fähigkeiten, beim Kreativbolzen verhält es sich umgekehrt. Dieser hält sich für eine Art Magier. Er verwechselt andauernd Können mit bloßem Wollen, alles an ihm ist nackter Einfall, Gebrüll, Sichspreizen in des Kaisers neuen Kleidern. Der Kreativbolzen „übt“ nicht, um mit Peter Sloterdijk zu sprechen, und er erfindet auch nichts, sondern zertrümmert nur Vorgefundenes (auf dem Theater mit Vorliebe die sogenannten Klassiker), improvisiert  und überläßt alles Übrige den Einbildungen der „Konsumenten“.

Homo faber, Arbeiter, Arbeitnehmer, Kreativbolzen –  jede dieser Gestalten mag durchaus auch ihre spezifischen Tugenden haben, als Prägegeist und vorbildgebende schöpferische Instanz fallen sie nach Überzeugung des Handwerkers sämtlich aus. Indes, wie steht es mit diesem selbst? Bietet er wirklich das volle (post-)moderne Ideal?

Eindrucksvoll sind natürlich seine unverbrüchliche Überzeugung vom Vorrang des Könnens vor bloßem Wollen, Vorspiegeln und Sichwichtigmachen, sein Respekt vor gelungenen Einzelstücken und echten Bravourleistungen, auch die Sicherheit, mit der er einzuschätzen weiß, wieviel Mühe, Genie und Ausdauer in einer vollendeten Arbeit stecken. Er macht sich nichts vor. Er kennt den Weg zum Ziel genau.

Aber (und dieses „Aber“ wiegt schwer) das Ziel selbst, den Entwurf zur Tat, kennt er nicht. Er wartet auf Aufträge. Er ist pure vita activa, wie schon die Alten wußten, reine Taktik, ohne strategische Übersicht. „Handwerk hat vielleicht goldenen Boden“, schreibt Nietzsche in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“, „aber es hat auch eine bleierne Decke über sich, die andere wegschieben müssen.“ Das ist leider wahr. Trost für die Handwerker immerhin: Zum erfolgreichen Wegschieben gehört wohl immer auch gutes Handwerkszeug.

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